wenn er nach haus kommt und findet Frau Lei nicht mehr – der Löb mit seinem gefühlvollen Herzen!
Bonaventura kannte auch den Löb, den Bruder der Frau Lippschütz, den berühmten Gütermakler und Handelsmann Löb Seligmann. Er durfte diesen Empfindungen einer einzelnen einen gemeinsamen Ausdruck geben. Noch sprach er, nicht als Geistlicher, sondern als Bekannter und Freund der Bewohner von Kocher, laut einen herzlichen Nachruf, tröstete die Kinder und ging zuletzt mit Grützmachern und dem arzt.
Als er sich mit ersterm über die vergebliche Verfolgung des Leichenräubers verständigt zu haben schien, bildete sich wieder jener Zug, der die Monstranz in die Katedrale zurücktrug.
Lucinde folgte ... Wie musste sie ihrer eigenen Jugend und ihrer Geschwister gedenken! ... Das neue Waisenhaus!
Es schlug zwölf, als Lucinde übermüdet wieder die Stufen zum Dome hinanstieg und wartete, bis Bonaventura aus der Sakristei zurückkehren würde.
Endlich kam er ... in seinen gewöhnlichen Kleidern.
Ich muss mich Ihnen anschliessen! sagte sie. Ich hatte Briefe an den Stadtpfarrer zu überbringen, deren Eile ich ganz vergessen hatte! Ich hielt mich zu lange im Gespräch mit ihm auf, folgte dann Ihrem zug zum Sterbebette und muss nun unter Ihrem Schutze in die Dechanei zurückkehren! Kann ich es tun, als wenn ich überhaupt nicht abwesend gewesen wäre, desto lieber! Ich fürchte Frau von Gülpen und ihre üble Auslegung!
Bonaventura, der Frau von Gülpen's strenge Auffassungen kannte, erbot sich gern zu dem gewünschten Beistand. Er war so menschlich in allem und kein Haarspalter und kein Mückenseiger ...
So gingen beide in den Park hinunter.
Wie tobte es jetzt in Lucinden, wie stockte ihr Atem! Und doch dies ruhige Gespräch über die Vorgänge der letzten Nacht, über Grützmacher's Nachrichten, über Benno, Hedemann, die Herbstübungen, den kürzern Weg da oder dort, die Leidensfamilie, die eben verlassene, wieder dann die Baumalleen, die Boskete, Windhack's Sternwarte ...
Darauf hin kannten sich beide schon ... So konnte sie neben ihm gehen, wie eine Nachtwandlerin auf haushoher Zinne, jeden Augenblick den Niedersturz drohend – so er, gleichsam den Arm schützend und schon zum Auffangen ausgebreitet über sie gehalten und doch vom Gleichgültigsten plaudernd und scherzend sogar ...
Wie der Geliebte dann den Hausschlüssel zog, öffnete, sie zuerst in das stille Vorhaus liess, erklärte, zwar unten zu wohnen, aber sie doch bis hinauf begleiten zu wollen, wie sie dann ihn zum leisern Sprechen ermahnte, seine Begleitung ablehnte und er doch noch eine Stiege lang folgte – sollte es ihr da nicht wieder sein, wie schon oft, als müsste sie vor ihm niedersinken und ihn anflehen: Tritt lieber mit deinem Fuss auf mich, du Entsetzlicher, Kalter, Unerbittlicher! ... An seiner Brust hätte sie jetzt ruhen, jetzt sich ausweinen, auslachen mögen ... und er sagte nichts als: Gute Nacht, fräulein! Sagte das ihr, die noch jung, noch schön war, die Huldigungen erlebt hatte, wo sie nur irgend erschienen war, eine Siegerin über so viel Männer von Reichtum, Ansehen, Geist ... Gute Nacht, fräulein ... Und das in tiefster Stille ... im nächtlichen Dunkel ...
Die zweite Stiege in ihren Entresol glaubte sie allein gehen zu können ... Sie hauchte ihm das in stammelnden Worten so hin ...
Sie ging langsam ... halb ohnmächtig vor Schmerz über das eine "Gute Nacht, fräulein!" ...
Alles ringsum war dabei still ... niemand bemerkte ihre Rückkehr ... vielleicht hatte auch niemand ihr Weggehen bemerkt ...
Sie musste sich an dem eisernen Gitter der Treppe halten, als sie langsam hinaufstieg ...
Bonaventura war nicht mehr hörbar ...
Auf dem Corridor der zweiten Etage blieb sie stehen und holte einen tiefen, tiefen Atemzug ... Dann erschreckte sie plötzlich ein Geräusch wie von einem auffliegenden Vogel ...
Es war der Pfau, der ihr neugierig, hoch aufgerichteten Hauptes entgegenschritt.
Sie entlief ihm fast bis an die Tür ihres Wohnzimmers ... Das Tier sah so gespenstisch aus ...
Ihr Wohnzimmer lag am Aufgang zu einer dritten Treppe, die schon ins Dach und zu Windhack's Sternen führte.
Wie sie in Eile rasch nur und um unbemerkt in ihr Zimmer zu kommen den Schlüssel drehte, wandte sie sich um, sah eine Weile ins Leere, schrie dann aber fast auf ... sie glaubte im ersten Augenblicke ein Gespenst zu sehen ...
Es war, mit einem Lichte in der Hand aus einem der Corridore des Geviertes, in dem die Dechanei gebaut war, tretend, die leibhaftige Frau Hauptmännin von Buschbeck ...
Dieselben funkelnden Augen aus dunkeln Höhlen, dieselbe aus Haube und Schleife hervorschiessende spitze Nase, dasselbe Drehen und mühlsteinartige Schroten der zahnlosen Kinnladen ...
Aber es war kein Gespenst ... Es war die Schwester ihres alten Nachtunholdes ... es war Frau Petronella von Gülpen – ohne die Verschönerungen ihrer Toilette ...
Auf die aber auch von Seiten der Frau von Gülpen wie zum Tod erschrockenen Worte: Aber, mein fräulein! Wo kommen denn S i e noch so spät her? Wo denn – um Jesu Wunden willen – waren – Sie – denn die – ganze Nacht – über –? verschwand Lucinde ...
Frau von Gülpen, die nur