schicken sollte. In dem einen Briefe waren nicht mehr Worte und Buchstaben als im andern.
An den Pünktchen da, sagte der Dechant, sehe' ich, wie sie gezählt hat, ob auch keiner mehr Buchstaben bekommen hat als der andere!
Oder weniger! sagte Bonaventura gerührt. Sieh, ein Kind will sich zum Preis der Aussöhnung seiner älteren setzen! Sollten diese beide nun nicht wirklich, um vor ihrem kind nicht beschämt zu stehen, ihren Hass und Groll fahren lassen? Bleibt der kleine Genius des Friedens nur fest in seiner Weigerung, so mein' ich, müsste eine Eifersucht entbrennen zwischen Vater und Mutter, die zum Guten führt! nennen Sie das Sakrament der Ehe noch den grossen wunden Schaden unserer Kirche, wenn es solche Opfer möglich macht? Die kleine Armgart handelt – ich muss es so nennen – katolisch!
"Aus dem mund der Unmündigen und Säuglinge hast du dein Lob zugerichtet!" sagte der Dechant ironisch und erhob sich, um Bonaventura das Geleit zu geben und nach Windhack zu klingeln.
Nachdem sie beide die Reliquien aus dem Sarge zusammengelegt und in einer tasche, die zu Bonaventura's Reiseeffecten gehörte, geborgen hatten; nachdem der Dechant auf die von ihm ausgesprochene Erwartung, der Neffe würde doch wenigstens zum Mittagessen noch dasein, eine ablehnende Antwort erhalten hatte – den Pfarrer zog es mächtig in seine Gemeinde zurück und – Lucinde verscheuchte ihn –; standen beide schon an der Tür, Bonaventura, um auf den Weinberg des Obersten zu gehen, der Dechant, um in der Stadt die diese Nacht mutterlos gewordenen Waisen mit Geldmitteln zu versehen. Eben sagte er: Tröste Witwen und Waisen, wie du heute Nacht Zwei Türen gingen in diesem Augenblicke zu Windhack trat ein und wollte eine Meldung an BoHerr Pfarrer! sagte er eilends ... Aber auch Frau von Gülpen war von nebenan erZwar war ihre Toilette schon in schönster Ordnung, Gott, was ist Ihnen, Liebe? fragte der Dechant. Sie wollte sprechen, aber sie konnte nicht ... Sie winkte nur Windhack, zu sagen, was d e r wolle ...
Ein Wägelchen ist halt eben vorgefahren –! sagte Windhack, stockte aber, weil dem so sichtbaren Schmerz der Frau von Gülpen offenbar die Vorhand gebührte ...
Ein Wägelchen – ist – eben – vorgefahren! wiederholte Frau von Gülpen mit hauchender stimme. Sie tat dies, um ihm gleichsam seine Mitteilung zu erleichtern. Es war ein Ton der leidendsten Geduld, ja der eines förmlichen Abgeschlossenhabens mit dieser ganzen höchst unvollkommenen Welt ...
Schon ahnte der Dechant die Ursache dieses Anblicks – die neue Nichte –
Was ist denn, Windhack? fragte er, um nur bald wenigstens über dessen Störung hinwegzukommen –
Der Wagen unten ...
Nun ja, nun ja –
Herr Maria!
Wer?
Herr Maria!
Frau von Gülpen war so grossmütig, so tief edelgesinnt, so gewohntermassen aufopferungsfreudig, auch noch jetzt die Verständigung zu unterstützen.
Herr Schnuphase! sagte sie.
Herr Schnuphase? ...
Eine dringende Meldung an den Herrn Pfarrer ... fuhr Windhack fort.
An mich? fragte Bonaventura ...
Herr Maria hat Sie halt schon in St.-Wolfgang aufgesucht ... ein sehr wichtiger Auftrag ...
Und schon hörte man auf dem Corridor draussen das Husten und Räuspern eines Mannes, der nicht gewohnt schien, lange ohne das freudigste Bewillkommtwerden zu verharren ...
Ist denn schon die Zeit der Wachsernte, fragte der Dechant lächelnd und verdriesslich zugleich ...
Aber Herr Jean Baptiste Maria Schnuphase, Lebküchler, Wachslichterfabrikant und Messgewandstikker aus der Residenz des Kirchenfürsten, schien absichtlich zwei oder drei Prisen genommen zu haben, um nur dicht am Schlüsselloch draussen niesen zu können ...
Und mit jener Selbstaufopferung, die für sich selbst im Leben ja auch nichts, auch gar nichts beansprucht, sondern die nur allein andere glücklich zu machen wünscht, winkte Frau von Gülpen, dass Herr Schnuphase eintreten möchte!
Der Dechant war im äussersten Grade gerührt, zu sehen, wie sich jetzt die gute Frau erschöpft auf ein Eckkanapee im Dunkeln niederliess, ganz nur Resignation, ganz nur ein Bild der Ergebung, sich selbst eklipsirend, wie Windhack hätte sagen können ... Gern hätte er tröstend ihr zugeflüstert: Nun, "die person" ist doch schon fort? Lassen Sie sie in Gottes Namen reisen! Und gleich! Den Augenblick! ... Aber der Eintretende nahm die Aufmerksamkeit aller Anwesenden allein in Anspruch.
Herr Jean Baptiste Maria Schnuphase ist ein kleiner Mann von unendlichster Devotion. Sein Frack ist grün, die Knöpfe daran sind weiss und von Metall, die Weste ist von Kameelgarn und gelb und die Beinkleider sind von Nanking. Er trägt weissgewaschene Lederhandschuhe, wie zu einer Kindtaufe. Aber statt eines Hutes hat er doch nur eine Reisemütze in der Hand und das genirt ihn und das bringt ihn ausserordentlich in Verlegenheit und er muss lächeln und um Entschuldigung bitten und muss alles aufbieten, um das Négligé dieser Reisekappe zu verbergen und muss sein: Hochwürdigste Hochwürden – gnädigste Frau – hochehrwürdiger Herr Pfarrer – sehr geehrter Herr Windhack ... mit so vielen Verbeugungen unterbrechen, dass wir –
Doch nein! Um Jean Baptiste Maria Schnuphase ganz zu charakterisiren und nichts zu unterlassen, was zu seinem "ganz ergebensten" und "hochachtungsvoll ergebensten" Eindruck gehört, müssen wir ihn eigentlich in seiner eigenen Sprache reden lassen ... Es ist das jene Sprache von der Abdachung des Harzes