rauschendes Gewässer daherstürzen. Es war der Fall. über ein Brücklein musste man noch gehen, auf dem ein St.-Nepomuk den Gruss der Vorübergehenden empfing ... Die Zahl derselben mehrte sich ... Wohl ein Dutzend Menschen aus dem volk schloss sich dem klingelnden Knaben an, so spät auch die Stunde schon vorgerückt war ... Es kam ein ganz vertrockneter Lindenbaum und ein Haus, in das sie eintraten ...
An der Wand neben dem Torweg fand Lucinde die verrosteten Haken, von denen der Dechant erzählt hatte ...
Noch stand der Hackeklotz im Gange ...
Auf dem steinernen Estrich der Vorflur ging eine Rinne, durch welche sonst das Blut floss aus dem im hof befindlichen Schlachtause.
Unter den Anwesenden, die der Hostie gefolgt waren, fiel Lucinde noch nicht auf. Meist waren es Frauen. Sie hielten sich in der Vorflur, während eine Tür geöffnet wurde, durch die man in ein hinteres Zimmer sah, wo die Sterbende lag.
Bonaventura schritt durch einige Betten hindurch, wo ruhig die kleinern Kinder der sterbenden Mutter schliefen ... Treudchen Lei und ein Bruder, der den Dechanten nun doch noch gerufen hatte, lagen über dem Bette der Mutter ausgestreckt und schluchzten ...
Der so überraschend statt des Dechanten gekommene geliebte Priester nahm von dem Ministranten das heilige Oel, um damit seine Finger zu netzen. Mit diesen berührte er die einzelnen Teile des Antlitzes der Sterbenden ...
Für Bonaventura konnten Menschen zugegen sein, die noch heftigere Wallungen in ihm hervorgerufen hätten als Lucinde, er würde nicht auf sie geachtet haben. Er liess die Sterbende, die ihn noch erkannte, mit einem matten Aufblick die ganze letzte Freude empfinden, an seiner Hand aus dem Irdischen hinausgeleitet zu werden. Mit gross und geisterhaft aufgeschlagenen Augen sah sie auf seine hohe Gestalt und zupfte mit den unruhigen Fingerspitzen an der Decke, bis ihre Tochter, wie wenn sie Wünsche hätte, sich ihr näher beugen musste. Ihr Wunsch war nur, noch so viel Schärfe des Gehörs zu besitzen, die milde stimme des geliebten Priesters zu hören.
Bonaventura salbte die Sterbende mit leise begleitenden Worten an den von der Kirche vorgeschriebenen Teilen, an denen, welche die Organe unserer Sinne, unsers Willens und unserer Sünden sind. Mit Auge, Ohr, Geruch, Mund, Hand und Fuss sind wir an die Sinnenwelt gebunden: die Lösung von ihr, den Abschied und die Trennung bezeichnet die Berührung mit dem, wie man sagt, schmerzenstillenden Oel ...
Bonaventura's Gebet übertönte das laute Weinen ...
Herr, unser aller Gott, sprach er, erquicke die Seele, die du geschaffen hast! Reinige sie von allen Sünden und Makeln, damit sie würdig werde, durch die hände der Engel dir dargestellt zu werden! Durch Jesum, unsern Herrn!
Die Seele der armen Metzgersfrau war schon vor dem Amen! zu der ihr nun gelinderteren Pein des Fegfeuers entflohen.
Treudchen benahm sich mit grosser Standhaftigkeit. Dass auffallend schöne Kind war blass, zart, tief verhärmt, tief erschüttert und doch blieb sie umsichtig ...
Als die Sterbende geendet hatte, drückte der Leiche jemand von den Nähergekommenen die Augen zu. Es war eine hohe, kräftige weibliche Gestalt. Sie trug ein gelbrotes Tuch um den Kopf gewunden und musste eine Jüdin sein ...
Und dicht hinter ihr stand ein Protestant, Nachbar Grützmacher, der würdige Wachtmeister ...
Er begrüsste Lucinden, die nun vortrat und jetzt erst von Bonaventura bemerkt und erkannt wurde ...
Muss man erleben den Gegenstand! sprach inzwischen mit lauter alles übertönender stimme die Jüdin ... Eine Frau so sanft wie ein Lamm! Ein Engel! Muss ich sie noch sehen, wie sie ist gelaufen über Land und hat die Bauern gebitt't und gebettelt, dass sie bringen sollten ihren Mann wieder auf die Füsse! Wie hat sie die paar Tälerchen, die sie hatte gespart oder geborgt gekriegt, gezeigt und damit geklimpert, als wenn die Leute machten das rarste Geschäft um ein Ferkelchen, das sie dann haben mitgenommen und nach und nach aufgezogen mit Glückseligkeit, wie, Gott verzeih' mir's, 'nen polnischen Ochsen! Und das Treudchen da! Hat sich das Kind nicht die Augen ausgenäht und ausgestichelt und hat sie nicht gekriegt an die Fingerspitzen ganz 'ne rauhe Hand! Ein Mädchen so rar! Schön genug für 'ne Prinzessin! Und die guten Kinder! Gott soll sie segnen!
Während Grützmacher mit Bonaventura und dem arzt flüsterte, küsste Treudchen Lei Lucinden die Hand und dankte für die "Ehre" ihres Anteils. Sie nannte die Sprecherin Frau Henriette Lippschütz. Es war die Hasen-Jette, die Wildpretändlerin, die Witwe des jüdischen Metzgers, der die Kundschaft der Leis geerbt und der nun auch schon wieder andern Platz gemacht hatte.
fräulein, wenn sie jetzt hier haben was zu nähen – fuhr, Lucinben richtig unterbringend und sich ihr zuwendend, die Hasen-Jette fort – feine, feinste Spitzen: geben Sie's nicht anders als an das Treudchen! Weine nicht, Kind! Du bist nicht verlassen! Dein Toni, dein Edi ... alle kommen sie in die grosse Stadt, ins neue Waisenhaus, wo die Kinder leben wie die Prinzen! Sag' ich dir, Treudchen, Betten! Staatsbetten! Kauft die Stadt alle Federn von mir und die Decken hat mein Bruder geliefert! Gott! Was wird der Löb sagen,