mondhellen, jetzt menschenleeren Marktplatz dahin ...
Ach, sie kannte solche Nachtbilder kleiner Städte aus der Zeit her, wo sie mit der unglücklichen Gauklerfamilie über die norddeutschen Heiden gezogen ... Sie kannte diese Brunnen, die da rauschten, diese Linden, die da so klein und verkrüppelt an einer Strassenecke stehen. Hier in einem Giebelfenster erlischt ein Licht, dort geht eins auf ... Hier jammert ein Kind, das von seinen Träumen geängstigt wird und eine Mutter spricht liebe, beruhigende Worte ... dort bellen zwei Hunde wachsam um die Wette ... Sie hatte das alles so oft erlebt, mit demselben Mondlicht, derselben Stille, immer in einer andern geistigen Beleuchtung ... Heute?! ... Sie liest noch die Schilder der armen Schuhflicker und Schneider ... sie sieht den schwarzen Mohrenkönig an einem Laden, durch dessen geschlossene Tür ein Schiebfensterchen erleuchtet ist, eine Apoteke, wo vielleicht für Frau Lei der letzte Linderungstrank bereitet wird ... Dort ein Gastof: Zum Riesen! Der Goliat steht über dem Torweg, der noch offen ist ... Sie sieht das stattliche Reisecoupé Tiebold's de Jonge unter ihm ... Oben vier Fenster erleuchtet ... Zechen dort oben vielleicht noch Benno von Asselyn und seine gefährten und erzählen sich Anekdoten und verhöhnen die Würde der Frauen und lachen über das, was andern Schmerzen bereitet, über Porzia, über Hedemann? ... Gerade so wie sie einst Klingsohrn so unter seinen Freunden wusste, den Weltenstürmer, den jetzt mit dem Topfe Bettelnden!
Sie konnte über Hunnius nicht lachen. Es lag selbst in den "Saronsrosen", wo endlich das Kreuz mit dem Herzen getrocknet war, nach ihrer gegenwärtigen Stimmung etwas vom allgemeinen Schmerz des Lebens und vom bittersten Weh der Welt ... Denn ist nicht das grösste Weh Blindheit, Torheit, Anmassung, Kampf und Wahn und leidenschaftliches Ringen und das Ganze ein so tief entmutigendes Durcheinander?
Nun überfiel sie auch noch die Furcht vor der Rückkehr in die Dechanei ...
Wenn die Pforte geschlossen war! Wenn sie klingeln musste!
Immer zaghafter wurde ihr ums Herz ...
Langsamer und langsamer trat der müde Fuss ...
Sie kam bei den Stufen an, die zur Katedrale von St.-Zeno hinaufführten ...
Hier war es dunkel ...
Hier mochte sie sich niederlassen, sich ausweinen ... vor Schmerz über die Welt und über sich selbst ... Nur die toten die Ihrigen! A u f der Erde nur die – die sie nicht mochten, oder die – die sie nicht mochte! Und sie musste sich sagen: Ihr, die ihr mich hasst und fürchtet, gewiss, ihr habt ja Recht!
Mühsam, bangend und zagend stieg sie die Stufen empor ...
Ringsum die kleinen Häuserchen ...
Sonst war sie in solchen Lagen so oft versucht gewesen, den Leuten Nachts von den Fensterbretern ihre Blumen aus den Töpfen zu stehlen! Sonst langte sie im Springen nach einem Hanfbüschel hinauf, das als Wahrzeichen eines Zwirnverkäufers vor einer Tür hing! Sonst jagte sie, wie die alte Hauptmännin, Ratten und Mäuse auf und lief ihnen nach, die Katze spielend ... und wenn etwa dann Männer sie verfolgten, so blieb sie stehen, liess diese an sich vorübergehen und erwiderte ihre Anreden auf englisch oder italienisch fest und bestimmt: Ich kenne den Weg!
Langsam zählt sie heute dreissig Stufen, die zur Katedrale hinaufführen ...
An jeder fünften steht, wie auf einem Calvarienberg, eine steinerne Gruppe der Leidensgeschichte ... frisch übertüncht mit grünlichweisser Oelfarbe ... frisch vergoldet an den Heiligenscheinen und Gewändern ...
Wie sie eben an der letzten Gruppe der Grablegung vorüber ist, wie sie quer über den den Dom umgebenden freien Platz zu der zweiten, niederwärts zu dem Park der Dechanei führenden Treppe kraftlos schreiten will, strahlt ihr plötzlich an dem im Schatten liegenden altehrwürdigen St.-Zenotempel ein magischer Lichtglanz entgegen.
Von dem übrigen Mondschein weicht er völlig ab.
Sie blickt noch einmal hin und wiederholt sich das Wunder von Damascus?
Lichtumflossen tritt ein Priester im Ornat auf sie zu ...
Es ist Bonaventura, ihr Heiliger ...
Lucinde verbirgt sich hinter der Grablegung ...
Bonaventura kommt aus der Sakristeitür, die im Dunkel liegt und beim Geöffnetwerden den von der entgegengesetzten Seite, wo der Mond steht, durch ein buntes Fenster hereinfallenden Lichteffect verursachte.
Es ist Bonaventura in Priestertracht, begleitet von einem weissgekleideten Knaben und einem Messdiener.
Alle drei kommen, nachdem der Messdiener die Sakristeitür wieder verschlossen, still und schweigsam näher. Sich unbemerkt glaubend, schreiten sie die Stufen zur Stadt hinunter ...
Bonaventura hält das Hochheiligste, der Messdiener trägt Brevier und Rauchfass, der Knabe klingelt ...
Wer etwa in den Strassen noch verspätet ging, neigte sich. Wer es auf seinem Lager hörte, sagte: Das ist der Dechant! Er geht unten an den Fall zur sterbenden Frau Lei!
Lucinden war es, als wenn sie jetzt Schutz gefunden hätte. Bonaventura musste in die Dechanei zurück! Konnte sie es nicht unter seinem Beistande tun?
Aber auch so und war dies alles auch nicht, doch zog es sie unwiderstehlich ...
Sie musste folgen.
Es klingelte ... und klingelte ... Dahin ... dahin ... immer voraus schritt das Sakrament ...
Endlich hörte man ein