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Weserberge! Dahinter geht's nach Bremen und dannnach Amerika!

Es war ein wunderschöner Junimorgen. Die Sonne brannte, und gern hätte Lucinde die Glasfenster des Wagens geöffnet.

Ihr Begleiter wollte erst die nächste Station abwarten. Auch dort noch bat er, die Schwüle des engen Raumes lieber noch eine Weile zu ertragen.

Erst gegen zehn Uhr, als sie wohl schon fünf Meilen von der von ihnen verlassenen Stadt entfernt waren und es eine waldige Anhöhe hinaufging, öffnete er und liess das Fenster ganz zurückschlagen.

Viel lieber hätte Lucinde die Aussicht genossen, die sich früher dargeboten hatte, Fernblicke auf die rotgedachten Meiereien, altersgraue, aus Busch und Baum hervorblickende Türme alter Edelsitze und Abteien, Mühlenwerke und Fabriken, deren hohe Schornsteine die blaue Luft mit kräuselnden Nebelwolken erfüllten, wunderliche Kirchtürme, die bald den Minarets der Moscheen glichen, bald aber auch ganz verbuttet aussahen, wie alte Büchsen und Flaschen für Pferdemedicamente ... Jetzt lag nur zur Rechten ein fast undurchdringlicher Tannenwald, zur Linken ging es eine kleine Anhöhe mit niederm Gehölz hinauf, an das sich zuletzt eine Buchenwaldung lehnte. Belebt war's ringsum. Fink, Drossel und Pirol liessen ihren frischen Waldruf ertönen. Aus dem Tannendickicht zur Rechten hörte man dann und wann ein hallendes Geräusch, das die Nähe von Holzschlägern verriet. Zur Linken fiel die Sonne so günstig über die grünen Baumkronen, dass sich ganz jene lieblich magischen Lichtwirkungen erzeugten, die eben auch nur den Buchenwäldern eigen sind.

Nach Amerika!

Das war weit von diesen summenden Käfern, diesen um die Rosse des Postillons schwärmenden Brummfliegen, weit von diesem selbst, der die Anhöhe zu Fuss nebenher ging und mit einem aus dem Vorholz zur Linken gebrochenen Birkenzweige über das lichtbraune Glanzhaar seiner schweissgebadeten Tiere hinfächelte!

Bei so fernem Reiseziel mochte wohl gerechtfertigt sein, dass der junge Buchhalterdenn Oskar Binder ist Lucindens Begleiterschon seit fünf Uhr Morgens, wo sie ausgefahren, so ausserordentlich nachdenklich ist und immer nur eine kleine Kassette betrachtet, die er auf dem Schoose hält.

An und für sich war er fast gekleidet als ging' es zum Balle ...

Als Lucinde vorm Tore, wo sie seiner Weisung zufolge ohne irgendein anderes Gepäck, als das sie selbst in der Hand tragen konnte, an zwei einsam am Wege stehenden Pappeln erscheinen sollte, seiner in einem harrenden Wagen ansichtig wurde, erkannte sie ihn kaum. Er blickte hinaus und winkte heftig, dass sie rasch auf den Tritt der Chaise und durch die von ihm gehaltene Tür einsteigen möchte. Er hatte sich von gestern, wo sie kurz und rasch erklärt hatte, es wäre sicher am besten, wenn sie sich ihm zur Reise nach Amerika anschlösse, bis heute früh seinen schönen Bart sowohl um Mund wie Kinn und Wange abnehmen lassen, und hatte eine ganz curiose Physiognomie bekommen, die früher aus der Bartwaldung heraus kaum erkennbar gewesen war.

Hätte sie nicht ihr Wort gegeben und wäre des "nun doch verpfuschten" Lebens in der Residenz überdrüssig gewesen, so hätte sie umkehren mögen, so wenig gefielen ihr jetzt die Nase, der Mund und die Ohren des jungen Buchhalters, denn auch diese hatten früher nicht so grell hervorgestanden, als seit heute früh, wo auch seine schönen langen, zierlich über den Hemdkragen in einem einzigen Strich herabfallenden dunkelbraunen Haare von der Schere vertilgt worden waren. Die gelben Glacéhandschuhe trug er wie immer. Für den schwarzen trug er einen grünen Reitfrack mit goldenen Knöpfen, dazu elegante carrirte Beinkleider, eine hohe Mütze von schottischem Zeuge mit einer Troddel, und einen Plaid, den er sofort, als fröstelte ihn in allen Gliedern, über seinen ganzen Körper ausbreitete, sorgfältig aber dabei der Knöpfe seiner Glacéhandschuhe achtend und diese selbst ab und zu ungeduldig niederstreifend wie beim Anprobiren ...

dafür, dass auch Lucinde sich, nach seinem ausdrücklichen Wunsche, ja Befehl, gänzlich metamorphosirt hatte, schien er im ersten Augenblick kaum ein Auge zu haben, und doch bot sie eine phantastische Erscheinung dar.

Ein kleines kurzes Strohhütchen nahm sie ab, und da fielen ihr die vollen Haare, die sie sonst nur in Flechten getragen, in langen dunkeln Locken über die Schulter bis in den Nacken herab. Von gestern Abend sieben bis neun Uhr hatte sie von ihrer Schwester, die in diese Reise eingeweiht war, sich ihr Haar so ordnen lassen, hatte die Nacht geschlafen mit funfzig Papilloten um den Kopf, die von Luisen mit einer grossen, über zwei Talglichtern glühend gemachten Ofenzange gebrannt worden waren. Alle Liebesbriefe, die beim Ausrangiren der so "leicht wie möglich" herzustellenden Bagage auf dem Boden der kleinen Dachstube ausgebreitet lagen, waren zu diesen Papilloten benutzt worden.

Zu dem reizenden Kopfschmuck gesellte sich fast eine Balltoilette, ein luftiges, bauschiges, weisses Kleid, das schönste, das sie hatte, bestehend aus einem geblümten Musselinstoff. Die vor Eile fast atemlos klopfende Brust bedeckte eine rote Florecharpe mit langhängenden seidenen Fransen. Dazu zwar hohe Schnürstiefel aus Seidenzeug, keine Schuhe, wohl aber helle Handschuhe und Manschetten von langen weissen Spitzen. Es hätte zu dieser Erscheinung ein mit Seide ausgeschlagener offener Landau, nicht die auf jeder Station gewechselte schmuzige Postchaise gehört.

Aber sowohl für diese Toilette wie für das dagegen auffallend genug abstechende Bündel, das Lucinden beim Tragen bis zum Tor fast zu schwer geworden war, hatte der junge Mann stundenlang keine Augen. über seine eigene Metamorphose lächelte er mit gezwungener Leichtigkeit, und befahl dann immer nur mit einer seine Begleiterin mehr erschreckenden als ihr imponirenden Barschheit dem