– da sie Bonaventura und den Dechanten nun auch noch das Haus verlassen sah und nichts kam, sie zu befreien von ihrem Jammer, von ihrer Demütigung, – die hülfe Beda Hunnius' in Anspruch zu nehmen.
Ihr Zimmer zu verlassen wagte sie nicht – aus Scham, etwa Benno oder Hedemann zu begegnen, jeder Stein schien sie zu verhöhnen – jedes Baumblatt schien ihr ein sie verletzendes Mitleid mit ihr zu haben.
Sie wollte an Hunnius schreiben ... Gerätschaften dazu gab es in ihrem Koffer ... Sie öffnete und legte alles Nötige heraus ...
Als sie geschrieben, hatte sie zwei Gelegenheiten, deren sie sich zur Abgabe des Briefes bedienen konnte ...
Die eine war Napoleons Biancchi, der sich vom Dechanten nicht ganz hatte abweisen lassen, sondern die Treppe hinaufstieg und nach Signora Schwarz fragte ...
Auch das musste Frau von Gülpen hören und sehen!
Der Ankauf schon einer Kunstsammlung im haus! sagte sie, als sie den Italiener an die Tür verwies, wo man den Moses Michel Angelo's hatte kaufen wollen.
Lucinde begrüsste den Italiener gefasst, lehnte den Ankauf nicht ab, gab für die Statue, was Napoleone verlangte.
Sie liess dann Porzia grüssen. Sie erfuhr, dass Hedemann seiner Tochter gestern ganz den Dienst erwiesen hatte, den sie vorausgesetzt.
Auf ihren Glückwunsch zur "schönen Müllerin von Witoborn" machte Napoleons eines der charakteristischen Zeichen, mit denen der Italiener dreierlei Gedanken zu gleicher Zeit ausdrücken kann, sagte aber doch:
Herr Hedemann wollte von Ihnen italienisch lernen!
Bitter lächelnd über die Zerstörung aller dieser schönen, so traulich gewesenen Hoffnungen, überlegte sie, ob sie ihren Brief für die Stadtpfarrei durch Napoleone besorgen lassen sollte.
Dabei fiel aber ihr blick vom Fenster aus auf einen andern Ankömmling, der in den Wegen des Parkes sichtbar wurde, eine hohe, kräftige weibliche Gestalt, die unverkennbar die Jüdin von gestern war. Sie trug auf dem einen Arm ein Kind, auf dem andern einen grossen verdeckten Korb.
Rufen Sie mir jene Frau mit dem Korb und dem kind herauf! sagte sie zu dem Italiener, der sich entfernend der aus ihrem Erstaunen nicht mehr herauskommenden und wie auf Wachtposten befindlichen Frau von Gülpen in der Tat die Mitteilung machen konnte, dass Lucinde ihm einen seiner wertvollsten Abgüsse abgekauft hatte.
Sinnend stand Lucinde vor dem Gesetzgeber der Juden, dessen kolossale und markige Formen eher einem Hercules angehörten, wenn man nicht an den Propheter des "starken und eifrigen" Gottes denken wollte ...
Ist doch nicht jeder Priester nur ein Schatten! sagte sie sich. Nicht jeder nur ein kalter todter Begriff! Nicht jeder nur die Drohne im Bienenstock! Nicht jeder nur ein Mann in langem Frauengewande!
Es passte auf Moses und auf Beda Hunnius ...
Sie hatte den Brief noch einmal überlesen. Sie schilderte dem neuen Freunde ihr Misgeschick in der Dechanei und bat um seinen Beistand ...
Als sie gesiegelt, klopfte es ...
Die Hasen-Jette trat ein ...
Auch ihr hatte Frau von Gülpen mit den Worten den Weg zur Mansardenstube gewiesen:
Ich sehe, dort oben bekommt noch heute die ganze Stadt Audienz!
Frau Henriette Lippschütz trat in gewählterer und minder phantastischer Kleidung ein, als sie diese Nacht getragen hatte. Am rechten arme hielt sie einen mächtigen Korb voll frischgeschossenen wilden Geflügels, das auf einer Unterlage von zusammengerollten und gleichfalls verkäuflichen groben Scheuertüchern, Zwirngebinden, Bandrollen, Schwefelfäden, Feuerzeugen und dergleichen ruhte; auf der Linken trug sie einen Knaben von mindestens schon zwölf bis dreizehn Jahren.
Tragen Sie einen so grossen Jungen noch auf dem arme? fragte Lucinde.
Mein Davidchen! antwortete die Jüdin. Das Kind ist so schwach auf die Beine! Und weil die Tante Lei nun gestorben ist, fürchtet sich das Kind zu haus! Wir wohnen gerade gegenüber dem Unglück! Komm, Davidchen, ich setze dich auf das schöne Sopha da! Das fräulein erlaubt es! Womit kann ich dienen?
Lucinde nahm Kleider und Wäsche vom Sopha fort. Aber der schon so grosse Knabe protestirte mit langgezogenem, weinerlichem Tone und hielt sich fest am Halse seiner Mutter.
Fürchtest dich doch nicht, Davidchen? Eine so schöne Dame! hände wie Seide! Komm, Davidchen! Lass dich sitzen!
Nein! war die Antwort, weinerlich langgezogen und entschieden.
Und voll unendlichster Milde und Nachgiebigkeit sagte die grosse Frau:
Willst du nicht, Davidchen? Nun, so gib dich nur! Ich will den Korb niederstellen! Womit kann ich dienen, fräulein?
Dabei hielt die Frau unverwandt den schweren Knaben.
Ich hätte gern einen Brief von Ihnen in die Stadt besorgt – sagte Lucinde ...
Die Frau nahm den Brief; aber David sagte:
Ich – ich will ihn haben!
Willst ihn haben, mein Sohn? sagte die schwächste aller Mütter. Er kann nichts sehen Geschriebenes, er will's haben! Gelt, David, du gibst einen Gelehrten?
So schmeichelte sie dem David, nur damit er nicht den Brief zu tragen begehrte. Die kluge Frau sah wohl, dass das fräulein nicht den Brief offen getragen wünschte.
Zum Glück war David eitel und wollte noch gründlicher seine Kenntnisse leuchten lassen.
Er zeigte auf den Korb und sagte:
Achetez quelque chôse Mademoiselle! Nous avons des jolis objets à vendre!
Was hat er gesagt? Was hat er gesagt? rief die entzückte Mutter.
Lucinde übersetzte es und rühmte aufrichtig des Knaben Genie.
Der Onkel lasst