1858_Gutzkow_031_156.txt

ein Hämmern und klopfen wie auf tausend verborgenen Tasten, irgendwie zu verratenein Hüsteln sogar musste sie schon zwingen aufzustehen und sich mehr zum Park zu entfernen.

Sie lauschte dem Plätschern des Quellchens, dem Rauschen der Blätter, dem Geräusch der Stadt ... Erst jetzt fühlte sie, dass sie ja die Briefe für Hunnius zu sich gesteckt hatte! Einer von ihnen war "pressant" ... Wenn sie ihn noch abgäbe? Jetzt, nachdem die neunte Stunde schon geschlagen?

Klingeln an der Stadtpfarrei? Das war das Wenigste ... Zu dem Reiz, der das katolische Priestertum umgibt, gehört seine freistehende, durch kein Familienleben gebundene Allen-Angehörigkeit. Da fragt kein Eheweib: Was wollen Sie von meinem mann? Da sind keine Kinder, an deren Bettchen, wenn sie krank sind, ein Vater der Mutter wachen hilft! Diese katolischen Priester sind wie die ärzte. Man darf sie des Nachts aus ihrer Ruhe klingeln. Man darf sie am Tage in ihrem Studirzimmer überraschen. Man braucht nur um einen Schemel zu bitten, um zu knieen und mit ihnen zu beten. Katolische Priester verlangen auch keine Einführung, keine Empfehlungsschreiben, sie sind sofort mit dem Menschlichsten im Menschen vertraut und einer ist dann wie alle; die Frage, die ihr ganzes Leben vertritt, ist unter ihnen und bei jedem dieselbe ... Wie viel Tausende von Frauen, die im Leben keinen Freund und Vertrauten zu gewinnen wussten, gehen ihnen betört auch nur um deswillen nach! ...

Ohne dass sich Lucinde an die übrigen Wege des Parkes hielt, schoss sie quer durch die vom Mondlicht beschienenen Bäume an die steinernen Stufen hin, die zum Dome hinauf und von dort wieder abwärts der Stadt zuführten.

Trotz der späten Abendstunde war das sonst so stille Städtchen heute wie im ganzen Jahre nicht lebendig.

Die zu den Uebungen Berufenen zogen truppweise durch die mondscheinhellen kleinen Gassen, andere sassen in den Wirtshäusern und fangen. Da Musik, dort der Lärm fallender Kegel ... Von ihren gestern und heute gemachten Bekannten konnte Lucinde annehmen, dass sie sich bei dem Obersten von Hülleshoven befanden, Hedemann vielleicht ausgenommen, der sicher den Leutenant von Enckefuss vermied ... Die Italiener schienen noch in Kocher nicht angekommen zu sein ...

Lucinde ging und ging und fragte die Leute nach der Stadtpfarrei ... es war ihr, als müsste sie doch vielleicht irgendwo Benno sehen ... Den hätte sie nicht lieben können, den schroffen Humoristen ... er gab sich absichtlich so unpoetisch, – er kehrte so oft die Seiten nur seines Verstandes herauser schien ihr zu sicher, klar und zu bewusst in sich selbstTiebold de Jonge erinnerte sie fast an Oskar Binderaber beide Männer waren zuvorkommend, man konnte mit ihnen scherzen, ausgelassen seinjetzt hätte sie sich an Benno's Erstaunen weiden mögen, wenn er sie Abends fast gegen halb zehn Uhr im Mondenschein so durch die Strassen wandern sah in der allgemeinen Aufregung ... sie würde seinen Arm aufgegriffen und ihn fortgezogen haben ... Entdeckte man ihren Ausgang in der Dechanei, so sann sie, was sie vorschützen würde, die dringenden Briefe an den Stadtpfarrer, die sie vergessen gehabt hätte am Tage abzugeben. Und wenn dieser wirklich noch zu sprechen warsie hatte sich schon bis zum Marktplatz durchgefragtwenn sie von ihm allzu lange aufgehalten werden sollte, konnte sie nicht das Interesse für die Erzählung des Dechanten von der sterbenden Frau Lei und den wirklichen Drang, den sie hatte, Treudchen beizustehen, zu ihrer Entschuldigung benutzen? Lucinde gehörte zu den Naturen, die bei grossen Schwierigkeiten sich durch das Wort zu helfen wissen: Ans Leben wird mir's doch nicht gehen! Das hatte sie schon in Langen-Nauenheim so gehalten, wenn andere Teilnehmer einer gemeinschaftlichen Schuld sich der Strafe entgegenängstigten. Für die Dechanei freilich lag ihr alles daran, an der Lage, in der sie sich bisjetzt dort befand, nichts zu ihren Ungunsten zu ändern. Sie ahnte ihre Gefahren nicht ...

Endlich war sie an der Stadtpfarrei. Im ersten Stock war noch Licht. Eine Klingel hing am haus ...

Sie zog daran und unerschrocken.

Viel schneller, als sie in geistlichen Häusern gewohnt war, ging die Tür auf.

Lucinde war schon auf der Treppe und von einer Magd empfangen und forschend angeleuchtet.

Das späte Klingeln brachte Hunnius mit einer Aufregung in Verbindung, in der er sich seit einigen Stunden mehr noch als in der Conferenz befand. Man hatte in der Tat die letzte, eben zum Druck bestimmte Nummer seines Kirchenboten auf der Polizei von Anfang bis zu Ende gestrichen. Der Fall war schon oft vorgekommen; immer aber regte er ihn so auf, dass er die halbe Nacht darüber verlor.

In jeder Minute, da er Aenderungen vorschlug, dann neue Botschaft erwartend, konnte das Ziehen der Klingel ihn veranlassen, sogleich selbst auf die Treppe zu eilen, die Brille auf die vor Aufregung gerötete breite Stirn zu ziehen, im Schlafrock, in Pantoffeln, mit der brennenden Pfeife in der Linken, mit der Studirlampe in der markigen Rechten ... und forschend, fragend, eher einem aufgeregten, nach Ordnung sehenden Wirte ähnlich, als einem Gelehrten, jedem entgegenzurennen.

So auch heute. Er kam, wie nur ein Mann seines Temperamentes, dann aber auch freilich ein Schriftsteller kommen konnte, der sich in jener traurigen Zeit jede geschriebene Zeile vom Censor begutachten lassen