einer Blume zu suchen, einen Kranz zu winden, die jeden, den sie mochte, in ihre Kreise zog. Wenn sie den Schein des Dienens annahm, so half man ihr; wünschte sie selbst etwas, so vollzog man es. Die noch ländliche Betonung ihrer Worte stand ihr besonders naiv; sie war anziehend in ihren Aeusserungen, und wenn sie lachte, so konnte sie, wenn sie gerade nicht zu weit darin ging, alles mit sich fortreissen. Nur zu weit durfte sie nicht gehen. Schüttete sie sich vor lachen, wie man zu sagen pflegt, so hatte es den Ausdruck böser Schadenfreude, und all die jungen Mädchen schienen dann recht zu haben, die zuweilen wünschten ihr geradezu "die Augen auskratzen" zu können.
Der junge Buchhalter folgte an jenem Tage, der ein auf die Woche fallender Feiertag war und ihm wie dem sonst sehr fleissigen Principal Urlaub gegeben hatte, lieber Lucinden als den übrigen Teilnehmern und Teilnehmerinnen einer grossen Partie, die einige Verwandte des Hauses, in dem sich Lucinde befand, veranstaltet hatten.
Ihre Gegnerinnen behaupteten, dass sie die Kunst, sich in einem Parke plötzlich zu verirren, weidlich verstünde; aber die, die für sie als Naturkind und "Hessenmädchen" schwärmten, nannten sie einen Elfen, ein romantisches Wesen, das die gewöhnlichen Gleise des Alltäglichen nicht zu wandeln brauche.
Heute hatte sie es auf Eichkätzchen abgesehen, deren sie mehrere schon aufgehuscht hatte. Die jungen Männer folgten fast zu stürmisch, fast zu auffallend. Lucinde hatte ebenso das Talent, die Männer für sich allein zu haben, wie das andere, wenn sie wollte, niemand aus der grossen Ringkette des gemeinschaftlichen Vergnügens herausfallen zu lassen; sie sagte dann jedem etwas, was ihn zur Anknüpfung eines Gesprächs ermutigen konnte. Schon war der junge Buchhalter darüber eifersüchtig, und eben, als er seinen Principal entdeckte, hatte er es wirklich durchgesetzt sie zu isoliren. Als er nun doch zu den andern zurückkehren musste, fragte sie:
Warum fliehen Sie denn nur vor dem Herrn Gutmann?
Der junge Buchhalter blieb die Antwort schuldig, worüber sie teils aus Neugier, teils aus Laune in Verdruss geriet. Aber rings gab es nun Augen, die wussten, dass Lucinde zu den Naturen gehörte, die ihr Gefühl da, wo sie zanken und Vorwürfe machen, mehr offenbaren als da, wo sie schmeicheln und gut scheinen. Jetzt sah man aus ihrem Schmollen, dass Oskar Binder, der schöne Buchhalter, der Bevorzugte war. Als Lucinde sechzehn Jahre geworden, sprach man von ihrer Verlobung mit ihm.
Der junge Mann schien eine glänzende Situation zu besitzen. Er überhäufte Lucinden mit Geschenken, und dennoch versicherte er seinen nächsten Freunden (auf Dinge, die ihm und ihnen sehr heilig waren, in der Form, z.B. "auf Taille" oder "Ich will hier nicht gesund stehen!") dass er von Lucinde noch nie auch nur die Hand gedrückt bekommen hätte. Auch der Stadtamtmann erfuhr diese Versicherungen und rüstete sich alles Ernstes auf eine Aussteuer seines geliebten Findlings, auf den er einen teil der Sympatieen für Glaube, Liebe und Hoffnung übertrug, die er sich in einem Beruf voll Mistrauen und Verfolgung als seine geheimste Lebenspoesie doch zu erhalten suchte. Da aber kam eines Tages seine Gattin und war über die "teuflische" natur eines Mädchens im Reinen, das die Neigung ihrer Nichte, der Hofrats-Eveline, zu irgendeinem andern jungen mann, dem Lieutenant Wallbach, durchkreuzen konnte und mit diesem einen ganzen Abend lang in der Schützengesellschaft in einem Winkel gelacht haben sollte. Die Hofrätin kam, der Hofrat kam, Eveline wurde krank, der Lieutenant fühlte sich über die vom Hofrat für ihn zur Verheiratung zu stellende Caution und durch die Erwähnung derselben in einem Wortwechsel beleidigt und nahm seine Werbung zurück; kurz, der Stadtamtmann, Evelinens Onkel, musste diesem "Familienunglück" eine Satisfaction bieten: sie bestand in der endlichen Verabschiedung Lucindens.
Lucinde, die sich, wie man bitter genug gesagt hatte, "einen andern Dienst suchen" sollte, machte einige Versuche, den Ernst in Humor zu verwandeln. Sie gelangen nicht. Der Stadtamtmann musste den Schein vermeiden, selbst von ihr bezaubert zu sein. Seine Gattin sagte, "ihr Mass wäre voll".
So zog Lucinde zu ihrer Schwester, der Nähterin ...
In dem Behagen ihrer eigenen Interessen tat es ihnen allen nichts, ob da ein Leben in seiner Entwikkelung unterbrochen wurde oder nicht.
Acht Tage darauf war aber Lucinde für die ganze Stadt verschwunden.
6.
Wir finden sie in einer Extrapostchaise wieder, die eines frühen Morgens in jene zaubervolle, sonnenglanzverklärte Ebene niederfährt, die man von einer grossen Terrasse der Stadt aus nur mit dem Hochgefühl der sehnsucht und des Entzückens betrachten kann.
Berge ringsum; aber nichts mehr, was bedrückt oder beengt, wie daheim, wo die vier verhängnissvollen Bächlein niedergingen. Ein grosser freundlicher Strom schlängelt sich durch Wiesen und Felder hin, und erst die äussersten Ränder desselben sind mit waldigen Höhen umkränzt. über das ganze grosse Panorama hin die bunteste Abwechselung. Hier grüne junge Saaten, dort die gelben grossen Tücher der nordischen Oelpflanze; dann ein dunkler Eichenforst, hinter dem wieder die blauen Wogen des Stromes aufblitzten; die Häuser so schmuck mit roten Ziegeldächern, die Herrschaftssitze mit langen Pappelalleen, die in mässiger Verwendung jeder Gegend einen ganz besonders vornehmen Ausdruck geben, und so auf Stunden und auf Meilen hin.
Die Berge da, sagte Lucindens Begleiter, sind die