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Im Spiegel sah sie, dass sich der Alte zu verwundern schien über die gemütliche und noch so wohnliche Ordnung des Zimmers, die keine Spur einer Zurüstung zur Abreise trug.

Das Gipsbild wird halt ein bissel schwer zu verpacken sein! sagte er, mit Erwartung, was auf diese ironische Andeutung erwidert würde.

Statt aller Antwort trat Lucinde an die Kommode, fuhr einfach mit der Hand über sie hinweg und warf die Figur hinunter, sodass sie in hundert Scherben im Zimmer lag.

Windhack schien sein Gefallen an dieser Kraftäusserung zu haben ... Lächelnd sagte er:

Wenn Ihnen das Zimmer zu dumpf ist, fräulein, und Sie frische Luft schöpfen wollen, hier geht gleich die Treppe zu meiner Sternwarte hinauf!

Lucinde sah nicht hin, dankte aber mit einer stummen Kopfverbeugung.

Der Dechant drückt Ihnen sein Bedauern aus! Er hat es eben erst jetzt nach seinem Ausgang erfahren! Er lässt Sie fragen, ob Sie noch etwas zu wünschen hätten?

Lucinde schüttelte den Kopf.

Herr von Asselyn, der Pfarrer, ist schon nach St.-Wolfgang zurück ...

Lucinde hielt mit beiden Händen krampfhaft das Bret am Fenster fest und sah zitternd in den Park und gegen Himmel.

Ein Bote hat ihn nach der Residenz des Kirchenfürsten berufen ... Man sagt, er wird dort in eine offene Stelle an den Dom kommen ...

Sie lächelte bitter. Ihre Gedanken sprachen:

Empor zu Paula's Prophezeiung!

fräulein! näherte sich Windhack vertraulicher ...

Sie erwarten einen Brief? sagte er.

Nun wandte sich Lucinde ...

Frau von Gülpen, flüsterte er, lässt niemanden mehr zu Ihnen! Hier den Brief da ... den hab' ich halt dem Treudchen Lei abgenommen ... aber heimlich ... Sie wollte Ihnen für Ihre Teilnahme danken, sagte sie. Ich merkte gleich etwas. Frau von Gülpen meinte, des Nachts wäre noch keine ihrer Nichten so aus dem haus gelaufen und wenn noch soviel Menschen in der Stadt im Sterben gelegen hätten ... Sie würden abreisen! sagte sie. Und während mir das arme Kind dann vom Begräbniss der Mutter erzählte und von einem prächtigen Dienst, den sie bekommen soll, liess ich mir heimlich von ihr halt den Brief zustecken ...

Dann sich umsehend, wie wenn Frau von Gülpen an der Tür lauschen könnte, gab ihr Windhack das Billet.

Er entfernte sich, um dem Verdacht zu entgehen, als wenn auch er sich "mit der person auf Gesprächen betreffen liesse".

Es war die Antwort des Stadtpfarrers.

Lucinde erbrach und las:

"Meine Hochverehrteste! Ich bin aufs tiefschmerzlichste berührt von der Ihnen widerfahrenen Behandlung! Kaum eine Freundschaft gewonnen, wie die Ihrige, und schon die persönliche Nähe preisgeben müssen! Aber zu erwarten war dieses schnelle Ende! Ihr Geist, Ihr Feuer, Ihre Bekenntnisstreue unddie Dechanei!" ...

Sie nickte, jetzt ganz übereinstimmend.

"Hier an Ort und Stelle!" fuhr sie zu lesen fort, "wüsst' ich im Augenblick leider keine gelegenheit, Sie zu fesseln! Ohnehin ist vor Ihnen als vor einer Emissärin gewarnt worden! Auch meines Bleibens ist hier ja wohl schwerlich noch allzu lange! An dem Dom in der Residenz des Kirchenfürsten ist eine Stelle offen, für welche ich gegründete Aussicht habe, dass ich durch den Ihnen bekannt gewordenen Freund und Briefsteller designirt bin ..."

Lucinde unterbrach sich mit einem bittern Lächeln, als wollte sie sagen:

Du armer Tor! Diese Stelle ist schon für Bonaventura von Asselyn bestimmt und wird die Staffel werden zu seinem künftigen Bischofssitz!

Und nun schon im Uebermass ihrer Eifersucht und Liebe zerstreut durch den Gedanken, die alte Renate in St.-Wolfgang packen und aufbrechen und mitreisen, auch durch die Furcht, jetzt wohl gar Klingsohrn und Bonaventura zusammentreffen zu sehenfuhr sie fort:

"Eine Anknüpfung ist vielleicht für Sie durch einen Mann möglich, den ich stündlich von der Residenz des Kirchenfürsten erwarte, einen vielvermögenden Herrn Schnuphase. Er hat, wie er hieher geschrieben, den Auftrag, für ein vornehmes, überaus reiches und einflussreiches Haus daselbst eine Gesellschafterin zu suchen, die gewisser Conflicte wegen mit besonderer Vorsicht gewählt werden muss ..."

Lucinde las diese Stelle noch einmal ...

Der plötzliche Gedanke, in die Nähe Bonaventura's und Klingsohr's verpflanzt werden zu können, liess sie vor Aufregung den übrigen Inhalt dann fast nur noch überfliegen ...

"Das erste christliche Handelshaus daselbst ist das Piter Kattendyk'sche, und wenn Sie vielleicht geneigt wären, bei Frau Commerzienrätin Walpurgis Kattendyk –"

"P o s t s c r i p t u m . Soeben kommt Herr Schnuphase bei mir vorgefahren! Der Vorschlag ist gemacht, erwogen, a n g e n o m m e n ! Sie können, wenn Sie wollen, Herrn Schnuphase sofort begleiten und noch heute mit ihm in die Residenz des Kirchenfürsten reisen, wo Sie nach dem, was ich von Ihnen erzählt habe, im Kattendyk'schen haus zu einer der glänzendsten Stellungen mit offenen Armen werden aufgenommen werden!"

Lucinde musste jetzt vor Aufregung, Glückseligkeit und dem triumphirenden Gefühl der Genugtuung und doch wieder auch vor Furcht, alles dasund was mehr, als die Hoffnung, in Bonaventura's Nähe weilen zu dürfen! – könne doch wieder scheitern, den Brief eine Weile aus der Hand legen.

Dann aber las sie den Schluss