über die abendlichen Entüllungen wegen Lucinden. Noch wusste er nichts von dem nächtlichen Vorfall und der bereits schon definitiv erfolgten Kündigung. Bonaventura gab Lucinden sogar das zeugnis, dass sie dem Onkel eine anregende, originelle, wenn auch die Menschen etwas wirr durcheinander hetzende Unterhaltung werden könnte. Da wird nichts helfen! sagte der Dechant. Ihre Erscheinung ruft bei uns Erinnerungen wach, die wir fern halten müssen! ... Bonaventura wusste, wie wenig gern der Dechant an Schloss Neuhof erinnert wurde ... doch hielt er Lucindens Bleiben für so entschieden noch nicht gefährdet, als es war.
Dann hatten die Briefe sehr aufregend auf den Onkel gewirkt, die Angelika Müller durch Benno und Hedemann geschickt hatte und die letzterer schon gestern Nachmittag abgegeben ... Von Benno sah und hörte man nichts.
Endlich aber und vorzugsweise galt die düstere Stimmung einigen auf einem Nebentische ausgebreiteten wunderlichen Gegenständen, die im ersten Augenblick vielleicht einem Eintretenden nicht einmal wären aufgefallen, da sie den allgemeinen Nippcharakter des ganzen Mobiliars trugen.
Auf dem Tischchen, einem jener zierlichen von Mahagoni, die zu den kleinen Spielpartieen in der Dechanei gebraucht wurden, lagen eine zerbrochene goldene Uhr, ein Gemshorn, ein grüner Schleier, eine Spielhahnfeder, ein Klappmesser mit vielen eingeschlagenen Klingen und ähnliche Gegenstände von verwittertem und verrostetem Aussehen.
Dies waren die Sachen, die man in dem Sarg des alten Mevissen gefunden hatte.
Warum hatte der Alte diese Dinge so gehütet? Warum hatte Mevissen, der in seinem eigengezimmerten Sarge schlief, eine so grosse Furcht vor ihrer Entdeckung gehabt? Wie hing, da Bonaventura sehr bald aus der Uhr und einem Namenszuge des Messers erkannte, dass diese Gegenstände einst seinem Vater gehört hatten, ein dem Werte nach so unbedeutender Besitz zusammen mit der Furcht des alten Begleiters seines Vaters, sie durch den Tod in andere hände gelangen zu wissen? Warum hatte er, wenn er diese Gegenstände der Welt und ihrem Verkehr entziehen wollte, sie nicht vernichtet? Die Uhr, das Gemshorn, das Messer liessen sich vielleicht nicht so leicht zerstören; was aber sollte noch die Aufbewahrung des grünen Schleiers und der Spielhahnfeder?
Die Unfähigkeit, sich alle diese fragen zu beantworten, beunruhigte auch Bonaventura so sehr, dass er wegen dieser teuern Reliquien zu seinem Oheim gereist war.
Der Dechant freilich sagte, als er soeben mit Rührung diese Erinnerungen an seinen Bruder Fritz gemustert hatte, er wisse wohl, wie diese Gegenstände mit dem unglücklichen Ende desselben in Verbindung zu bringen wären. Er könne nur nicht erklären, warum der Diener, dessen anhänglichkeit und Treue eine seltene und erprobte war, auf diese Andenken einen so ganz unbegreiflichen Wert gelegt hätte.
Ja, fuhr Bonaventura fort, wie konnten diese Dinge damals bei dem teuern toten selbst fehlen, da Sie doch, wie ich hörte, so manche andere Andenken bei ihm fanden, den Trauring meiner Mutter, das Portefeuille mit seinem letzten Willen, die Wäsche, die er in einem Reisesack trug, als er durch das Val de Bagne über den St.-Bernhard nach Aosta wollte, sogar die Schaumünzen, die er in der sogenannten Jupitersebene noch gefunden? Wie ist überhaupt der Tod meines Vaters verbürgt! Begruben Sie ihn selbst? Ich zweifle jetzt an allem!
Bona! rief der Dechant verweisend.
Stand Ihnen denn Mevissen zur Seite, als Sie doch wohl eine Untersuchung über den Tod des Vaters anstellten?
Mevissen war ja mein Führer bis St.-Remy, wo der Verunglückte zur Ruhe bestattet liegt!
Liessen Sie denn nicht den Sarg öffnen? Nie haben Sie mir, nie der Mutter, nie dem Stiefvater erzählen mögen, wie alles beim Ableben des Vaters zuging!
Was sollt' ich vor eure Seelen diese Bilder des Schreckens führen!
Meine älteren liebten sich nicht!
Doch! Doch! ... Ich war in Wien, lieber Sohn, und recht wie um mich zu strafen für meinen heitern Genuss der Stadt, erhielt ich dort die Mitteilung, von deinem Vater hätte man seit Wochen keine Nachricht und fürchte ein Unglück. Im ersten Augenblicke glaubte man ...
An Selbstmord?
Es liess sich daran denken ...
Um meine Mutter!
Bona, gib diesen Vorstellungen nicht ohne prüfende Gerechtigkeit Raum! Deine Mutter lebt und liebt dich! ...
Mevissen hatte bereits nach dem Orte geschrieben, wo deine Mutter während der Reise deines Vaters weilte! Von dort erhielt ich die Nachricht, dass man seine Spur verloren. Er hatte von Genf Abschied genommen, um durch die Walliser Alpen eine Fusswanderung anzutreten, die er ohne Begleitung seines Dieners machen wollte. Wochen waren vergangen, bis Mevissen etwas von ihm erfuhr. Endlich währte dem Diener das Ausbleiben seines Herrn zu lange. Er stellte Erkundigungen bis auf den Weg zum Simplon an und bis nach Martigny. Leider vergebens. Jede Spur schien nach diesen Richtungen hin verloren. Als ich dann mit einer Eile, wie sie nur irgend in der damaligen langsamen Communication möglich war, in Genf ankam, hört' ich schon, dass seine Spur auf dem andern Uebergange nach Italien, der von Martigny über den grossen St.-Bernhard führt, entdeckt worden war, aber auch das, dass sie zu dem sichern Ergebniss seines Todes geführt hatte. Mevissen befand sich auf dem Hospiz der Augustinermönche; ich reiste ihm nach. Dein Vater, mein edler Bruder, war von einem Schneewetter überfallen, verschüttet, in einen Abgrund gesunken und elend erfroren. So oft der Gleichschritt im gewöhnlichen Dasein mir die Bequemlichkeit als eine zu