1858_Gutzkow_031_157.txt

musste ...

Hunnius, ungestüm und überreizt, fand eine Dame ... eine elegante noch dazu ...

Rasch bedeckte er mit den Flügeln des Schlafrocks sein Négligé, zog die Pfeife aus dem mund, überliess Lucinden der Dienerin und entfernte sich mit einigen Worten der Entschuldigung.

Lucinde wurde in ein Empfangszimmer geführt. Die Magd stellte ihr die Lampe hin und entfernte sich.

Nach einer Weile öffnete wieder der Stadtpfarrer und bat Lucinden näher zu treten in sein eigenes Zimmer. Er hatte inzwischen schnell seinen schwarzen Rock und seine Stiefel angezogen und bot seinem Besuche einen Platz auf dem Kanapee, während er selbst mit grosser Beweglichkeit in gespannter Verlegenheit einen Stuhl ergriff ...

Das Zimmer bot die oft etwas gesuchte Einfachheit geistlicher Wohnungen. Auf dem Tische vor dem harten Kanapee lag eine fast wie in absichtlichem Ungeschmack gewählte baumwollene Decke; in der Mitte stand ein Crucifix von wurmstichigem alten Holze. Schildereien, Bücherschränke, Sessel, alles war von der grössten Einfachheit. Im volk setzt man solche Entbehrungen beim geistlichen stand voraus, beurteilt ihn und dieser selbst richtet sich danach.

Hochwürdiger Herr Pfarrer! begann Lucinde. Ich bin eine Nichte der Frau von Gülpen in der Dechanei und heute erst angekommen! Ich nahe mich Ihnen, verlangend, die erste Nacht, die ich in einem neuen Wirkungskreise zubringe, mit einem Gebete unter geistlichem Beistand anzutreten. Beim Herrn Dechanten fürcht' ich eine Misdeutung dieser Absicht durch meine gütige Tante und wage mich deshalb zu Ihnen. Auch hab' ich Briefe und einen dringenden vom Herrn Curatus Joseph Niggl an Sie abzugeben!

Ein Wunder die erste Anredeund leider so schnell natürlich erklärt! Eine Nichte aus der Dechanei, die mit dem Stadtpfarrer beten wollte? Eine religiöse Schwärmerin? Jetzt nur eine einfach an ihn Empfohlenedie zwei Briefe abgibt, auf deren einem "pressant" zu lesen ist!

Der letztere kam allerdings von einem seiner vertrautesten Freunde und Hunnius fand sich zurecht.

Doch las er den Brief nicht sogleich, sondern fragte Lucinden nach ihrer Reise, ihrem frühern Aufentalt.

Was eine Nichte in der Dechanei bedeutete, wusste Hunnius, doch behandelte er das verhältnis mit Schonung, ja er war sogar höchst überrascht, als Lucinde wirklich den Kopf mit dem nicht abgenommenen hut auf die gefalteten hände beugte und nicht eher aufblickte, bis er nicht ein Confiteor, das er in Versen übersetzt sogleich zur Hand hatte, laut vorgesprochen und sie gesegnet hatte.

Ohnehin erregt und nun vollends von einer so ihm noch nicht oft vorgekommenen Scene, erbrach er erst jetzt den wichtigern der beiden Briefe. Lucinde bat ihn darum.

War Hunnius bereits von seines befremdenden Besuchs hoher, fast stolzer Gestalt, von der Schönheit der Gesichtszüge, dem geistvollen Ausdruck der Augen und dem ganzen rätselhaften Dufte, der sie umgab, im höchsten Grade belebt, so steigerte sich sein Interesse vollends beim Lesen. Von Zeile zu Zeile wuchs der Ausdruck seiner Ueberraschung. Er zog die dunkeln buschigen Augenbrauen in die Höhe und unterbrach sich fortwährend selbst mit einem Hm! Hm! O das ist ja herrlich! bis er zu Ende war. Nun überflog er noch einmal und förmlich wie zweifelnd die an ihn gerichtete Adresse, überzeugte sich von der Unterschrift, zog sein Portefeuille, legte den Brief vorsichtig hinein und reichte Lucinden in verklärtester Miene die Hand mit den Worten:

Das muss ich mir ja zu seltenstem Glücke deuten, mein fräulein, eine solche Bekanntschaft in Ihnen zu machen! Sie sind zu unserer Kirche zurückgekehrt! Und mehr! Mehr! Sie haben den Mut, Ihre neue Gesinnung auch zu bewähren! Sie kennen die Welt genug, um mit Vorteil die geistlichen und weltlichen Waffen zu führen in dem Kampfe, den wir alle jetzt zu kämpfen haben! O und das jetzt in diesem Augenblicke, wo

Er horchte auf. Es schien ihm als wenn der Drukkerbursche die gerettete Nummer brachte.

So gut bin ich Ihnen empfohlen worden? fragte Lucinde, die den Grund seiner Selbstunterbrechung und plötzlichen Wie-Abwesenheit nicht kannte.

Lesen Sie es selbst! erwiderte Hunnius, griff in sein Portefeuille und reichte ihr den Brief Joseph Niggl's zurück.

Der gute Herr Curatus! sagte sie und lehnte das Lesen ihrer eigenen Lobeserhebungen ab.

Nein! Nein! erwiderte Hunnius halb zerstreut. Sich gerühmt zu sehen, ist manchmal eine Ermunterung!

Und nun las er, seufzend über den nicht gekommenen Druckerburschen, selbst:

"Hochwürdiger, hochzuverehrender –"

Ja so! unterbrach er sich. Ich habe mich vergriffen! Das ist nicht der rechte Brief! IndessenSieh! Sieh! WennEntschuldigen Sie mich nur, dass Sie mich in solcher Zerstreuung finden! Schon wieder ist meine harmlose schriftstellerische Tätigkeit Gegenstand der rücksichtslosesten Verkürzung gewordender Luft, des Lichtes, der Freiheit, des Atemsdenn alles das rauben sie uns! Meine ganze morgen fällige Nummer ist mir von Anfang bis zu Ende gestrichen worden! Jeden Augenblick erwart' ich Antwort auf einen Vorschlag, den ich wenigstens zu Aenderungen machte! kommt kein Bote aus der Druckerei, so bleibt es bei diesen Leichensteinendiesem Mord durch persönliche Willkür ... Blau ist die Tinte, die diesen Menschen statt Blut unter den Händen fliesst! Sehen Sie nur!

Damit zeigte er den Censurbogen eines kleinen Blattes, das mit blauer Tinte durchstrichen war ...

Lucinde drückte ihr Bedauern aus und suchte eine gelegenheit auf Klingsohrn überzugehen, durch den sie mit solchen Vorgängen des literarischen Lebens schon früh bekannt geworden war ...

Beim