1858_Gutzkow_031_158.txt

Zusammenfalten seines Blattes kam dem Stadtpfarrer wieder der verwechselte Brief von vorhin zu Handen.

Ja, sagte er, im Portefeuille suchend, wo ist denn Niggl's Empfehlung? – Aberja, jaSie sollten auch diesen Brief hier lesen! Ich nehme keinen Anstand, Sie damit bekannt zu machen. Da ich Ihre Gesinnung kenne, da Sie eine streitbare Jungfrau sind, die ihre Fahne zum heiligen Kampfe mittragen will, mein fräulein, so hören Sie in Gottes Namen, wie wir denn doch nicht so ganz verlassen sind in unserer Not! Lesen Sie selbst! Da wir uns über vieles werden zu verständigen haben, so lernen Sie sogleich Ziel, Metode, Absicht, Zusammenhang unserer schwierigen Aufgaben und Kämpfe kennen!

Bei alledem horchte Hunnius stets, ob es nicht klingelte ...

Von wem ist der Brief? fragte Lucinde, als sie keinen Namen fand.

Das sei noch eine Weile mein geheimnis! Er ist von einem höchst einflussreichen mann ...! Lesen Sie getrost!

Zugleich ging Hunnius an die Tür und überzeugte sich, dass seine aufgeregte Phantasie sich wieder geirrt hatte. Die Kinder seines Geistes ruhten sanft auf dem Friedhofe der Censur! Nichts rief sie ins Leben zurück! Nichts rettete wenigstens denjenigen unter ihnen, die diesmal wieder das schöne Kleid seines Stiles getragen hatten, das für Zeitschriften ohnehin so kurze bunte Schmetterlingsdasein!

Er ging auf und nieder und bat Lucinden, wie mit einer Art innerer Genugtuung, laut zu lesen ...

Im Vertrauen auf die Wunderdinge, die der Curatus Niggl von ihr geschrieben haben musste, tat sie es:

"Hochwürdiger, hochzuverehrender Herr! Die Antwort auf Ihren so angenehmen Brief nächstens! Jetzt zwei Bitten! Erstens: Wissen Sie mir nicht eine kurze Charakteristik aller Dechanten unserer Kirchenprovinz anzugeben? a) Wie gesinnt gegen Rom? b) Gegen Cölibat? c) In Wissenschaften und Fähigkeiten? Zweitens: Wüssten Sie mir nicht einige junge in den drei Beziehungen gute Leute zu nennen, namentlich aus Belgien? ... Es wäre (sed tantum inter nos!) ..."

Nur unter uns! übersetzte Hunnius schnell und fast gedankenlos.

"Sed tantum inter nos!" wiederholte Lucinde ohne Anstoss. "Es wäre uns eine grosse Freude, einige Jesuiten hereinzubringen! Wüssten Sie einige, die geläufig deutsch sprechen? Aus der Schweiz oder aus Rom würde zu auffallend sein ... Mich Ihrem Gebet empfehlend, verbleibe ich Ihr ergebenster Freund M. Alles zur grösseren Ehre Gottes!"1

Die Empfehlung solcher Freunde, wie sie Ihnen zu teil wurde, sagte Hunnius, gestattet, dass ich Sie tiefer in unsere Interessen einblicken lasse!

Aus demselben Portefeuille zog er einen zweiten Brief und liess auch diesen Lucinden lesen, indem er auf- und niederging, bald zum Fenster blickte und auf jedes Geräusch achtete, bald sich aber auch an dem Anblick Lucindens, dem Ton ihrer stimme, dem erneuten Ueberblick des ganzen, so wunderbar überraschend ihm gekommenen Verhältnisses weidete.

"Die Zeit ist reif!" las Lucinde. "Man muss mit Gewalt alles ergreifen! Der Herr Kirchenfürst gibt zu allem seinen Segen, tut aber einstweilen bei allem noch die Augen zu, sodass unsere Unternehmungen nur Privatunternehmungen sind! ... Ich will kurz nacheinander in unserer Kirchenresidenz vier Jesuiten, in der nahe gelegenen Universität einen unterbringen! Diese werden schon einen Wirkungskreis erhalten ... Ich ziehe einige talentvolle Knaben ganz zu diesem Zwecke heran und an der Universität sind mehrere der talentvollsten Teologen, die in den Orden treten wollen. Mit diesen errichten wir einen Glaubensbund und bringen sie dann mit den hiesigen Jesuiten in Verbindung ... Von Rom werden zwei Jesuiten erwartet. Sie bringen scheinbar ärztliche Atteste mit, welche ihnen nur vorschreiben, in unserer Gegend zu verweilen ... Die Missionen treten da und dort ins Leben; bei uns ist es noch schwer. Der Herr Kirchenfürst wünschen sehr, dass alle Wallfahrten wieder ins Leben treten! Ich bitte, arbeiten Sie wie Sie können, dass alles Abgeschaffte wieder aufgenommen werde. Mit aller Verehrung Ihr ergebenster M. Alles zur grösseren Ehre Gottes! Der Sicherheit wegen nicht frankirt. Tun Sie es ebenso."2

Und einen dritten Brief las Hunnius dann noch selbst.

Sie taten ihm als Ableiter seines Zornes wohl. Triumphirend betonte er:

"Die gute Wendung der Wallfahrtsangelegenheit macht mir erstaunliche Freude. Wie gerne macht' ich selbst einmal die Springprocession mit, wenn es meine Geschäfte erlaubten! Sorgen Sie für Ihre Gegend: nur dass man es mit der Regierung nicht unrecht angreift, dann ist alles verloren! In all der Drangsal, die wir leiden, habe ich doch auch manche Freude. Mehrere Pfarrer sind verklagt. J e m e h r , d e s t o b e s s e r ! ... geben Sie dem 'Kirchenboten' mehr Nahrung! Man muss immer hervorheben, wie jede Beschränkung und Hemmung der Kirche und jede Auflösung des Gehorsams gegen Bischöfe und Rom auch die Grundfesten des Staates untergrabe! Das ist für die Fürsten e i n A r g u m e n t u m a d h o m i n e m ! ..."

Hunnius unterbrach sich, um diese Worte zu übersetzen ...

Das greift den Fürsten an ihre eigene Krone! fiel Lucinde schon ein.

Wie? erwiderte er staunend. Aber kein Wunder, mein im Heiland geliebtes fräulein! Niggl schreibt mir ja von Ihnen,