unverdiente Gnade des himmels erscheinen lässt, muss ich dieser Tage gedenken und des Anblicks, wie ich meinen teuern Bruder wiedersah!
Wiedersah? Doch sahen Sie ihn wieder?
Allerdings!
Sie fanden ihn nicht schon bestattet?
Ich hatte den Genfersee hinter mir und fuhr an den immer mehr sich verengenden Ufern der Rhone nach Martigny, wo mir Mevissen, selbst ein Bild des Todes, entsetzt entgegenkam. Von dort nimmt man Saumrosse; aber mein Gemüt war zu erschüttert, ich legte mir die Wanderung zu Fuss auf. Sie führte durch gesprengte Felsen, an uralten, noch aus der Römerzeit herausblickenden Mauern vorüber, durch das Geröll der Betten wilder Berggewässer, armselige Dörfer, immer höher empor zu jenem Pass, auf dem Napoleon 1800 die Fusstapfen der alten Cäsaren im ewigen Schnee wiederfinden wollte. Tief in den Schluchten, in die der blick mit grausendem Schwindel sich verliert, weiden die Heerden der Rinder zwischen den Ausläufern der Gletscher. Hier schon befindet man sich auf einer Höhe von 7–9000 Fuss und erblickt dicht neben und über sich in den Felsenriffen die Spuren des sprengenden Frostes und der wenigen im Frühjahr schmelzenden langen Schneegehänge. Ich reiste im Juni und doch wurden die weissen Todtenfelder immer unabsehbarer, die Ausblicke öder und kahler. Die Führer erzählten von einem Fremden, der vor zwei Monaten allein und ohne Warnung anzunehmen den Pass hätte ersteigen wollen. Da hätte plötzlich niederfallender Schnee die Wege verschüttet und den Wanderer auf eine falsche Fährte geführt. Den Unglücklichen, den ich eben sehen sollte, hätte man auf einem vom Wege abgelegenen Felsenzacken gefunden, dicht an einem unermesslichen Niedersturz ...
Sie sahen den Vater!
Ich sah ihn! Ich sah ihn in jener grauenvollen Morgue, die oft auf viele Jahre die Leichen der auf dem St.-Bernhard gefundenen Verunglückten zur Wiedererkennung durch ihre Angehörigen aufbewahrt! Grässliche Erinnerung! Eine Stunde vom Hospiz entfernt liegt ein kleines Gebäude, ausgesetzt dem schärfsten zug der Eisesluft, die das Défilé de Marengo durchstreift. Einer der Augustiner stand schon mit dem Schlüssel an der Pforte des Todtengewölbes und begrüsste mich. Ein und derselbe Glaube, ein und derselbe Beruf, und doch wie verschiedenartig unsere Pflichten! Ich kam aus Wien mit goldenen Ringen an den Fingern, mit zierlichen Billets in der Brieftasche, die mich zu einem Diner, dort zu einer Soirée eingeladen hatten, noch schwirrten die Opern der Italiener mir im Ohre, die im Kärntnertor ihre Stagione hielten, und vor mir stand trotz der Kälte im leichten Chorherrenrock ein Priester von nicht viel über dreissig Jahren mit seinem Begleiter, einem ihm mit dem Kopf bis an die Hüfte reichenden Hunde, dessen gewaltige Muskeln, aufmerkende hohe Ohren, fürchterliche Lefzen und Tatzen in einem rührenden Contrast zu dem Körbchen mit Lebensmitteln und dem ledernen weingefüllten Schlauche standen, die an seinem zottigen Halse befestigt waren. In französischer Sprache begrüsste mich der Chorherr und bedauerte die Veranlassung, bei welcher zwei Priester so ihre Bekanntschaft machten. Eine nach niederwärts führende Tür schloss er auf und wir standen in einem Gewölbe, das die erhitzteste Phantasie nicht grauenvoller sich ausmalen kann. Rings an den Wänden Gerippe an Gerippe, und nicht etwa nur völlig versehrte, nicht etwa nur Reste, sondern wohlerhaltene Körper, die die Eisesluft, die durch die offenen, correspondirenden Fenster zieht, an gänzlicher Verwesung verhindert. Niemand wird hier begraben, dessen Identität nicht im Laufe der Jahre hergestellt wird. So standen dort Gestalten schon zwanzig Jahre an die Wand gelehnt! Vor ihnen lagen auf einem Tische ihre Kleider und die sonstigen Gegenstände, die sie bei sich trugen. Der letzte in der Reihe war ... ja! es war mein unglücklicher Bruder, dein teurer Vater ... Ich sah ihn stehen! Vor mir! tot! Von einem Sturz von der Felsenkante, wo man ihn fand, war das Haupt zerschmettert und hing, schon fast nur noch in Knochen, hernieder! Im übrigen war es sein lieber, edler Eindruck! Da lagen die Kleider, die ich nur zu gut kannte, da lag das Portefeuille, das ich an mich nahm, da lag noch sein Geldbeutel mit dreissig Napoleons und etwas kleiner Münze und einigen römischen, wie man sie in diesen Gegenden oft findet, ein Plan der Schweiz, ein Fernrohr, Billets zur Ueberfahrt über den Genfersee, einiges weisses Brot, eben noch wie davon abgebrochen, eine Korbflasche mit Kirschengeist, Handschuhe, Tragbänder, der Trauring deiner Mutter ... alles ... alles ... Die Träger bürdeten es sich dann mit der Leiche auf. Ich stieg mit dem Mönch zum Hospiz empor. Die Leiche blieb da so lange in der Kapelle, bis man sie auf meinen Wunsch nach der südlichen, italienischen Seite zu, über dem Orte St.-Remy beerdigte!
Der Dechant schwieg ... Nie hatte er diese Schilderung so genau gegeben. Nur einmal vor den Gerichten und einmal – vor dem jetzigen Kirchenfürsten, als dieser noch die Geschäfte eines Generalvicars verwaltete und die Heirat der Witwe beanstanden wollte.
Der Trauring meiner Mutter! wiederholte Bonaventura schmerzlich. In ihm liegt – die ganze Lebensfrage unserer Kirche!
Das ist ein Abgrund, mein Sohn, wie auch unsere Ehelosigkeit ... sagte der Greis. Lass es ruhen!
Beide Priester schwiegen ...
In diesem Schweigen lag der Schauer zweier Jahrtausende.
Eine Weile verging – –
So also war es! begann Bonaventura wieder voll Schmerz. Und doch wie ist es möglich, dass diese Gegenstände vor uns auf dem St.-Bernhard