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den Buben, wie er ihn nannte, ausstossen musste. Joseph hatte selbst schon lange ein einst vermögendes Mädchen geheiratet, die Tochter eines angesehenen, nur mit zu viel Kindern gesegneten Landwirts. Das immerhin beträchtliche Eingebrachte derselben war bei dem Zurückgehen des Geschäfts bald verbraucht; die Kundschaft verminderte sich, die Concurrenten machten bessere Einkäufe. Alledem sah der von der Gicht krummgezogene Alte, der inzwischen Grossvater geworden war, von seinem Lager mit Verzweiflung zu. Innerer und äusserer Schmerz folterten den Greis, der nicht mehr gehen und stehen konnte. Hörte man wilde und laute Verwünschungen aus dem einst so stattlich gewesenen, jetzt die Spuren des Verfalls tragenden haus, so wusste man schon nicht mehr, waren es die Ausbrüche des Zankes mit seinem Sohn oder die Klagerufe des von seinen Schmerzen Gepeinigten. Dieser Zustand dauerte einige Jahre. Die Verlegenheiten wuchsen; das Haus gehörte schon nur den Gläubigern; Pfändungen folgten auf Pfändungen, und wie es zu gehen pflegt, das Verderben wird unaufhaltsam und wird es auch innerlich für den Charakter des davon Betroffenen. Joseph Lei verkaufte und versetzte ein Stück nach dem andern; die Frau, eine redliche, brave, treue Seele, mühte sich mit der Befriedigung des letzten Restes von Kundschaft, um nur die Kinder erhalten und erziehen zu können. Die Vergünstigungen der Armutspenden in Empfang zu nehmen, war man noch, schien es, zu stolz. In der Nebenstube des Wohnzimmers, aus dem hinaus man in die jetzt fast immer leere Verkaufsflur trat, stand ein Bett mit Kattunvorhängen; rings von diesen eingeschlossen, um das Licht abzuhalten, das die trüben, roten Augen des Alten blendete, lag der Alte. Da rückte man ihm eine Fleischbank hin, auf der er Speck und geräuchertes Fleisch schneiden half und Wurst hackte. Eines Tages fand man die Vorhänge sorgsam zugezogen; man öffnete; Petrus Lei hatte sich mit dem grossen Messer, das immer in seiner Nähe lag, erstochen. Nun vollends war der Segen des Hauses dahin! Die blutige Gestalt des Grossvaters verscheuchte jeden der letzten Kunden, auch die, die aus Mitleid noch gekommen wären. Mit Grauen und Ekel ging man an dem haus eines Metzgers, der sich selbst erstochen hatte, vorüber, und sah man auch manchmal an der Tür noch ein einziges junges Lämmchen hängen mit ausgebreiteten, an Stecken befestigten Füssen, – die gute unglückliche Frau Lei putzte und scheuerte hellgelb die Haken, an denen einst die schweren Rinderviertel gehangen, die Wagschale blinkte so sauber durch die Fensterscheiben der Hausflurtür wie sonst, – drinnen sah es doch öde und leer aus. Joseph sass dann bald nur noch im Wirtshaus, trank und spielte. Die geistlichen Vermahnungen halfen nichts; es lag wie ein Fluch auf dem haus, dessen gänzliche Verödung nur das Mitleid um die rechtschaffene Frau abwandte. Das haben wir ja alle erlebt, wie diese unheilvolle Kette an verderblichen Ringen immer reicher wurde! Die kleinen Kinder wuchsen herauf, halfen da und dort; der Vater hatte Augenblicke, wo er sich zusammenraffen wollte. War dann einmal ein Tier gekauft worden, war das ein jubel von Frau und Kindern! Sie liefen in die ganze Nachbarschaft ringsum und verkündeten die frohe Mär: Der Vater hat ein Schwein geschlachtet! Was liess sich dann tun? Man musste den jüdischen Metzger Lippschütz, an den man sich unten am Fall schon gewöhnt hatte und zu dessen Praxis ohnehin diese eine Tiergattung nicht gehörte, übergehen und die arme Frau Lei glücklich machen, die dann freilich erleben musste, dass der Mann, gleichsam um sich von einer einzigen grossen Tat, dem Schlachten und Zurichten und Verputzen eines einzigen Tieres, auszuruhen, dann wieder im wirtshaus sass und durch erkünstelte Bravaden seine innere Zerfallenheit zu übertrotzen suchte. Sein blick wurde wilder und scheuer, man mied ihn und je mehr die Teilnahme für die Mutter und die Kinder zunahm, desto vereinsamter fühlte sich ihr Mann, der Joseph. Die arme Frau lief oft sechs Stunden Weges zu Fuss über Land, um irgendeinen Ankauf zu machen; die Kinder folgten, und zu rührend war der Anblick, wenn sie dann ein Lämmlein oder ein taumelndes Kälblein die Landstrasse dahertrieben und den Vater aus dem wirtshaus abriefen, damit er an dem auf Borg oder für ein Geringes Eroberten seine Kunst zeigte. Wir wissen alle, dass eines Tages am Pfosten des Schlachtauses nicht ein solches kunstgerecht ausgeweidetes Lämmlein, sondern der Joseph selber hing! Wie sein Vater war auch er aus der Welt gegangen; jener Selbstmord war aus Ungeduld und Stolz, dieser aus Furcht und Scham entstanden; sein Trotzen war eben nur, wie es geht, ein falsches Spiel gewesen. Dann wurde Meister Lippschütz Herr der ganzen Kundschaft bei den Gerbern und Färbern unten am Fall, bis auch der starb und seine Frau die Metzgerei nicht fortführen konnte. Das, fräulein Schwarz, ist nun unsere Hasen-Jette, die Sie sehr oft auf unserer Dechanei sehen werden! Sie ist eine vortreffliche Frau, wenn auch der Major ihren geheimen Lieferanten nicht traut ... Nun stirbt die gute Frau Lei! Ich muss doch hinunter in die Stadt! Man kommt nicht wieder ... Gute Nacht!

Der Dechant erhob sich allen Ernstes. Sein gutes Herz hatte über die Bequemlichkeit den Sieg davongetragen.

Sein Entschluss wurde aber von einem heranrollenden Wagen unterbrochen.

Der Pfarrer von St.-Wolfgang! rief alles und Frau von Gülpen trat ans Fenster.

Es war aber nicht diese heiss von ihr ersehnte Ablösung für den Dechanten, sondern es waren die geistlichen Herren vom