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Diner und von der Conferenz. Windhack kam schon und berichtete: Sie hätten ihre Ueberkleider, Bücher, Regenschirme noch in der Dechanei zurückgelassen und wollten sich, da sie jetzt erst abreistenbis um acht Uhr hatten sie gelegenheit genug gefunden sich in Kocher am Fall zu zerstreuen –, alles in den Wagen nachreichen lassen.

Frau von Gülpen fürchtete, dass man nicht jedes da, wo sie es hingelegt hatte, finden würde und schickte auch noch Lucinden mit den nötigen Anweisungen hinunter.

Windhack war schon vorangegangen. Ohnehin war er im Aufdecken begriffen. Nach dem Tee pflegte man in der Dechanei immer noch ein Nachtessen einzunehmen, das bereits aufgetragen wurde ... Man drängte inzwischen den Dechanten, die Botschaft Treudchens erst abzuwarten und sich zu beruhigen.

Bald hörte man, dass nach wenigen Augenblicken auch schon der Wagen unten wieder abgefahren war.

Eben machte der Major einige Glossen über die Anhäufung geistlicher Versammlungen, über die Unbesonnenheit, mit der man Zwecke zur Schau trüge, die böses Blut nach oben setzen müssten, über die fanatischen Schwärmereien des Stadtpfarrers, der sogar allerlei Abenteurer ins Land riefe, jetzt die Italiener, die diesmal Heiligenbilder verkaufen müssten zu Spottpreisen, wie ihnen durch einen Verein ermöglicht würde; ja, auch den "Kirchenboten" hätte er heute wieder so scharf geschrieben gehabt, dass man ihn in der Censur von Anfang bis zu Ende gestrichen hätte ...

Er kannte die Spannung zwischen der Dechanei und dem Stadtpfarrhause und sagte ganz offen:

Man möchte fast glauben, der fanatische Mann hat die Herbstmanöver abgewartet, um seine bekannten Anschuldigungen der Regierung besser unter die Leute zu bringen!

Schon sprach man dem Mahle zu, schon füllten sich die Gläser ... Man erörterte die heutige Conferenz. Der Dechant zuckte die Achseln und schwieg zu des Majors Besorgnissen ... Man sprach von dem ausbleibenden Benno, der wahrscheinlich durch seine Kameraden gefesselt war, und bemerkte endlich die auffallende Nichtwiederkehr der Nichte der Frau von Gülpen.

Der Dechant war der erste, den ihr Aussenbleiben störte.

Eine Erörterung über sie, eine Kritik über ihren Eindruck liess sich noch nicht anknüpfen; man konnte annehmen, dass sie eben eintreten würde.

Ihr Couvert blieb aber leer. Sie kam nicht ...

Jetzt fragte man Windhack, der servirte ...

Windhack wusste keine andere Auskunft, als dass "fräulein von Schwarz" ihm noch vor einer halben Stunde draussen geholfen hätte, den Herren in ihren Wagen die verlangten Sachen nachzureichen. Da hätte sie ein Licht gehalten und plötzlich wäre ihr das Licht aus der Hand entfallen und dann, als der Wagen fort war, hätte er sie gar nicht mehr gesehen ...

Frau von Gülpen fand das Fallenlassen des Lichtes "doch auch sonderbar" und nun öffnete sich manche verhaltene Schleuse ...

Die Freundinnen schickten zuerst das grösste Lob vorausnach dem System der Sheridan'schen Lästerschule war dies gleichsam das Einkaufungsrecht, hinterher desto schärfer tadeln zu können.

Flüsternd nur und sehr discret fand man die junge Dame ausserordentlich interessant, mit andern Worten höchst unheimlich und kein Vertrauen erweckend; man fand sie wunderbar schön und majestätisch, mit andern Worten zum Dienen nicht im mindesten geschaffen; man bewunderte ihre Augen und fand sie ausserordentlich klug, d.h. gefährlich und Vorläufer mancher Beunruhigungen der Dechanei und der Stadt.

Die Frau Majorin schwieg vollendswas bei ihrer Zungenfertigkeit das am meisten Sagende warund der Major knöchelte nur ein kaltes Huhn aus und legte die Reste so hieroglyphisch vor sich auf den Tellerrand, als wollte er damit das bekannte Rätselspiel einer verwundenen Bandschnur lösen ...

Jetzt fragte ihn Frau von Gülpen geradezu, worüber er denn heute eine so ganz extrafeine Miene machte ... und der Majorin sagte sie schon:

Unsere Familie ist so gross, dass ich oft erschrecke, ihre nähere Bekanntschaft zu machen!

Und als nun gar fräulein von Minnerich die Anspielungen des Majors auf den jüdischen Ursprung der Stadt Kocher in Verbindung brachte mit einem gewissen orientalischen Air der Nichte und die Tante darüber in Verlegenheit geriet, konnte der Major nicht mehr umhin zu sagen:

O Beste, nein! Ich wollte nur auf ihre hohe Religiosität anspielen ... sie ist ja eine Convertitin ...

Feierliches Schweigen ...

Man sah sich um, ob Lucinde kam.

Da sie ausblieb, ermunterte Frau von Gülpen, die diese Eigenschaft ihrer Nichte nicht gekannt hatte, den Major, ganz offen sich auszusprechen.

Sie wissen, sagte sie, ich bin schon so oft von meinen Angehörigen getäuscht worden! Noch unser letzter Besuch, fräulein Angelika Müller

Ich habe einen Brief von ihr auf meinem Zimmer liegen, sagte der Dechant und wünschte offenbar damit das Gespräch abzubrechen ... ihm gefiel Lucinde ... er wäre gern auf einen andern Gegenstand übergegangen.

Grützmacher, sagte aber der Major, sah sie schon gestern beim Pfarrer von St.-Wolfgang ...

Wir hatten sie dortin empfohlen, bemerkte Frau von Gülpen, um ihre Sicherheit zu beweisen.

Sie kannte Herrn von Asselyn schon seit Jahren ...

Sie kommt aus der Stadt, wo er geweiht wurde ...

Nun, wir werden ja sehen ...

Sehen? hiess es allgemein.

Ich verschweige Ihnen nicht, gestand jetzt der Major ganz offen, die Dame ist uns zur Aufsicht anempfohlen worden ...

Zur Aufsicht?

Als Emissarin! Ihre fanatische religiöse Gesinnung ...

Bei dem Worte "Emissarin" verschüttete fast Frau von Gülpen den