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Jahren wieder gestattete er sich heute bei mir eine Cigarre und kaum ein halbes Glas Wein!

Lucinde war von einem Schauer durchrieselt. Diese Entbehrungen passten für das Bild nicht, das von Klingsohrn noch in ihr lebte, und doch war er es! Klingsohr mit einem Topf vor Bauerhäusern! Klingsohr nicht rauchend, nicht trinkend! Und doch war er esder Stadtpfarrer nannte ihn Heinrich Klingsohr und erzählte den Tod seines Vatersvor ihren Augen stand das Christusbild, an das er einst ihren Hut gehängt hatte mit den Worten:

Am Bilde des Erlösers

Hängt ihr pariser Hut ...

Und ihre dunkeln Locken

Netzt heil'ger Wunden Blut ...

Da Hunnius sie in die Dechanei zurückzubegleiten versprach, störte beide der Schlag der elften Stunde nicht.

Er machte der sinnend Träumenden die lebhafteste Schilderung von dem Leben in der Residenz des Kirchenfürsten. Er gab Lucinden den Einblick in eine geheimnissvolle geistige Werkstatt, von der sie die Ahnung gehabt hatte, ohne die Tür zu finden, die ihren Eingang bildete. Sie sah, was sie in Bonaventura's Nähe schon oft zu erblicken geglaubt hatte, nahe und entfernte Ziele, sah Zusammenhänge von Zuständen und Personen, erblickte ein harmonisches Vereintwirken, ein lautloses, geräuschloses und dennoch von ersichtlichen Wirkungen begleitetes. Ob auch kein deutscher Staat mehr vom Krummstab regiert wird, gibt es doch geistliche Höfe, gibt es geheime Sitzungen in geheimen Cabineten und Anekdoten und geheime Verkehre aller Art. Auch, das erfuhr sie: Einflussreiche Frauen stehen diesen geistlichen Höfen nahe. Der Reiz des Verschwiegenen verbindet die Geister und die Gemüter. Stürmisch und fest ist der Wille, aber zurückhaltend die Form, ihn zu äussern; unhörbar geht, wie auf unsichtbaren Teppichen, der Schritt, und dabei keine wilde Zumutung, nichts Rohes, nichts Begehrliches. Das Streben nach Läuterung und Religion ist äusserlich die Oriflamme und das heilige Feldzeichen dieser ganzen geisterhaften Bewegung und doch bringt man duldsamst dabei die menschliche natur in Rechnung. Man setzt das wahre Verdienst eben immer nur in den Kampf mit der Sünde, nicht in den Sieg über sie. Und wie gering auch die innere Treue Lucindens für Religion überhaupt war, Hass für alles Norddeutsche und Protestantische hatte sie. Ihre ganze Vergangenheit hatte sich in das verwandelt, was ihr neuer Glaube bekämpfte. Und von diesem Gesichtspunkte aus war sie den Gesinnungen ihrer jetzigen Freunde verwandt. Galt es Kampf, so empfand sie die dämmernden Schauer ihres neuen Bekenntnisses, ja empfand sogar den Reiz, dass in alle diese Intriguen die langen Schatten der Kirchen fielen, die Glocken der Dome läuteten, die Farben der priesterlichen Gewänder blitzten. Bis in die unabsehbare Ferne war die wühlende Ahnung freigegeben: in die Ferne des Raumes sowohl wie in die der Zeit. Vor allem prangte Rom durch die Nebel hindurch wie die Stadt des ewigen Sonnenscheins! Dort fand der müdeste Fuss auf den Trümmern der Jahrhunderte einen schattigen Ruheplatz, das wundeste Herz Heilung in den Melodieen der Sixtinischen Kapelle; der Blinde wurde dort sehend, der Taube hörend; alles lief aus und vereinigte sich in dem Centralnervensitz des historischen Europa ... Dies Bild war es, das Lucinden aus halben und träumerischen Zuständen, aus bitterer Lebenserfahrung und nicht immer selbstverschuldeten Kränkungen einst in den Schoos jener Kirche geführt hatte und darin festielt und ermunterte und bestärkte, alles zu unternehmen, alles zu wagen, was die Umstände von ihr verlangt hätten, wenn sie damit nur den Beifall und die Liebe Bonaventura's hätte gewinnen können!

Nun brach sie auf.

Der Stadtpfarrer, glücklich über diese Eroberung, fast getröstet über die Censurstriche, holte seinen Hut.

Schon hatte er auf ein Bücherbret gelangt und gab ihr ein Buch zum Andenken an die eben erlebte Stunde.

Es war eine neueste Sammlung seiner Gedichte, die "Saronsrosen".

Er ergriff eine Feder, zeichnete auf das Blatt vor dem Titel ein Kreuz und in dies hinein ein flammendes Herz und seinen Namen.

So gab er's Lucinden und vergass vor Aufregung den Streusand.

Lucinde trug das Blatt offen und versprach, mit Aufmerksamkeit in den Gedichten zu lesen.

Hunnius nahm die Lampe und rief seiner Wärterin ... Er wollte mitgehen ...

Indem aber klingelte es heftig.

Der Druckerbursche! rief es in allen seinen Nerven.

Und in der Tatein Knabe kamkam mit einem hoch emporgehaltenen Blatte!

Von Instanz zu Instanz kehrten erst jetzt die von Hunnius gemachten Aenderungsvorschläge zurück ... einige waren angenommen worden ... bei andern verlangte man am rand noch diese und jene Milderung ... einige Bilder waren gerettet ... Hunnius konnte vor Freude sogar jetzt Lucinden vergessen.

Der Bursche erklärte, dass die Censur noch warte, ebenso wie die Presse seines Herrn. Wenn der Herr Stadtpfarrer noch sofort die Aenderungen machte, konnte die Nummer in der ersten Morgenfrühe noch gedruckt werden ...

Schon rief Hunnius, sich nun mit seinen Redactionspflichten entschuldigend, seiner Magd. Aber Lucinde sagte:

Lassen Sie, Herr Pfarrer! Ich finde den Weg! Es ist Mondschein! Wirklich, wirklich! Bitte, bleiben Sie!

Hunnius musste den Burschen, der allenfalls auch noch Lucinden hätte führen können, zurückbehalten ... seine Magd war nicht die flinkste ... er zögerte noch, als Lucinde schon mit den Worten: Beruhigen Sie sich, Herr Stadtpfarrer! Ich finde den Weg! – unten schon vor der Haustür und verschwunden war.

Lucinde war allein.

Sie schritt durch die still gewordene Stadt über den