in diesem ihrem äussersten Négligé und sogar ohne ihre Zähne ihren unruhigen Lolo aufgesucht hatte, war noch mehr erschrokken gewesen als Lucinde ...
Lucinde hätte in diesem Augenblick den Pfau erwürgen können.
Ohne eine Antwort gegeben zu haben, war sie in ihrem Zimmer verschwunden.
Immer noch hörte sie den knirschenden Sand auf dem steinernen Estrich draussen, immer noch hörte sie das Huschen des Pfaus, der neben der wie eine Juno keinesweges schönen, aber wie Juno mindestens ebenso zornigen Frau stand und sie mit seinem hoffärtigen kronengeschmückten kopf angestarrt hatte ...
Es ahnte ihr für den folgenden Tag nichts Gutes ...
Freilich so bitter, wie ihr wieder der Kelch des Lebens geschenkt wurde, ahnte sie die Folge nicht ...
Als sie nach einer ganz sanft verschlummerten, ganz ausserordentlich erquickend gewesenen Nacht erwachte und die Sonne wundergolden in ihr Stübchen schien und das sogar verschönerte und das sogar behaglich machte, als sie dann das Fenster öffnete, den erquickendsten Lindenduft einsog; als sie in der Ferne schon den zweiten Tag der militärischen Uebungen durch Trommeln und Pfeifen angekündigt hörte, erhielt sie von Windhack das Frühstück überbracht ...
Er stellte es hin, während sie gerade an ihrem Haar kämmend vor dem Spiegel sass und sich in einem weiten Toilettenmantel verstecken musste, und ging ...
Wie sie aufgestanden war, bemerkte sie beim Frühstück ein Billet.
Es war mit Geld beschwert ...
Sie öffnete, las – ein Moment entschied alles ...
Sie las die kurzen Worte:
"Ich ersuche Sie, mein fräulein, noch im Laufe des heutigen Tages unwiderruflich die Dechanei und für immer zu verlassen. Petronella von Gülpen."
Sie griff an ihr Herz. Im ersten Augenblick hatte es aufgehört zu schlagen.
Fussnoten
1 Ein aus der geschilderten Zeit herrührender und später mit Beschlag belegter actenmässiger Brief. 2 Auch dieser actenmässige Brief wurde im Jahre 1837 mit Beschlag belegt. 3 Gleichfalls actenmässig.
10.
Zur selbigen goldenen Morgenfrühe sassen der Dechant und Bonaventura in des erstern traulichem, dufterfülltem Studirzimmer zum Frühstück ...
Nach der löblichen Sitte katolischer Geistlichen wandelten sie nicht etwa noch in Schlafröcken und Pantoffeln, sondern waren schon ganz in ihren üblichen schwarzen Kleidern.
Nun erst, an der Morgensonne, nahmen sich die grünen Decken und seidenen Vorhänge über den Büchergestellen, Bildern und Alabasterstatuetten, die schön eingebundenen Kupferstichsammlungen, französischen Ganzfranzbände mit dem Wappen der Asselyns besonders freundlich und vornehm aus. Nichts sah vergilbt, verblasst aus. Die vielen Bekanntschaften, die der Dechant in der Nähe und Ferne sorglichst pflegte, hielten alles jung und angehörig der heitersten Gegenwart ...
Schon längst war zwischen Oheim und Neffen über ihr verschiedenartiges Verhalten zu ihrem gemeinschaftlichen Beruf ein Abkommen getroffen. Bonaventura liebte den Oheim wie seinen Vater ... Er konnte noch jetzt, wie einst als Kind, die weisse, wohlgepflegte Hand des Greises an seine Lippen ziehen: so zärtlich empfand er für ihn ... Sammelt sich doch ohnehin der zurückgestaute Schatz von Liebe im Herzen eines katolischen Priesters und muss irgendwie und irgendwo hinausströmen, um das übervolle Herz nicht zu zersprengen!
In Bonaventura war dieses Bett seiner Empfindungen die Kirche, sein Beruf, seine Heerde ... und doch konnte er den Dechanten seinen weisen, menschenfreundlichen, lieben Philosophen nennen und der Dechant wieder nannte ihn seinen Heiligen, seinen künftigen Franz von Sales oder Carlo Borromeo und decretirte ihm, wie Paula, die Seherin, noch einst die Mitra eines Erzbischofs, den Purpur eines Cardinals.
Von dem Liebesdienste, den ihm gestern in so später Stunde gleich nach seiner nicht mehr erwarteten Ankunft Bonaventura abgenommen, wurde nicht viel gesprochen. Das Kommen und Gehen der Menschen, Geburt, Leben und Tod ist die tägliche Erfahrung dieser Männer, wie beim arzt das Befinden ihrer Patienten ...
Dennoch blickte der Dechant düster und mit schmerzlicher Miene in den sonnenhellen Morgen, in die geöffneten Fenster, die grüne Linde und das Hüpfen der gezähmten und an die Brosamen des Frühstücks gewöhnten Vögel.
Diese wagten sich vor zwei Bewohnern heute nicht ins Zimmer. Bonaventura war eben im Begriff, mit einem Körnchen weissen Brotes einen der Spatzen zu überzeugen, dass sich durch ihn hier nichts geändert hätte, dass jeder Hungerige getrost kommen könnte auf den Frühstückstisch, wo in altem geschnörkelten Porzellan Chocolade servirt wurde, die dem Dechanten, wie er behauptete, das Blut erwärmte und ihm mehr Lebensstimmung gäbe, als der nach ihm die Melancholie nährende Kaffee ...
Er bereitete sich diese Chocolade, auch nachdem er die Messe gelesen – das Messelesen selbst musste nüchtern geschehen – mit eigener Hand ... Windhack brachte dann siedendes wasser, das auf einer Teemaschine im Kochen erhalten wurde. In ein kleines Gefäss wurde das wasser durch einen Hahn abgelassen und während es langsam strömte, mussten die dünnen Scheibchen der Chocolade, die der Dechant dem Strahl entgegenhielt, schmelzen. Nach jedem geschmolzenen Stücke quirlte er die gewonnene Auflösung, die er so oft mit neuen Täfelchen wiederholte, bis sein Geschmack getroffen war. Er behauptete, diese Art der Chocoladebereitung wäre die einzig richtige. Er hätte sie einst von seinem Bruder Max, Benno's Adoptivvater, gelernt, als dieser aus Napoleon's in Spanien kämpfender Armee verwundet zurückkehrte und damals ein Knäblein von wenigen Monaten mitbrachte gegen Borkenhagen, wo er zum besten der ganzen Familie Landwirt werden wollte, unsern Benno, der indessen dem Haarrauch acclimatisirt und der Familie längst wie ein geborener Angehöriger war.
Die heute so düstere Miene des Dechanten galt zuvörderst dem Mismut