Postillon die grösste Eile.
Jetzt erst, um zehn Uhr, als Lucinde doch auch einmal aussteigen und sich etwas dehnen und recken wollte, bemerkte er, wie sie seine Weisung, sich vornehm und anders als gewöhnlich zu kleiden, bis zum "Auffallenden" misverstanden hatte; er bat sie, lieber im Wagen zu bleiben. Sie hatte gedacht, er würde endlich sagen: Nein aber wie schön! Wie entsprechend der gegebenen Anweisung! Und vollends waren jetzt sogar die Locken aufgegangen und hingen ihr, wie einer Genoveva, lang über den Nacken herab, ein wildromantisches Aussehen gebend ... Aber Oskar Binder zankte sogar.
Die Vögel werden nicht vor mir erschrecken! sagte sie spitzig, als er sich dabei ängstlich umsah. Sie liess sich nicht abhalten und stieg aus.
Wie wohl tat ihr's, endlich im wald die beklommene Brust ausdehnen zu können!
Oskar Binder gefiel ihr heute nicht. Sie wusste nicht, wie sie so schnell und unüberlegt in diese "gelegenheit nach Amerika" hatte einwilligen können. Sah diese Reise doch einer Erhörung seiner Huldigungen nicht unähnlich, und doch hatte sie Oskar'n bisjetzt keine Zärtlichkeit gestattet. Wäre er ihr heute früh fünf Uhr bei den beiden Pappeln gleich um den Hals gefallen, dann hätte es mit ihrer Zukunft seine Richtigkeit gehabt, der Augenblick hätte sie überwunden, sie hätte sich liebkosen lassen und nach Gefühl erwidert; jetzt aber war der Augenblick verfehlt, und wenn bei den beiden Stationen, die sie hinter sich hatten, jedesmal beim Weiterfahren der junge Mann einen Anflug von Zutraulichkeit bekam und ihre Hand ergreifen wollte, zog sie sie zurück. In dem zornigen Temperament, das ihrem Blute eigen schien, bei dem schwachen "Talent zur Treue", wie sie es selbst nannte, überlegte sie schon bei den ersten ahnungsvollen Blicken in die nächste Ferne, ob denn in der Tat nicht Amerika auch zu weit liegen möchte; denn nach ihrem Princip mochte sie hier in jedem dorf gleich halten und in jedem schloss gleich die Leute kennen lernen.
Den Bitten des nur mit seiner Kassette beschäftigten Oskar, im Wagen zu bleiben, gab sie kein Gehör. Der Weg ging bergauf, der Postillon schritt auch zu Fuss und sie wollte sogar noch weiter links in den Buchenwald hinein. Das dort noch gehäufte Laub vom vorigen Jahre lockte sie. Das raschelte so gleichförmig zu ihren Füssen hin, und sie wollte dabei an Amerika und das grosse Weltmeer denken, das sie mit dem jungen mann und seiner törichten Liebe zu ihr zu durchschiffen hatte. Und wie gebieterisch er schon wurde! Er rief einmal über das andere in englischer Betonung: Mary! Mary! Als wenn auch er ihren Namen Lucinde zu verleugnen hätte! Sie staunte dabei, dass Oskar, wie sie bei den zurückgelegten Stationen schon bemerkt zu haben glaubte, sich mit den Postaltern und Wagenmeistern in gebrochenem Deutsch unterhielt. Mehr aus gereiztem Spott als aus guter Laune war es, dass sie von ihrem Laubmeer, das ihr bis an die Knöchel ging, zur Landstrasse hinüber antwortete:
Yes, my dear! Yes, my dear!
Die englische Conversation tat Oskar'n wohl und schien zu seiner Beruhigung zu dienen. Während der Postillon horchend mit seinem Birkenzweig die Gäule kitzelte, fing jener laut einen englischen Discurs an, der im wald hüben und drüben nachschallte.
Lucinde verstand ihn freilich nicht mehr als der Postillon; sie sagte immer nur: Yes, my dear! Yes, my dear! Ihr Augenmerk war auf Eichkatzen gerichtet, deren sie nicht wenige aus dem Laube, unter dem noch manche vorjährige Buchecker lag, aufschreckte.
Wie sie so hin- und herrannte und die Tierchen die Stämme hinaufschossen, musste sie sonderbarerweise der längst vergessenen und aus der Stadt entschwundenen Frau Hauptmännin von Buschbeck gedenken. Diese stand ihr plötzlich in dem Nachtkamisol mit der grossen Haube über der Nase und dem aufgebundenen Unterrock vor Augen und vergegenwärtigte ihr besonders den Moment, wenn sie auf den Mäusefang ging. fand nämlich Frau von Buschbeck auf ihrem Boden der Kartoffeln zu viele zernagt, so hatte die seltene Frau auch das Talent, Mäuse aus freier Hand zu fangen. Lucinde war ihr oft nachgeschlichen, wie sie auf der Hühnersteige, die zum dach führte, auf der Lauer lag, listig um sich blickte und mit raschem Griff sich eines ihrer Opfer bemächtigte. Hing dann am Morgen in der Küche immer ein halb Dutzend Mäuse an den Schwänzen aufgereiht und hätte die Jägerin gesagt, es wäre ein Vorurteil, so reinliche und leider von den besten Dingen sich nährende Tierchen nicht zu speisen, in den ersten Wochen, wo Lucinde von Langen-Nauenheim zu ihr gekommen war, hätte sie voll staunender Bewunderung und in ihrer "damaligen Dummheit" nicht widersprochen, sondern sie auf Befehl gegessen, gesotten oder gebraten, wie die Frau Hauptmännin nur gewollt. Warum ihr aber das gerade jetzt so entgegenkam? Hier im wald? In dieser Einsamkeit? Sie sah die Alte deutlich, sie sah sie zwischen den Bäumen hinhuschen und Mäuse fangen; sie musste sich schütteln; sie kannte sich noch darauf nicht, was es ist, vom Fieber durchschauert zu werden. Sie war vor Aufregung seit gestern Abend mit dem Lockenbrennen und Frühaufstehen und "nach Amerika Reisen" nicht zur Ruhe gekommen und eine Krankheit drohte.
Der junge Anglo-Amerikaner merkte nicht, wie gespenstisch blass sie sah, als sie mit hängenden Locken über das raschelnde Buchenlaub zu ihm zurückkehrte und in den Wagen stieg, der jetzt bergab und schneller fuhr.