her in die kleine römische Enclave, das einzig rechtgläubig dorterum gebliebene Hildesheim. Es ist die Sprache der braunschweigischen Umlaute "uö" statt a oder au oder o, die Sprache des lispelnden S vor St und Sp ... Alle diese feinen Nuancen gehören zu dem Duft des "Vörnöhmen" und "Erhöbenen", das den Lebküchler, Wachslichterfabrikanten und Messgewands-ticker schon seit dreissig "Jöhren" umgibt.
Schnuphase, oder nach seiner eigenen Aussprache "Schnuphöse", besitzt eine nie "ermöngelnde" Ergebenheit. Er ist das Factotum aller menschlichen Bedürfnisse des höhern und niedern "christkötölischen" Klerus. Er ist der Beichtvater der Beichtväter. Herr Maria, von Hildesheim durch eine glückliche Gesellenschaft und darauffolgende Verheiratung gegen Westen verpflanzt, ist wohlangesehener Bürger und Hausbesitzer in der stolzen Königin des grossen "S-trömes", die wir kennen lernen werden. Er ist der "Figaro hier", der "Figaro dort" des Domstifts und aller derer, die sein Vertrauen suchen und nicht suchen! Dienen, dienen um jeden Preis, dienen und wär's auch nur um die regelmässige Abnahme seiner weltberühmten Wachskerzen für Haus und Altar, seiner Lebkuchen für den Weihnachtsbaum, seiner Stikkereien, deren Anfertigung seine beiden Töchter Eva und Apollonia zu den Garderobièren aller Gottesmütter des Landes und aller sonstigen heiligen Toiletten gemacht hat ... dienen war "Herrn Maria's" Lebensaufgabe! Wo ereignete sich das Weihen einer Kirche auf zwanzig Meilen in der Runde, stromauf, stromab, ins Frankenland hinein und hinüber auf die rote Erde, dass Herr Maria fehlte? Oder eine Priesterweihe oder ein Zweckessen oder ein grosses Leichenbegängniss oder eine Glockenweihe oder eine Wallfahrt oder eine Schaustellung wundertätiger Bilder oder Reliquien ... Herr Maria sollte fehlen? Herr Maria, der kleine, immer vom Feuer der überzeugung sowohl wie vom edelsten Ahrbleichert Gerötete? Er war einer der Cherubs, flammend von der Nase bis zum Schwert, die an der Katedrale in der Residenz des Kirchenfürsten die Eingangsportale hüteten! Dabei durft er auch wandeln auf Erden wie ein Cherub auf Urlaub, ein Cherub der Legende, zu Wagen, zu Ross, per Dampf auf der kühlen Welle oder der hie und da schon sich streckenden Schiene! .. Herr Maria wohnte in einem der altertümlichsten, massivsten Häuser, die man sich durch hochwürdigste Protection nur erwerben kann. Er war in seiner Art ein Napoleon. Wenigstens war die Biene sein Symbol. Er hätte eigentlich in einem Bienenmantel bei jeder Procession voranschreiten müssen, wie er oft voranschritt, dann freilich im schwärzesten der schwarzen unter seinen vielen Fräcken, mit entblösstem haupt und eine seiner eigenen Kerzen tragend ... Die Bienen hatten ihn gelehrt, Honig früh von Wachs zu unterscheiden, aus jenem die lieblichsten nürnberger lebe- und torner Pfefferkuchen und baseler Leckerlis zu gestalten, aus diesem aber Kerzen, reine, weissgelbe edle Wachskerzen zur heiligsten Weihe. Und diese Bienen hatten ihn auch die Emsigkeit gelehrt, den rastlosen Fleiss, das Sammeln auf allen Fluren und Wegen und Stegen für seinen eigenen Schatz und den des Reiches Gottes. So erlebte er freilich die Berufung zu den höchsten Steuersätzen durch diesen kalten protestantischen, keine Exemtionen duldenden "S-töt", aber auch die Mittel, sie quartaliter pünktlichst zu berichtigen. Herr Maria galt für wohlhabend, aber er war reich. Das wussten Domherren und Capitulare und Officiale und Curaten bis zu Psalteristen und Calcanten hinunter. Dominicus Nück, der mächtige Procurator, Benno's Principal, wusste es gleichfalls. Der hatte ihn auf der Liste aller derer, die in grossen Erbschaftsfragen, wie z.B. jetzt in der der Dorste-Camphausen, Mündel- und Pupillengelder auf die rechten Plätze anzulegen wissen. Und was gab es nicht allein schon auf dem geistlichen Gebiete zu rechnen und zu zählen! Was hatten die Herren von Sancta-Columba und Den Aposteln und Den sieben Schmerzen und allen Kirchen diesseit und jenseit des Stromes nicht für einen Neffen dort, für eine Nichte da liebevollst zu sorgen, aufzunehmen und abzutragen! Was gab es nicht Kapitalien unterzubringen! "Schicket euch in die Zeit, denn es ist böse Zeit!" Herr Maria kannte das ganze Land, kannte alles, was neben Bienen auch Korn und Gerste zieht und Hypoteken braucht. Freilich war er nicht in dieser Gegend geboren, aber er war geboren in dem land der Höflichkeit, der feinsten deutschen Aussprache, der gewähltesten Umgangsformen. Er wurde überall gut aufgenommen und nie übermütig. Er hatte von den Bienen die schöne Harmonie gelernt, die Unterordnung unter einen gekrönten Weisel, unter die selbstbeschauliche Trägheit vornehmer Drohnen; selbst jener poetische Schwung fehlte Herrn Maria nicht, den die Alten mit den Bienen bezeichnen wollten, wenn sie im mund eines göttlichen Redners die Biene abbildeten oder einen Sophokles an ihr sterben liessen ... nein, Sophokles starb an einer verschluckten Weinbeere! Aber schon die attischen Bienen ruhten vielleicht am liebsten auf solchen Weinbeeren, die von Chios und Tenedos an den Ilissus verpflanzt wurden! Schnuphase bestätigte den Naturforschern, dass die Bienen am liebsten sich den Honig vom Safte der Weinbeeren saugen. Oder verurteilt ihr ihn deshalb? Lebte der schwungvolle Mann nicht im land der köstlichsten Reben? Er, der nur "brauns-weiger" Mumme oder goslarer "Göse" als die höchsten Errungenschaften der dürstenden Menschheit bei seiner Geburt kennen gelernt hatte, er bekam sein rotes Näschen, seine roten Wänglein, die dem weissen Lockenköpfchen allerliebst standen, nur auf den schönen Rebenhügeln seines neuen Vaterlandes, unter den