ihres Mansardenzimmers hatte sie gebeten, allein bleiben zu dürfen und sie wegen ihrer Ermüdung zu entschuldigen.
Ihr Zimmer war klein, sehr niedrig, – fast stiess sie mit dem Kopf an die Decke –
Sie machte sich Licht – sie hätte alle Fenster des Hauses aufreissen mögen, um Luft zu schöpfen, – ihr Stübchen hatte nur ein Fenster – sie fürchtete zu ersticken –
"Beim Stadtpfarrer würde sie mehr erfahren"– Dies Wort hallte ihr unaufhörlich wider ...
Sie hatte Briefe an diesen Beda Hunnius – die dringendsten Empfehlungen – Empfehlungen, die sogar mit "pressant" überschrieben waren –
Sie suchte nach diesen Briefen –
Dabei blieben ihr die hände wie gelähmt ... und fast wie im Gelächter klang es schon und hallte ihr im Ohr:
Klingsohr ein Mönch!
"Sind Sie katolisch?" hatte sie einst zu ihm gesagt, als er einen Blütenzweig da in die Erde pflanzen wollte, wo sie gestanden, damals, als sie von ihm auf dem Wege vom Düsternbrook so seltsame und ihr fremde Gedanken vernommen ...
"Du sprichst ein grosses Wort gelassen aus!" hatte er erwidert ...
Sie ging auf und nieder in dem engen Zimmer.
Dann suchte sie in ihrem kleinen Koffer nach den Briefen ...
Sie fand sie in ein Convolut alter Papiere versteckt, die sie seit drei Jahren besass. Es waren die nach Serlo's tod aus dessen Nachlass an sich genommenen Aufzeichnungen desselben ... seine oft von ihm vorgelesenen Tagebücher.
Sie kannte jede Stelle darin und nicht eine Secunde brauchte es, dass sie eine Seite aufgeschlagen hatte, die jenen Beda Hunnius betraf. Firmian Neumeister, genannt Serlo, war, obgleich älter, mit ihm im geistlichen Convict gewesen ... Bei diesem Hunnius konnte sie von Klingsohr mehr erfahren ... von Klingsohr, der jetzt ...
Sie wusste selbst nicht, was sie tat, als sie, um den überwallenden Strom ihrer Empfindungen zu dämmen, die Schilderung wieder las:
"Wir ältern Schüler hatten die Aufsicht über die jüngern. Schon ganz kleine Knaben kamen ins Convict und mit den glücklichsten Anlagen für ihren künftigen Beruf ...
Die Lehrer hatten die Erziehungsgrundsätze der Jesuiten angenommen. Wir wurden von allem zurückgehalten, was nur irgendein eigenes und selbständiges Leben in uns und aus uns hätte entwickeln können. Jede Stunde, ja jede Minute hatte ihre Beschäftigung, ihre eigene Aufgabe. Nur die Ruhe der Nacht, wenn man aus einem Traum erwachte, bot die gelegenheit eines stillen Selbstgesprächs. Nur in solchen Nächten ermöglichten sich meine Betrachtungen über Menschen und Dinge. Mit dem Glockenschlage fünf begann die gewohnte Ordnung matematisch genau abgegrenzter Beschäftigungen. Einer der Schüler belauschte den andern. Man wurde angezeigt, wenn man Runzeln auf der Stirn hatte! Ich weiss es noch wie heute, dass ein Schüler, ein kleiner Bauernknabe, mindestens sieben Jahre jünger als ich, den ich zu beaufsichtigen hatte, ein gewisser Hunnius, m i c h anzeigte, wenn ich die Stirn in Runzeln gelegt hatte! Diese Nachlässigkeit wurde vom Rector scheinbar nur aus Schönheitsrücksichten getadelt und abgestraft. Man sagte: Du sollst dein Aeusseres pflegen! Dein Leib ist ein Tempel Gottes! Wie kann eine Seele zu dir Vertrauen fassen, wenn du mit düsterer, gefurchter Stirn sie anblickst! Die Wahrheit war aber keine andere als die, dass gerunzelte Stirnen Denker verraten, mindestens Träumer, die in sich selbst versunken Betrachtungen anstellen, die ihnen nicht von aussenher veranlasst und geheissen wurden.
Dieser boshafte kleine Verfolger meiner Stirnrunzeln war auch schon der eifrigste und gewandteste Escamoteur des sogenannten Signums.
Dies war eine Art Denkzettel von Blech, den derjenige umhängen musste, der irgendein versehen sich hatte zu Schulden kommen lassen. Man trug das Signum so lange, bis man an irgendeinem andern eine Unregelmässigkeit entdeckt hatte, der dann es statt seiner tragen musste. Da derjenige, welcher das Signum Abends neun Uhr umhatte und der letzte gewesen war auf der nun folgenden Jagd der Angeberei, dann auch wirklich gleichsam für alle bestraft wurde, – Opus operatum auch hier! – ein verhältnissmässiges Fastengebot erhielt oder irgendeine Arbeit verrichten musste, so kann man sich denken, wie aufgelauert wurde, um das Signum von sich weg anzugeben auf einen andern! Ich alter, achtzehnjährige Knabe war gewöhnlich der Unglückliche, der für die Vergehen von einem Dutzend anderer Abends neun Uhr zu büssen hatte.
Und ich sage nur, wie die menschliche natur früh auf alles, was sie geistig verkrüppeln kann, vergnüglichst eingeht!
Niemals kam der jüngste von allen, der kleine Hunnius an die Reihe, der letzte zu sein! So verschmitzt war hier schon ein Kind, so listig, dass es noch Abends um neun Uhr einen Frevel an einem seiner Kameraden entdecken konnte, dem es das Signum kurz vor Toresschluss zuzuschanzen wusste.
Gab es keinen Verstoss, der anzuzeigen war, so lockte man einen hervor. Dazu bedurfte es bloss doppelter Verschmitzteit; denn der Reiz zur Sünde ist immer da. Von Freundschaft und Liebe konnte bei so durcheinander gehetzten jungen Seelen keine Rede sein. Wir wurden zur Predigt der Liebe angeleitet und in unserm inneren kochten Hass und Rache. Alles zur grösseren Ehre Gottes!"
eigentlich war Lucinde auf dem Standpunkte, bei solchen Mitteilungen eher Partei gegen als für Serlo zu nehmen. Sie hatte mit der Denkweise, die sie Klingsohrn, ja Serlon selbst verdankte, eine resolute Entschlossenheit der Menschen für die Abwehr ihrer gegenseitigen Schlechtigkeiten für vollkommen gerechtfertigt zu halten gelernt. Sie lachte schon