damals fehlten? Warum hat sie Mevissen ohne Ihr Wissen an sich genommen? Warum nahm er sie mit ins Grab?
Der Dechant schwieg ...
Ich weiss es nicht! sagte er dann nachdenklich.
Mevissen wohnte allen diesen Vorgängen bei, die Sie schilderten?
In aufrichtigster Trauer! Wir legten oben auf dem Hospiz alles zusammen, was deiner Mutter zu übersenden war. Diese Gegenstände dort fehlten, das weiss ich genau. Da das Geld unangerührt war, gedachten wir nicht der Uhr. Die Spielhahnfeder ist ein Hutschmuck der Alpengegenden. Das Gemshorn sass ohne Zweifel als Griff an einem Alpenstock. Der grüne Schleier ist eine Schutzwehr des Auges gegen die blendende wirkung des Schnees. Gewiss! Ich sah damals diese Dinge nicht und begreife den Wert nicht, den Mevissen so weit darauf legte, sie so heimlich zu bewahren! Er war so ehrlich und so treu ... Ich erkundigte mich später in Genf; ich hatte die sichersten Beweise, dass diese einsame Alpenwanderung deines Vaters, während Mevissen allein im Gastofe zur Balance zurückbleiben musste, ihn mit einer durch den Erfolg nur zu sehr gerechtfertigten Unruhe erfüllte. Die Beerdigung in St.-Remy vollzog er mit all der Standhaftigkeit, zu der ich mich nicht aufschwingen konnte. Ich sass erschöpft im Refectorium des Hospizes und schilderte den kindlichen Mönchen die Tugenden des Verblichenen. Wie hätt' ich sie erfreut, wenn ich ihnen schon damals hätte sagen können, dass der Sohn des Unglücklichen in den geistlichen Stand treten würde! Ich musste diese Männer bewundern, die über siebentausend Fuss über dem Meere wohnen, fünfzehn Jahre hier zu verweilen verpflichtet sind und selten, wenn sie auch mit zwanzig Jahren schon vom Bischof zu Sitten hierher entsendet werden, ihr fünfunddreissigstes Jahr erreichen. So wüten die Stürme, so dorrt der Frost die Glieder aus, so verbraucht die tägliche Anstrengung, die es kostet, nur allein die nächsten Bedürfnisse auf diese Höhe zu bringen, nur Holz und wasser! So oft ich jene vermessenen Reden unserer Geistlichkeit höre, Reden, wie ich sie noch gestern wieder vernahm, möchte' ich doch aufstehen und eine Schilderung des Lebens der Augustinerchorherren auf dem St.-Bernhard geben und rufen: Hic Rhodus! Hic salta! Da zeigt euern Heldenmut!
Bonaventura schüttelte sein Haupt, hob sein braunes Auge wie verklärt und erwiderte:
Nein, Oheim! Was ist es denn, was diesen Menschen dort oben selbst den Schnee so rosig erglühen lässt, dass sie ihn auch ohne die Sonne wie nur in Purpur getaucht zu erblicken glauben! Es ist die himmlische Sonne, die sie bescheint, die moralische, dass sie sich fühlen in einer grossen Gemeinschaft, der zu Liebe diese und alle Opfer dargebracht werden! Lasst diese Priester der Ebene doch vermessen reden und sich ihrer Rechte und Pflichten rühmen! Würde nicht schon in der Ebene dieser Geist der Hingebung gepflegt, allmählich aufgezogen, allmählich herangebildet, wie könnte er in die Berge steigen! Nein! Aus einer einzelnen zufälligen Entschliessung des edlen Herzens hier und dort ist es nicht möglich jene jungen Männer dort oben wohnen, wirken, früh dahinwelken zu lassen! Sie würden vielleicht zuweilen in grösserer Anzahl sich einstellen, als sie nötig sind; öfter aber auch würden sie ganz fehlen. So muss es eine Pflanzschule dieses Geistes der Aufopferung geben, irgendeine magische Zauberformel muss sie alle halten und regieren. An dem Mut, dort unter den Gerippen und dem Schnee des St.-Bernhard auszuhalten, arbeitet der streitende Geist derer hier unten mit! Das ist ja das Geheimnissvolle in unserer Kirche, dass sie ein Zusammenwirken tausendfacher Kräfte ist, wo sie wunderbar durch die Formen ersetzt, was an den Personen sich heute findet, morgen fehlt. Unsere Kirche befreit den Geist von den Launen des Zufalls, der natur! O dass das so wenig verstanden wird!
Unsere Metode ist gross! räumte der Dechant ein; seufzend aber setzte er hinzu:
Soviel Schönes, soviel Erhabenes in unserer Kirche, so vieles, was den poetischen Menschen in uns mit den tiefsten Ahnungen und Schauern durchrieselt – wenn nur so vieles andere, was dem Menschengeiste von unsterblichem und göttlichem Werte sein darf und muss, nicht in ihr verloren ginge!
Dies Tema trennte beide wie immer ...
Ein rätselhaftes Gefühl drängte den Dechanten, während der entstehenden Pause seinem Schreibtisch zuzulangen, als müsste er jenen Brief von unbekannter Hand Bonaventura mitteilen, jene Aufforderung im Jahre 18** am Tage des heiligen Bernhard von Clairvaux unter den Eichen von Castellungo sich zu einem Concil der Befreiung einzufinden!
Doch erblickte er unter den Papieren zunächst nur den Brief Angelika Müller's mit den Einlagen ...
Auch dessen Inhalt erlaubte es, bei dem gegenstand zu verweilen, den Bonaventura die Grundlage der katolischen Kirche genannt hatte.
Der Dechant war der Meinung, dass die katolische Kirche nicht zu ihrem Vorteil die Ehe zu einem Sakrament erhoben hat. Wo die persönliche Freiheit so beschränkt wäre, dass man sein Lebtag im Joche einer einmal verfehlten Wahl hinsiechen müsse ... da könne der Segen Gottes nimmermehr weilen! Er sprach dies auch jetzt wieder aus mit Rücksicht auf die Briefe, die er entfaltete ...
Bonaventura unterbrach ihn aber schon ...
Nein, Onkel, sagte er, es gibt keine Religion, die nicht bindet! Schon im Namen liegt's ja! Haben die Völker nicht in diesem ein höheres Gesetz, so haben sie es in jenem! Was ist nicht alles den Juden, was nicht den Türken untersagt! Ja,