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immer hätte die Dulderin sich wieder erholt, ja sogar es bereut, als sie in einem ähnlichen Anfall schon einmal die Wegzehrung erhalten und dann doch nicht gestorben wäre. Spendet auch die Kirche diese letzte Wohltat gern in der Voraussetzung, dass sie nicht den Tod, sondern die Genesung erleichtre, so sparen sich die Sterbenden doch gern die hülfreiche Rüstung zum Eintritt in den peinvollen Vorhof des himmels zu dem Augenblick, wo sie deren wirklich bedürftig sind.

Also riet man dem Dechanten zu bleiben und Windhack, der der Frau von Gülpen in die Weissgerätkammer, wo ein liebes zartes Kind, Treudchen Lei, den ganzen Tag über an neuen feinen Hemden gesteppt hatte, nachgegangen war, kam schon mit der Beruhigung zurück, Treudchen wäre zwar gegangen, hätte aber hinterlassen, sie würde sogleich schicken, wenn es nötig würde.

Geschwister hat sie genug dafür! sagte Frau von Gülpen, die schon zurückkam ... Sie sagte dies ganz voll Mitleid, aber scheinbar ohne die mindeste Erregung.

Der Dechant beruhigte sich also.

Wissen Sie wohl, lenkte er in ein inzwischen vom Major begonnenes Gespräch über Wilddieberei ein, wissen Sie wohl, das Schmerzenslager unserer guten Frau Lei ist eine Folge der Wilddieberei?

Man wusste nur Einzelheiten davon. Während Lucinde den fortgesetzt forschend auf ihr ruhenden blick des Majors bald fragend suchte, bald erschreckend vermied, erzählte der Dechant:

Ehe noch die Juden in Kocher am Fall den Mut gehabt hätten, an Christen von ihrer eigenen Metzgerkunst mehr zu verkaufen als Gänseblut ...

Allen Bewohnern von Kocher war gegenwärtig, dass die Hasen-Jette, Frau Henriette Lippschütz, die jetzige Wildpretändlerin, die Witwe eines einst auch von Christen stark in Nahrung gesetzt gewesenen jüdischen Metzgers war ...

Und ehe noch, fuhr der Dechant fort, die Blume der ganzen Judenschaft in Kocher am Fall, mein unvergesslicher teuerster Busenfreund Dr. Leo_Perl, zu unserer Kirche übergetreten warer hat einst in Borkenhagen unsern guten Bonaventura getauft ... Sieh, sieh! unterbrach sich der Dechant selbst, – käme Bona noch, der Wunsch der Frau wenn sie stürbe wäre erfüllt; von ihm hätte sie am liebsten die letzte Zehrung empfangen ...

Frau von Gülpen stellte die notwendigkeit einer schon so nahen Gefahr und die Erfüllung jenes Wunsches, den Lucinde schon vorgestern aus dem mund Grützmacher's kannte, wiederholt in Abrede ...

Kurz, vor langer Zeit schon, nahm der Dechant seine Erzählung auf, war der angesehenste Metzger hier im ganzen Orte Treudchens Grossvater, der alte Petrus Lei. Als ich hierher an den Dom kamauf Veranlassung hauptsächlich jenes, so früh dahingegangenen Seltensten der Menschen Leo_Perl –, stand niemand unter seinesgleichen höher im Ansehen als Herr Petrus Lei. Eine Freude war's, den Mann in seinem stattlichen haus unten am Fall zu sehen, wie er, über der Brust die weisse Schürze und mit dem Messer im Brustlatz, an seiner Schranne stand! Den Mann plagte aber plötzlich das Wohlleben, der Müssiggang und mit ihm, wie es auf dem land geht, die Jagdlust. Hatten entweder, wenn er über Land zum Einkauf von Schlachtvieh reiste, seine Hunde die Neckerei, Hasen aufzustöbern, die sie ihm zuschlepptenso erzählte er später selbst den Ursprung seiner Jagdlustoder reizte ihn sein bürgerliches Wohlbefinden, er pachtete eine Jagd und wurde ein so leidenschaftlicher Jäger, dass ihm sein eigenes Gebiet nicht mehr genügte. Die Kugel, einmal im Lauf, sagt unser grosser Schiller, ist verhängnissvoll! Sie fuhr auch für Petrus Lei heraus, wenn die Grenzmarke seines Geheges längst überschritten war. Ich mag nicht leiden, wenn ein Bäcker, der für tägliches Brot, meinetwegen Sonntags für Kuchen zu sorgen hat, sich zu feinern Näschereien versteigt. Ein Metzger, der dem wild nachstellt und das dann zwar nicht aufhängt unter seine Rindsviertel und gespaltenen Lämmer, aber unter der Hand doch auch verkaufen muss, begeht fast eine Untreue an seinem Beruf. Ich will nicht sagen, dass sich sein Beruf rächte, aber Petrus Lei erlebte das Unglück, nach einer heissen Jagd, die ihn nicht wenig mitgenommen hatte, auf freiem feld von einem Unwetter überfallen zu werden. Der Regen goss in Strömen. Kein Baum, kein schützendes Gestein. Das Wetter endete nicht. Darüber brach die Nacht an; die Nebel umspannen vollends die Gegend. Voll Unmut wirft sich der reizbare, zum Jähzorn geneigte Mann auf die Erde und bleibt liegen bis zur Besinnungslosigkeit. Das Winseln seines gleichfalls halbtodten Hundes machte einen vorüberfahrenden Bauer aufmerksam; Petrus Lei wurde mit seinem Hunde vor dem immer fortströmenden Regen unter dem Stroh des Wagens geborgen. Herr und Hund kamen nach haus, Lei aber wurde todtkrank und behielt von dem Tage an die Gicht in einem Grade, der sich aufs höchste steigerte und ganz unheilbar wurde. Der vermögliche Mann reiste in die Bäder und kam immer kränker zurück. Fast gelähmt an allen Gliedern, hatte er Schmerzen, die den Unglücklichen zum Gegenstand des allgemeinsten Mitleids machten. Wie oft hab' ich für ihn die Fürbitte gehalten! Fast immer im Bett liegend, musste er die Führung seines Gewerbes seinem Sohn überlassen, der in keiner Hinsicht ihm ähnlich war. Ein träger und bequemer Mensch, hatte Joseph Lei die Früchte der Anstrengungen seines Vaters geerbt, liebte aber die Gesellschaft, das Kartenspiel, den Wein und vernachlässigte so sehr die ihm nun ganz allein übertragenen Geschäfte, dass sie zurückgingen und der zusammengekrümmte, auf seinem Lager stöhnende alte Vater Verwünschungen über Verwünschungen über