oft über den kleinen Hunnius und nahm ihn für einen Erzschelm, der mit der Menschheit gerade so verfuhr, wie man mit derselben verfahren müsse und wie sie einst selbst sich gegen die Tücke der Frau von Buschbeck half. Selbst Bonaventura, dem sie einst diese Art der Erziehung vorhielt und unter der gewöhnlichen Beichtstuhlfirma, "sie würde von Zweifeln gequält" – ihr Verhalten zum neuen Glauben war, den wirklichen Hass gegen die hinter ihr liegende protestantische Welt ausgenommen, nur ein äusserliches und eine Benutzung desselben als Mittels zum Zweck – diese Signum-Anekdote erzählte, hatte gesagt: Man glaubt das Fundament unserer Kirche erschüttert zu haben, wenn man allen Aberwitz aufdeckt, auf den die Einsamkeit der Geistlichen und die Furcht vor der Anfechtung verfallen ist! Die künftige Lebensstellung des Priesterstandes ist eine so schwierige, dass die Angst, es möchten sich keine Menschen finden, die ihm Genüge leisten könnten, seit Jahrhunderten bei uns auf solche Auskunftsmittel der Erziehung zur inneren Heiligung verfallen ist!
Die Gäste unten hatten das Haus verlassen – alles wurde still – der Mond trat immer heller und heller hervor und verklärte den Park mit einem magischen Lichte ...
Von Benno, von Hedemann, Tiebold de Jonge, Bonaventura, von den Italienern keine Spur – auch die kleine Gertrud Lei brachte – wenigstens hörte sie nichts – keine Botschaft von ihrer sterbenden Mutter ...
Die Erzählung des Dechanten hatte Lucinden in ihr eigenes Jugendleben zurückversetzt – in das Leben ihrer Geschwister – in den Tod derselben – auch den Tod ihrer beiden letzten Brüder ... Gustav und August lebten nicht mehr – sie hatten aus dem Besserungshause entfliehen, hatten an einem Seil aus einem hochgelegenen Fenster sich niederlassen wollen – ein Geräusch treibt den zweiten Flüchtling, sich aus dem Fenster dem ersten nachzuschwingen, während dieser noch nicht am Boden ist – das Seil reisst, beide verunglücken – – vor einem Leben, das doch gewiss nur das des Verbrechens hätte werden können! tröstete sich schon damals Lucinde. Es war dies fast drei Jahre her; die Kunde traf sie gleich nach ihrem Eintritt in die ortopädische Anstalt. Dass sie diesen Tod getrost auf ihre Rechnung schreiben konnte, hatte ihr das Gewissen schon oft gesagt und ebenso oft auch schon wieder hatte ihre Philosophie der Selbstülfe und des erlaubten Widerstandes gegen das feindliche Leben sie von allem Vorwurf freigesprochen.
Zur Ruhe gehen konnte sie nicht. So in ihrer Aufregung den Tag schliessen, so sich mit tausend quälenden Gedanken aufs Lager werfen? ... Unmöglich für eine Phantasie so voll wühlender Ungeduld! ...
Die Kleinheit des Zimmers machte sie jetzt verzweifeln. Sie riss die Tür auf ... Unten hörte sie noch reden ... Frau von Gülpen war es, die sich bei den Mägden sicher stellte, dass niemand sich etwa einfallen liess, vom Lärm der Stadt und der Neugier auf die Einquartierten sich aus dem haus ziehen zu lassen.
Lucinde lächelte und sagte kopfschüttelnd:
Ganz wie meine Alte!
Zuletzt regte sich nichts mehr im haus ...
Sie griff nach Hut und Mantel ...
Wenigstens in den Park wollte sie gehen und mit einer Wanderung durch die Baumgänge die stürmenden Gefühle ihrer Brust beschwichtigen ...
Wie auch hatte ihr das Leben dieses Parks poetisch vor Augen gestanden! Sollte sich denn auch nichts davon, keine einzige ihrer Ahnungen erfüllen?
Sie musste hinaus. Nur das eine Bild des Mönches Klingsohr schon wuchs so riesengross vor ihren Augen, dass es die Decke des kleinen Zimmers sprengte. Es zog sie, wie wenn sie über Länder und Ströme, über Heiden und Moore fliegen müsste zu dem fernen Meere hin, an dessen Ufern sie einst gelebt hatte, zu dem Strande der Alster, wo Klingsohr im Schilfrohr das blutige Haupt seines Vaters zu sehen sich gefürchtet.
Und wollte nicht zuletzt noch Bonaventura kommen? Wollte er sie gleich schon heute die Wonne nicht fühlen lassen, doch irgendwie berechtigt in seiner Nähe weilen und an seinen Lebensschicksalen beteiligt scheinen zu dürfen?
Mit diesen Empfindungen war sie schon auf der Stiege.
Sie hatte leise ihr Zimmer zugedrückt.
Behutsam ging sie hinunter. Nichts hörte sie als das Knistern ihrer Schuhe auf der steinernen Treppe.
Unten steckte der Schlüssel in der Hauspforte ...
Sie schloss auf, öffnete und trat hinaus ...
Sollte sie den Schlüssel mitnehmen? ... Mitnehmen? Wohin? ... Wusste sie schon, dass es im Park sie doch nicht halten würde, dass sie sich weiter wagen müsste, wenigstens bis an die Katedrale hinauf? ...
Sie liess den Schlüssel stecken und drückte nur leise die Tür wieder zu.
So trat sie auf die steinernen Vliesen, die rings das Schlösschen umgaben. Dann kam ein kleiner Rasen mit einem kaum einige Fuss hohen spielend tröpfelnden Springbrünnchen ... dann kam eine Baumallee ...
Auf einer Steinbank liess sie sich nieder ...
Wie blickte sie zagend auf das Haus, in dem ein Licht jetzt nach dem andern erlosch! ... Das Piano, auf dem sie sich leidlich geltend zu machen wusste, hatte man sie gar nicht aufgefordert anzurühren! Sie hatte ihre eigenen bizarren Weisen, in denen sie sich in solchen Abendstunden und solchen Stimmungen anziehend zu ergehen verstand ... Wie hätte sie jetzt auf ihm dahinstürmen mögen! Und nun sass sie hier "auf probe", so gebunden, so Bettlerin, so Ausgestossene und Geduldete nur. Sie durfte kaum ein Liedchen trällern, um das tausendstimmige Concert in ihrer Brust,