die katolische Kirche hat sich das Schwerste auferlegt! Das ist wahr – aber darin liegt gerade ihr Mut, liegt –
Ihre Verwegenheit! warf der Dechant dazwischen und fuhr in der Tat aufgeregter als sonst fort:
Gelten lass' ich Reinigungen und Fasten! Es ist gut, dass der Mensch sich oft und regelmässig die Schranke vorführe, die ihn von der Tierwelt ebenso wie von einem übermässigen Gebrauche seiner Freiheit trennt! Aber die Ehe! Eine Verklärung der Schöpfung mag sie sein, eine Stütze der zivilisation; aber die Ehe an gesetz zu binden, die wenn nicht die natur – die man schon leider ganz aufgeben muss! – doch die Liebe ausschliesslich vorgeschrieben hat, das rächt sich an der Sitte und – Sittlichkeit! Es wird sich an der Kirche rächen!
In solchen Augenblicken der Erregung des Greises widersprach Bonaventura nicht.
Es lag auch dann ein so stolzer, hoher Ausdruck in des Dechanten Blicken, die schlanke, noch ungebeugte Gestalt wuchs vollends in die Höhe, die gewohnte Indolenz schwand so ganz, dass der Oheim dann etwas von einem Staatsmann oder einem weisen Gesetzgeber zu bekommen schien und den, der ihm widersprach, geradezu unreif erscheinen liess.
Habe nur meine Erfahrung! sagte er. Man sieht nur nicht diese Nachteile einer scheinbaren Wahrheit und einer so grossen Lüge! Sie liegen – dank der furchtbaren Organisation, die in unserer Welt die polizeiliche Ordnung hat! – nicht so offen! O sie liegen so verborgen, dass es mir oft, wenn ich mich in unserer katolischen Welt umsehe, vorkommt, als sähe man die alten Verliesse der Burgen wieder, wo die Gebeine der Geopferten modern, sähe in die Kerker der alten Klöster, die die Folgen der Zuchtlosigkeit vergruben ... Doch – lass es jetzt genug sein!
Und gleichsam als wenn die Erinnerung einer ganzen schweren Vergangenheit über ihn käme, so zitterte er und brach nun ab.
Wie um sich zu besänftigen, nahm er dann die Briefe und sagte:
Gehst du zum Weinberg des Obersten von Hülleshoven hinüber, so weiss ich nicht, sollst du dem Obersten diese Briefe da mitnehmen oder nicht?
Er erzählte, dass sie ihm von Armgart von Hülleshoven zugekommen wären ...
Bonaventura wollte schnell in seine Pfarre zurück. Er konnte nicht hoffen Benno's habhaft zu werden; nur auf dem amt galt es noch seine Anzeige über den Leichenraub zu machen. Dem Obersten stand er ferne. Der Oberst war ein Sonderling, der gegen die ganze Welt etwas Schroffes, ja Ablehnendes hatte ...
Die Briefe beziehen sich, sagte der Dechant, auf Dinge, die ich nicht gern mit dem Obersten erörtere ...
Bonaventura kannte die Personen und Verhältnisse ... er wusste, dass Armgart von Hülleshoven in dem Glauben erzogen war, eine Waise zu sein ... er wusste, dass sie seit noch nicht lange erst erfahren hatte, dass ihre beiden älteren lebten und getrennt lebten.
Als Bonaventura die beiden zierlich zusammengelegten Briefe sah, auf welchen mit sauberer Hand geschrieben stand: "An meinen Vater!" Auf dem andern: "An meine Mutter!" sagte er:
Sie spricht doch wohl ihr Glück aus, jetzt plötzlich diese Schätze gefunden zu haben?
Im Gegenteil! erwiderte der Dechant. Als ich die Briefe empfing, wusst' ich nicht, ob ich über sie lachen oder mich ärgern sollte. In Wahrheit war ich von ihnen gerührt, um so mehr, da auch die Mutter mir aus Wien geschrieben hat, wo sie endlich das Kloster, in dem sie zeiter meistenteils lebte, verliess. Beide älteren machen Ansprüche auf ihr Kind und jetzt um so lebhafter, seitdem sie um diesen Besitz wieder in den alten eifersüchtigen Streit geraten sind. Die Mutter will sogar binnen kurzem in die Gegend kommen, was ich dich bitte, um Aufreizungen zu vermeiden, dem Obersten zu verschweigen ...
Bonaventura hätte sich gern dem Auftrage entzogen. Doch las er, da der Dechant es wünschte, den einen der offenen Briefe Armgart's.
"Mein Vater!" schrieb Armgart von Hülleshoven. "Wie die heilige Margarita betete, so wiederhole ich: 'Mein Herr und Gott, bewahre unser Herz in Reinigkeit, unser Leben in Unschuld und jede Begierde, jede Meinung, jede Handlung unsers Lebens in reinster Wahrheit!' Dass ich dich einst nennen werde: Mein einziggeliebter Vater! wird die Folge der erkenntnis deiner hohen Tugenden sein. Die Heiligen mögen mir bezeugen, ich habe ein Herz, so voll der himmlischen Liebesflammen, dass ich dich mit Innigkeit umarmen könnte, wenn ich nicht wüsste, dass ich eine Mutter habe. Auch sie darf ich, wenn ich wahr sein will, nicht begrüssen, wie es Kindern ziemt, ihre älteren nach langer Trennung zu begrüssen. würde' ich aber, wenn ich zu dir mit ausgebreiteten Armen flöge, nicht die Mutter betrüben? würde' ich nicht den Schein annehmen, als bevorzugte mein Herz eines von euch? würde' ich nicht ein Urteil zu sprechen scheinen, das ferne von mir liegt? Ach, ich beschwöre euch! kommt, liebevereint, beide – und ruft mich an euer ausgesöhntes Herz! Lasst mich zu euch beiden zu gleicher Stunde emporblicken! Lasst mich reuevoll und in ewiger Liebe vor euch beiden niedersinken und mit einem einzigen glückseligen Worte mich nennen euer einziges und treues Kind, Armgart von Hülleshoven."
Und der Mutter?
Schreibt sie wörtlich dasselbe!
Bonaventura überflog den Brief, den der Dechant nach Wien