1858_Gutzkow_031_148.txt

versprach die Medaillen in reichster Anzahl auszuteilen und bestellte die Zahl, die jeder davon in Vorrat zu haben wünschte.

Auf dem Teller, von dem die Cigarren weggestrichen wurden, sammelte man die zur Herstellung nötigen Beiträge.

Jeder gab nach Vermögen, der Dechant, wie immer, die Hälfte soviel wie alle andern. Der Ertrag wurde dem Pater Sebastus übergeben. Ein Zinngiesser der kirchlichen Residenz hatte Verschwiegenheit gelobt und versprochen, die Medaillen zu einer bestimmten Zeit abzuliefern. So trennte man sich ...

Es war Abend geworden ...

Beim Durchschreiten eines langen Corridors, der an die Haustür zurück und zu den inzwischen immer noch lebendig gebliebenen, ja wie vom Jahrmarktsgewühl durchwogten Strassen führte, erfuhr der Dechant, dass der, wie es schien, als Wegbereiter kommender Jesuiten wirkende Pater Sebastus dem Kloster Himmelpfort bei Witoborn angehörte. Seines frühern Namens hiess er Heinrich Klingsohr.

Er dachte an seinen anonymen Brief

Huss, Savonarola, Arnold von Brescia

Als er, magisch umwoben vom abendlichen Dämmerlicht, zur Dechanei zurückkehrte, läuteten ihm die Glocken seines Domes wie zur Andacht in einer unsichtbaren Kirche droben über den Sternen. Wie er in die schon erleuchteten Fenster seiner wohnung hinaufsah, rang sich ihm mit Schmerz der Seufzer von der Brust:

Fiat lux in perpetuis!

8.

Die Beraubung des Grabes auf dem Friedhof zu St.-Wolfgang war inzwischen in der Dechanei, wie in ganz Kocher am Fall bekannt geworden.

Grützmacher war auf schweissgebadetem Ross zurückgekehrt, hatte aber den mutmasslichen Täter nicht ergriffen.

Auch dass Bonaventura vielleicht noch den Abend in der Dechanei eintreffen würde, war durch Hedemann bekannt geworden, der auf einen Augenblick daselbst vorsprach und die von Angelika Müller erhaltenen, von Benno, dem zu sehr in Anspruch Genommenen, wieder zurückempfangenen Briefe für den Dechanten an Windhack übergeben hatte.

Kein Oberst, kein Benno, kein Tiebold, niemand sonst liess sich vor Anteil an den Vorgängen in der Stadt sehen, sodass Lucinde der Frau von Gülpen die rätselhaften Vorgänge allein erzählen musste, ja wiederholen, mehrfach wiederholen, da die Teestunde geschlagen hatte und einige Freundinnen der gastfreien Frau schon im lebendigsten Mitteilungsgenuss um den siedenden Kessel versammelt sassen.

Zur Justizrätin von Nietnagel, zum Stiftsfräulein von Minnerich und wie sie alle hiessen, die entweder in Kocher selbst wohnhaft waren oder zu jener Landeswohltat (nach andern Landesplage) gehörten, die die Reihe herum immer auf der Wanderschaft bei ihren Lieben und Guten begriffen sind und das schöne Talent des Sich-Einwohnens und Notwendigmachens des Jahres bei einem halb Dutzend Familien schon seit dreissig Jahren besitzen, gesellte sich zuletzt auch der tieferschütterte Dechant.

Auch er erfuhr nun die unheimliche Kunde und gab dadurch Lucinden gelegenheit, ihren Bericht zum fünften oder sechsten mal zu wiederholen, sich aber auch zugleich in lebhafter Weise ihm selbst zu empfehlen. Lucinde, die das Wohlgefallen des Greises an seinem wiederholt prüfenden blick sogleich bemerktesie war zwar noch in ihren Reisekleidern, hatte aber manches Krägelchen, manchen Spitzenschmuck zur Hebung ihrer Erscheinung zu benutzen verstanden und besonders schön stand ihr die eigentümliche turmartige Krone ihres stattlichen Haares –, suchte sich den Schein der grössten Ungefährlichkeit zu geben. Sie wollte sich nur nützlich machen. Sie servirte den Tee wie eine Dienende. Schon erntete sie manchen heimlichen Wink des Beifalls, den Frau von Borchardt an Frau von Nietnagel, diese wieder an fräulein von Minnerich und fräulein von Minnerich an die "treue Freundin", Frau von Gülpen selbst weiter gab. Windhack erinnerte an die Briefe, die Hedemann gebracht; der Dechant wollte jetzt nichts davon wissen, er wollte ruhig "seine Tasse Tee" trinken, d.h. die Gestalt und den ausdrucksvollen, den Kenner der Antike fesselnden Kopf derjenigen bewundern, die den Tee credenzte.

Windhack konnte, da er Grützmachern gesprochen hatte, von der vergeblichen Verfolgung des Knechtes aus dem Weissen Ross berichten.

Oben auf der Höhe des St.-Wolfgangsberges, erzählte er, hatte ihn Grützmacher und seinen Wagen fast erreicht. Da aber springt der Mensch herunter vom Wagen, lässt alles im Stich, flüchtet in den unwegsamen Wald und Grützmacher hat halt mit seinem Gaul vorläufig das Nachsehen ...

Nun kam die Majorin Schulzendorf. Auch sie kam in der ganzen Eile und Aufregung, die nichts zu versäumen wünschte und vor Tatsachen, die sie so lange zurückgehalten hätten, sich nicht zu lassen wusste ...

Erst der Leichenräuber undeiei, dass sie fast vergessen hätte, dem liebenswürdigen Dechanten für das wunderschöne, prächtige Obst zu danken – –

Bitte! Bitte!

Köstliche Birnen ... Na heute Abend, der grosse Zapfenstreich ...

Der Leichenräuber? ...

Nun, nicht wahr? Aber mein Mann vermutet schon einen gewissen Bickert, einen Menschen, der jahrelang in Frankreich im Zuchtause gesessen hat, dann über die Ardennen herübergekommen ist, bald da, bald dort herumstreift, mit einer ganzen Bande zusammen im Hundsrück die Rosstäuscherei getrieben hat, rotzkranke Pferde für gesunde aufputzt ... danke, danke, meine Liebe! der Tee macht mir noch zu heiss! Ein Stückchen von Ihrem KuchenDelicat!

Auf dem land und in kleinen Städten gewöhnen sich die Menschen an alles Natürliche und Tatsächliche. Sie können von Krankheiten der Tiere mit demselben Interesse reden hören, wie man in grossen Städten nicht einmal von den Krankheiten der Menschen spricht. Der Major war selbst Pferdehändler. Seine Gattin spann seine Vermutung über die Gefährlichkeit dieses Bickert selbst bis auf eine Schilderung der Künste aus, wie man den