dass Sie ein Wunder nicht nur in –
Bitte! unterbrach sie und ermahnte den sich ihr Nähernden zum Lesen.
"Die guten Folgen der Mission freuen uns!" fuhr Hunnius fort. "Es muss uns glücken, über ganz Deutschland die Jesuiten als Prediger auszubreiten. Ich erwarte mit jedem Tage 2000 Missionszettelchen. Es wird alles gut gehen! Ihr ergebener M. Alles zur grösseren Ehre Gottes!"3
Lucinde dankte für das ihr geschenkte Vertrauen und wollte sich entfernen.
Es schlug von den Türmen der Stadt schon ein Viertel elf Uhr ...
fräulein, sagte Hunnius, ich begleite Sie selbst zurück ... ich stehe, obgleich geistig auf völlig anderm Boden, doch gesellschaftlich sehr gut mit der Dechanei ... Bitte! Lesen Sie aber noch, was Niggl von Ihnen selbst geschrieben hat!
Da sie es wiederholt ablehnte, liess Hunnius nicht nach ... Es wird uns enger verbinden! sagte er mit Salbung. Es wird das Symbol unserer von ihm gewünschten Vereinigung werden! Wir haben dann ein gleichsam ausgesprochenes Bekenntniss, das sichere Fundament unsers Verständnisses, den geschriebenen Pact unsers Seelenbündnisses!
Der gute Curatus! sagte Lucinde sich zurückziehend und liess die Vorlesung geschehen ... teils um ihren neuen so schnell gewonnenen Freund zu zerstreuen, teils aber auch, weil sie auf diese Art allerdings erfahren konnte, warum Grützmacher hatte sagen können, er wäre über sie "ins Klare" und Schulzendorf sie so scharf und wie eine mit Steckbriefen Verfolgte beobachtete.
"Mein innigstgeliebter und gefeierter Seelenfreund!" las Hunnius (und diese Worte nicht ohne beschämt niederblickende Genugtuung), "Sie lernen mit diesem herzinniglichen Grusse nach langem, unverzeihlichstem Schweigen ein fräulein Lucinde Schwarz kennen, wie man sagt, die Tochter eines einfachen protestantischen Dorfschullehrers. Vor drei Jahren kam diese Seltenste ihres Geschlechts als Gehülfin in die Ihnen bekannte ortopädische Heilanstalt und wurde an demselben Tage, wo wir drei, Sie, mein innigstgeliebter Freund, Asselyn und meine Unwürdigkeit, die letzten Weihen empfingen, in plötzlicher Erleuchtung vom geist der Wahrheit ergriffen. In unserer ehrwürdigsten Katedrale wurde sie von unserm hochwürdigsten Bischof selbst dem Schoose unserer gnadenreichsten Mutter einverleibt ... Ja Ihnen, Ihnen, Hunnius, der Sie so ganz der Musik der menschlichen Seele in ihren tiefsten Accorden nachzulauschen verstehen – Ihr letztes Gedicht: 'Myrrhe und Aloe' –"
Eine kleine Pause und Auslassung im Lesen war hier natürlich ...
"Ihnen schreibe' ich", fuhr Hunnius nach einigem Murmeln fort; "das Leben dieser Neugeborenen muss ein ausserordentlich bewegtes gewesen sein! Da sie bald durch Anmut und Geist hervorragte, so bildete sich, wie in solchen Fällen zu geschehen pflegt, in kurzem gegen sie eine Anfeindung, die eine Beschuldigung nach der andern gegen sie aufbrachte. Aber allen diesen Angriffen stellte fräulein Schwarz ihre aufrichtige Wiedergeburt entgegen. Diese wurde ihr reiner, heller, metallener Schild, der sie gegen alles Ungebührliche schützte! Ihre Andacht wurde jene glühende Hingebung an die ewige Liebe, die auch nach dem Rauschen Ihrer Harfe, Hunnius, die Seele von allen Schlacken reinigt! Sie sah und sie hörte auf nichts, was sie umgab. Sie lebte nur ihrem Berufe, ihrem neuen Glauben. Ihre Augen, von denen sie behauptet hatte, dass sie nie geweint hätten, obgleich sie Vater, Mutter, Geschwister, Freunde, Glück und alles, nur die Ehre nicht, verlor, waren stets umflort von dem feuchten Schimmer frommer, wie vergessen gewesener Tränen. führen Sie das einst aus, Hunnius, in einem Gedichte! Vergessene, verstockte, sitzen gebliebene Tränen! Wenn die einst zu strömen und zu rinnen anfangen! Diese Flut, dieser heilende Betesdateich dann! ... Diese Seele gestand mir oft, dass ihr alles Leid, was ihr je widerfahren, erst jetzt den Zoll der Tränen abforderte, dass sie über alles, worüber sonst ihr Auge trocken geblieben, nun erst nachträglich weinen müsse und – das ist der Triumph der Wiedergeburt! – weinen k ö n n e ! Hunnius, ich sage Ihnen nur, fräulein Schwarz blieb im genannten Institute einige Jahre. Sie hatte die besondere Obhut zu führen über Comtesse Paula von Dorste-Camphausen, jene Erbin, deren Lebensverhältnisse unsere Aufmerksamkeit jetzt so dringend in Anspruch nehmen! Der Vater derselben war gestorben; Vormund und Verwandte riefen sie zurück: es war in jenen Tagen, als uns auch Asselyn verliess, diese emporwachsende Ceder, diese edle Palme ..."
Hunnius stockte wieder und überschlug auch jetzt einige Stellen ...
"Um", fuhr er, den Zusammenhang suchend, fort, "um bei Ihnen die Kaplanei zu St.-Zeno anzutreten. Lasst aber diese Seele nur anklagen! Lasst die Stimmen über sie geteilt sein! Lasst –"
Hunnius schien Anstand zu nehmen, der ganzen, hier den Tadel wiederholenden Wortfülle des Freundes zu folgen ...
Lesen Sie alles, sagte Lucinde.
Es sind Anschuldigungen –!
O, auch das ist manchmal gut, erwiderte sie, zu wissen, was man von uns Uebles denkt!
"Die Stimmen sind geteilt, fuhr Hunnius fast mit Lucinden über die Parodie seiner frühern Worte liebäugelnd fort. Die einen sehen in ihr ein Wesen, das seiner persönlichen Eitelkeit alles opfert, ein herzloses, undankbares –"
Lucinde, die arme übereinandergeschlagen, stand in einer Stellung wie ein furchtloser, unerschrockener Feldherr ...
"Doch", überschlug Hunnius beruhigt diese ominöse Partie, "unsere Stadt, Sitz