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Inhalt der goldenen Dose, die der Dechant suchte und die sie ihm, selbst in grösster Aufregung jede seiner Mienen, jedes seiner Bedürfnisse beobachtend, hinreichte und öffnete ...

Dem alten Windhack schien es geradezu Spass zu machen, Frau von Gülpen so gleichsam immer mehr in die Lüfte gehoben zu sehen. Er schenkte dem Major sein Glas mit 24er Mosel-Auslese ebenso oft voll, wie dieser es leerte. Dadurch kam die Mitteilungslust desselben in gang und nicht zwanzig Minuten währte es, so wussten, natürlich nur in gemütlichster Andeutung, alle, dass Lucinde Schwarz kaum viel mehr als eine Abenteurerin war, schon einen sehr verwickelten Lebenslauf gehabt hätte, ja auf Schloss Neuhof beim Kronsyndikus von Wittekind gewesen war, damals namentlich als vor sechs bis sieben Jahren jener Teilungscommissar so rätselhaft getödtet wurde, der Vater eben jenes Mönches, der jetzt Pater Sebastus hiess und vielleicht in diesem Augenblick unter den unten angefahren gewesenen Geistlichen sich befunden haben konnte ... Ja, bis zu Lucindens erstem Anfang gingen die Mitteilungen zurück, bis zum haus des Stadtamtmanns und sogar bis zu ihren ersten Abenteuern mit einer alten Frau Hauptmännin von Buschbeck ...

Längst hatte von Kocher her der Zapfenstreich sich vernehmen lassen ...

Der Dechant stand schon bei dem Namen "Schloss Neuhof" auf ...

Frau von Gülpen folgte seinem Beispiel bei dem Worte "Buschbeck".

Lucinde war nicht wiedergekehrt ...

Die Freundinnen besassen Takt genug, nachzufühlen, dass dieser Abend gestört war, und den Zapfenstreich hatte eigentlich niemand versäumen wollen ...

Major Schulzendorf hatte Lucinden keineswegs anklagen wollen. Er hatte nur das Interesse, das sie vollkommen einflössen durfte, genauer motivirt. Nicht im mindesten durften er oder seine Gattin annehmen, dass seine immer den Rücksichten des Hauses und den vortrefflichen speisen und Weinen desselben Rechnung tragende Mitteilung irgendjemanden hier verletzte.

Man trennte sich wie mit dem Gefühl allgemeinster Befriedigung ...

Frau von Gülpen aber fiel, als sie mit dem Dechanten allein war und ihr scharfes Ohr die letzten Schritte der Gäste verklingen gehört hatte, geradezu in eine Ohnmacht ...

Der sanfte Mann tat alles Mögliche, sie zu beruhigen.

Nicht vierundzwanzig Stunden länger bleibt sie im haus! hauchte die Freundin mit einer ihr fast vergangenen stimme.

Die Haube löste sich, die schönen kastanienbraunen Scheitel kamen in Unordnung ...

Und plötzlich raffte sie sich auf und klingelte.

Was tun Sie? Was soll das? fragte der Greis.

Windhack, der die Gäste hinausbegleitet, kam zurück.

Das fräulein

Die stimme versagte ... versagte um so mehr, als der Dechant sich einer sofortigen Citation Lucindens entschieden widersetzte.

Windhack berichtete, er hätte oben geklopft und die Antwort bekommen, sie wäre müde und wünschte allein bleiben zu dürfen ...

"wünschte! Allein bleiben zu –"! lachte Frau von Gülpen förmlich auf, wie über eine Prätension der höchsten Anmassung ...

Beruhigen Sie sich, liebe Freundin! unterbrach der Dechant wiederholt und mit Entschiedenheit. Verurteilen Sie nicht wieder zu schnell! Morgen wird sich alles finden! Ich bitte sehr darum! Windhack, leuchte! Ich habe noch Briefe zu lesen. Keine Störung! Keinen Tumult! Ruhe und Friede! Ich bitte darum! Gute Nacht, liebe Freundin!

Damit ging der Greis erregt, wie seit lange nicht, auf sein Zimmer.

Die Schnurrentüren nebenan bei Frau von Gülpen beruhigten sich aber noch bis tief in die Nacht nicht, so oft gingen sie auf und zu und so oft zu und auf ...

Nie noch konnte eine Tante über eine Nichte in grösserer Aufregung gewesen sein.

9.

Inzwischen sass Lucinde in einem Mansardenstübchen unter dem Eindruck, den ihr das Wiedersehen Heinrich Klingsohr's verursacht haben musste!

Dass es dieser gewesen, dass er wie sie den Glauben gewechselt, ja dass er weiter noch gegangen und ein Mönch geworden, bestätigte Windhack, als er das ihr aus der Hand gefallene Licht erhob und in aller Harmlosigkeit sagte, der Mönch käme mit den geistlichen Herren vom Stadtpfarrer ... hiesse Dr. Klingsohr, und in der Stadtpfarreida müsste man mehr von ihm wissen, als halt er selbst oder der Dechant wüsste ...

Windhack ahnte nicht, wie seine Antwort einer fast bebend gesprochenen Frage gegeben wurde.

Und doch wusste selbst auch noch in diesem Augenblicke sich Lucinde schon wieder zu beherrschen.

Aber sie mochte nicht in die Gesellschaft zurückkehren ober, wie Windhack sie aufforderte, am Mahle teilnehmen. Die strenge Kälte der Frau von Gülpen, der prüfende blick des Majors, der so lässige und nur oberflächlich verratene Anteil des Dechanten benahmen ihr allen Mut, allen Aufschwung ... und doch war sie sorglos und ahnte für ihr Bleiben keine Gefahr.

Sie hatte Treudchen Lei schon davongeeilt gefunden, hatte die zurückgelassenen Sachen der geistlichen Herren helfen wollen an den Wagen nachtragen, hatte kaum einen blick durch das vergitterte Fenster des untern Estrichs geworfen, während Windhack vor der grossen Hauptpforte stand ... als sie vor dem geschorenen haupt eines Mönches, der aus dem Wagenschlage sich vorbeugte, zurückfuhr. Die Beleuchtung durch Lichter, den aufgegangenen Mond und die noch nicht ganz entschwundene Tageshelle war zu sicher, der markirte, scharfe Kopf Klingsohr's war mit keinem andern zu verwechseln und die Bestätigung, dass sie sich nicht geirrt, folgte durch Windhack auf dem fuss ...

Wollen Sie nicht zum Souper kommen? fragte der Alte nach einer Viertelstunde noch einmal.

Durch die geschlossene Tür