sogenannten Rotz auf einige Tage scheinbar beseitigen kann.
Mitten in diesem fragen, Berichten, Wundern kam auch der Major ...
Es war eine hagere, mehr bureaukratische als militärische Erscheinung. Er trug Uniform, doch sass sie ihm nicht so stramm und geschlossen, wie man hier in den militärischen Kreisen sich zu zeigen gewohnt ist. Als Candidat der Teologie war er 1815 unter die Fahnen seines Königs getreten und hatte eine Carrière gemacht, die jetzt gewissermassen wieder in ihre frühere moralische, wenigstens civile Bestimmung zurücklenkte. Als Lieutenant von der Armee abgegangen, war er bei den Gensdarmen allmählich bis zum Major gestiegen und griff nun in Gesetz und Ordnung als Chef eines rings zerstreuten, den Landräten und Regierungsämtern zur Verfügung gestellten Gensdarmeriecorps ein. Man sollte kaum glauben, dass ein ehemaliger Lateiner so ganz im Berittenen, namentlich im Pferdehandel, aufgehen konnte, wie Schulzendorf, obgleich er immer noch etwas Gelehrsamkeit in Bereitschaft hielt. Seine grauen Augen bekamen oft ein lebhaftes Feuer; um die spitze Nase legten sich aufs blasse Antlitz zwei lange mephistophelische Furchen; der Bart auf der Oberlippe zuckte in allen seinen dünnen grauen Härchen; das Kinn, das in der Mitte gespalten war, streckte sich mit einer Entschiedenheit, die ganz in seinen Charakter des Schlauen und Gekniffenen passte.
Sogleich warf er einen scharfen und prüfenden blick auf die ihm als Nichte der Frau von Gülpen vorgestellte Lucinde.
Waren Sie schon früher in unserm Kocher hier? fragte er sie, als sie ihm den Tee credenzen musste.
'S ist das erste mal! antwortete sie, den blick niederschlagend.
Sie finden eine kleine Stadt, in der leben zu sollen Ihnen sehr langweilig vorkommen wird! warf artig der Dechant ein.
O! bemerkte Frau von Gülpen, acht Tage lässt es sich schon in Kocher aushalten!
Lucinde wusste bereits, dass alle Nichten anfangs sogar nur auf drei Tage kamen.
Die Majorin verzog ein wenig spöttisch die Miene. Der Major aber, in jener beflissenen Weise, die den Ghibellinen im land der Welfen nur zu oft ihre Schreckhaftigkeit nimmt, ging ganz auf die Aeusserung der Frau von Gülpen ein und sagte, wenn auch mit einer etwas anzüglichen Betonung:
Die Kirchen hier sind uralt; noch älter ist aber die Synagoge, die Sie sich einmal ansehen müssen! Die Stadt Kocher ist schon vor Pontius Pilatus angelegt gewesen und gewiss eine jüdische Colonie! Ursprünglich hiess sie ohne Zweifel Koscher, die Reine!
Hielt der Major Lucinden für eine Jüdin?
Alle Anwesenden fixirten Lucindens Erscheinung ...
Indessen lenkte der Major auf andere Fährte. Er kam auf das Interesse, das nach solchem Ursprung gleich die ersten Christen für Kocher gehabt haben müssten und führte die kirchliche Bedeutung der Stadt bis auf die neuesten Erscheinungen herab.
Lucinde hatte ihr goldenes Kreuz nicht angelegt. Sie begriff sehr wohl, dass der Major auf ihren Uebertritt anspielen wollte und senkte den blick wie eine Fromme.
Sie ist fromm! war nun das einstimmige Gefühl aller Anwesenben und, seltsam genug für die wohnung eines Geistlichen, Lucinde verlor plötzlich bei Frau von Gülpen sowohl wie bei Windhack. Nur dem Dechanten gewährte diese Entdeckung einen neuen Reiz. Eine Fromme hatte ihm die langjährige alte Freundin noch niemals vorgestellt.
Man verlor sich indessen in Klagen über Wilddieberei, Unsicherheit der Gegend, Aufsätzigkeit der Landbewohner und, wie das dann geht bei einem Damentee, man fand das Uebel lediglich in den Dienstboten.
Die gleichfalls dann in ihrem Einfluss auf das Volk angeschuldigten Juden rechtfertigte der Dechant mit den Worten:
Warum lässt unser Leben so viel Lücken offen, dass ein Verschmitzter überall hineinschlüpfen kann! Die Juden sind durch uns selbst ein Volk geworden, das seine Tugenden darin finden muss, unsere Fehler zu benutzen! Wir sind, soweit man die geschichte überblickt, die Opfer ihrer subtilen Rache geworden und werden es noch immer mehr werden!
Sie sprechen fast wie Grützmacher! sagte der Major. Der kann nie entdecken, wo die Hasen-Jette ihre Rebhühner und Hasen herbekommt!
Indem bekam Frau von Gülpen von dem immer nur leise und behutsam auf den trotz des Sommers ausgebreiteten Teppichen hin und wieder gehenden Windhack eine Meldung ins Ohr geflüstert.
Sie flösste ihr einen ersichtlichen Schrecken ein.
Was ist? fragte man allgemein und voll Teilnahme und Spannung.
Frau von Gülpen stockte, sagte dann aber mit einem blick der Besorgniss auf den Dechanten:
Treudchen Lei will nach haus ... der Mutter wäre es schon wieder ... Chère nièce ... gehen Sie doch zu Treudchen und erkundigen Sie sich in der Gerätkammer – oder ich will doch lieber selbst gehen ...
Treudchen Lei schien alle zu interessiren und wohl vermutete man: Windhack hatte eigentlich gemeldet, Treudchens Mutter läge im Sterben. Der Dechant war der Beichtvater der Kranken. Die arme schleppte sich schon lange mit der Zehrung; ihr Ende stand ihr näher bevor, als sie es selbst und die Ihren ahnen mochten. Jetzt sah Frau von Gülpen, wie angegriffen der Dechant schon war von dem unruhigen Tage und seinen wechselnden Eindrücken – sie gönnte ihm die Erquikkung eines ungestörten Abends – nun sollte er noch –
Aber schon erhob sich der Dechant. Wenn ihm auch die Bequemlichkeit über alles ging, so kannte er doch die Schicklichkeiten seines Amtes.
Ich werde zu der Armen gehen! sagte er.
Allgemein aber musste man der Frau von Gülpen, die in die Gerätkammer gegangen war, Recht geben, dass sie noch geäussert hatte, diese Schreckensbotschaft von der guten Frau Lei wäre ja schon so oft gekommen und