einer Universität, einer starken Garnison, weiss nichts von einer irgend unpassenden Beziehung zu erzählen: grösstenteils nur in unsern geistlichen Kreisen verkehrte sie. Aber sie kennen ja unsere Mit-Leviten! Sie kennen die Lauheit der Zeit, kennen die Bequemlichkeit unsers Standes, dem nichts störender ist als mitgearbeitet zu sehen an seinem Beruf auch von der Laienwelt aus! Niemand soll da reden, ohne gefragt zu sein! Niemand soll das Entzücken, das ihm der Glaube macht, in Bildern und Anschauungen wiedergeben, die über das Mass einer gewöhnlichen Erbaulichkeit hinausgehen! Da irrt nun eine glühende Seele von Beichtstuhl zu Beichtstuhl! Niemand weiss ihr ein Herz, ein Verständniss, eine Hingebung entgegenzutragen! Ihr Verstand ist diesen Menschen lästig und selbst unsere Collegen – brauche ich Ihnen die Namen zu nennen! – verkehren lieber mit der Gewöhnlichkeit, wenn sie nur Whist spielt! Hunnius! Wenn diese Feuerseele in der Dechanei so verbraucht würde! ... Sie tritt dort als Gesellschafterin ein ... Ich dachte an Sie, Freund, an Ihre Verbindungen, Ihre Beziehungen zu Ihrem Kirchenfürsten, an die ernsten und wichtigen Dinge, die von Ihrer hohen Warte aus das Zeichen geben werden für das übrige Deutschland! O, diese Convertitin hat für die Flammen, die in ihr lodern, noch keine Nahrung gefunden! Wer einen Schritt tut, wie sie, will ihn doch anerkannt sehen, will doch wissen, bezeugen, täglich bezeugen, warum er ihn tat ... Was tut man aber hier? Man fordert sie auf zum Vergessen, zur Ergebung! Immer diese Abneigung gegen Neugewonnene! Immer diese Kälte gegen den Entusiasmus, der sich bewähren will! Convertiten, gehegt und gepflegt, sind ein Segen unserer Kirche; Convertiten, vernachlässigt, zurückgestossen, einsam gelassen und wohl gar zur Reue gedrängt, können ihr zur fürchterlichsten Geisel werden! Das Schicksal Lucindens ist in Ihrer Hand! Sie Schöpfer, Gestalter, Dichter! Vollenden Sie den Triumph dieser gottberufenen Bekennerin!"
Der gute Niggl! sagte Lucinde, als Hunnius diesen entusiastischen Brief vollendet hatte. Er war seinerseits gerührt von den Schmeicheleien für seinen Genius; sie ihrerseits erstaunte, wie sie sagte, "über den langen Schatten, den sie würfe" ...
Ich lernte Niggl kennen, erzählte sie, als ich von ihm eines Tages erfuhr, dass er jeden Sonntag Nachmittag einen Kaffee für Damen gibt. Ich wurde neugierig auf einen so gemütlichen Priester, erkundigte mich näher und liess mich eines Sonntags Nachmittags an sein Haus bei der Barfüsserkirche führen, wo er Curatus ist. Ich wollte, aufrichtig gesagt, die Damen belauschen, die bei ihn zum Kaffee kamen. Ich stand im Schatten der alten Kirche. Es schlug vier Uhr. Der Nachmittagsgottesdienst war vorüber. Der Kaffee begann nach vier. Wie ward ich beschämt! Welche Damen kamen! Erst eine Blinde, die von einem kind geführt wurde; dann kam eine kleine Buckelige, die stolz auf ihre Begleiterin hinaufsah, denn diese durfte nicht mit zum Kaffee, sie aber stieg zum Herrn Curatus hinauf! Nun kam eine Lahme an einem Krückstock! Jetzt fuhr ein Rollwägelchen vor und siehe, der Herr Curatus kam lachend und freudigst selbst die Stiege herunter und hob eine person aus den Betten im Wägelchen, die nur dem kopf nach der Menschheit angehörte! Nach unten zu hing ein Körper, der völlig schlaff, ja nur eine einzige unförmliche und unausgebildete Masse war. Es war ein Mädchen von vielleicht dreissig Jahren und ein halbes Kind! Der Curatus trug sie auf seinen Armen in seine wohnung und in seinen Kaffee. Nun band ich mir, wie eine Augenleidende, mein Taschentuch über die Stirn und tastete mich auch hinauf. Da war denn eine Damengesellschaft beisammen aus lauter Blinden, Tauben und Gichtbrüchigen, und sie war so lustig, so vergnügt wie jeder andere Damenkaffee auch, wenn es nur etwas zu lästern gibt! Unser kindlicher Niggl hatte nur immer zu dämpfen, dass wir die gesunden und schönen Menschen nicht auch zu schlecht machten!
Ja, wo gibt es solche Entsagungen wie in unserer Kirche! rief Hunnius. Wo solche mutvollen Bewährungen! Solche Triumphe dann auch und solche Belohnungen wieder!
Er erörterte dann die Situation, in der sich Lucinde in der Dechanei befinden würde. Er wiederholte öfter seine Bitte um Discretion wegen der von ihm vorgelesenen Briefe. Er warnte vor der Erwähnung der Jesuiten, die man von obenher noch verfolge wie Verbrecher, und doch wären sie die sehnsucht aller Gläubigen! Schon wenn einmal ein einzelner Mönch ausser Clausur leben sollte, kostete das die grösste Anstrengung ...
Wer ist dieser Pater Sebastus? warf Lucinde erbebend ein.
Pater Sebastus, sagte Hunnius, ist erst seit kurzem aus der Dunkelheit eines Klosters bei Witoborn in der Residenz des Kirchenfürsten erschienen. Seine ausserordentlichen Geistesgaben wurden die Veranlassung, dass man ihm gestattete, auf einige Zeit seine Zelle zu verlassen. Man weiss nicht, soll man seine Begeisterung für das Interesse der Kirche höher anschlagen oder seinen Lebenswandel. Sie sollten doch schon, mein' ich, von diesem Mönch gehört haben, der den Gelübden seines Ordens gemäss sich die grössten Entbehrungen auferlegt! Sebastus lebt nur von dem, was er sich erbettelt hat! Er geht auf die Dörfer in der Umgegend der Residenz mit einem alten Topf in der Hand, um sich selbst die Mahlzeit von den Türen zu holen; er geht gerade vor die Türen, wo er in Erfahrung gebracht hat, dass hier die geizigsten Herzen wohnen! Zum ersten male nach