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ihren innigsten Zusammenhang wiederherzustellen mit Rom. Törichter Wahn, der in dieser Forderung nur Botmässigkeit unter ein herrschsüchtiges Priestertum und eine fremde Autorität sieht! Rom ist und war und bleibt zu allen zeiten der Ausdruck des Ewigen, Unvergänglichen und im Wandel Wandellosen. Es ist die Warte der drei in sich verbundenen grossen Festlandsweltteile. Es war die Königin der alten und mittlern Welt, es muss die Königin der neuen bleiben. Worauf gründet sich Roms herrschaft? Auf Schlauheit italienischer Ränke? Auf Verdummung der Geister? Törichte Anklage, die an den Grundfesten unserer Kirche gerüttelt zu haben glaubt, wenn sie die Schwäche der Menschennatur aufdeckte, die auch unter dem geweihten Kleide des Priesters sündige! Als wenn irgendeine Menschenseele ein ganz reines Gefäss für die Göttlichkeit der Ideen sein könnte! Als wenn die Ideen selbst etwa darunter leiden könnten, dass ihre Träger dem allgemeinen Menschenloose erliegen müssen! Dass ein Bekenner strauchelt, entwürdigt das sein Bekenntniss? Dass Priester unvollkommen sind, entwürdigt das das Sakrament, dem sie administriren? Rom ist das Ewige in der geschichte! Rom ist die Zunge an der Wagschale der Welt! Rom ist, gerade als wenn es auch nur deshalb die Bewegung der Erde geleugnet hätte, ihr fester Grund, ihre granitene Wurzel, ihr Compass, ihr Steuer auf dem schwankenden Meere steter Neuerungen und Revolutionen! Was vertritt denn seine Anmassung? Was gewährt denn die heilige Roma den Völkern? Das ewige Heil im zeitlichen Unheil! Die Blösse und Hülfsbedürftigkeit des natürlichen Menschen allen Purpurgekleideten der Erde gegenüber! Die Schöpfung des Menschen, das Paradies, die diesseitige und jenseitige Hoffnung aller Erdgeborenen gegenüber der millionenfachen Verdrehung unsers Erdenberufs durch millionenfache zu dringenden Notwendigkeiten gewordene Zufälligkeiten! O du heilige unteilbare, ewige Kirche! Stehe fest in deinem gegliederten Bau! Bist du nicht selbst wie der hohen gotischen Dome einer? Gegründet bis an die Tiefen der Hölle, mächtig dich erhebend auf der Form des Kreuzes, himmelanstrebend in ewiger, wolkenverlorener sehnsucht! Musik ist das Zusammenspiel deiner schönen Formen! Einheit das majestätische Bekenntniss deiner Teile!

Sie strebt empor durch Drang und Zeit,

Muss himmelan sich ringen,

Und schafft ein Werk der Ewigkeit

In deinem Sinne, heilige Roma, wollen wir wahr sein, aber der Lüge gegenüber auch eure Waffen führen! Im Schatze der Gnaden ruht Entsühnung! Krieg! Krieg! ruft die Posaune des Erzengels. Im Kriege kennt die Not kein Gebot! Jede Waffe ist gerecht, die den Gegner abwehrt! Dass der Zweck die Mittel heilige, ist nicht für den Kampf mit den Guten, sondern für den Kampf mit den Bösen gesagt! Ahmen wir vor allem die Ordnung eines Kriegsheeres nach: Gehorsam dem Obern; achtung vor jeder Waffe, auch wenn sie eine geringere scheint, als die wir selbst führen; achtung vor jedem Ruhme, auch wenn er unsere eigenen Verdienste überschattet! Bekämpfen wir in uns selbst die Abneigung gegen die Vorkämpfer der kirchlichen Freiheit, gegen die Mitglieder der Gesellschaft Jesu! Bieten wir denen, die in ihnen ihre unerbittlichsten Feinde sehen, dadurch keinen Beistand, dass wir die alte Eifersucht der Orden, der Klosterund Weltgeistlichen auflodern lassen! Wo uns die hände gebunden sind, sind sie jenen, den letzten Rittern vom Kreuze, frei! Die streifen noch ungefesselt über die Länder hin, gebunden durch kein Amt, kein Klostergelübde; sie sind die berittene Schar, die angreift und flieht zu gleicher Zeit, wie einst der Parter kämpfte! Bieten wir alles auf, dass den Jesuiten die Tore des Eingangs geöffnet werden! Sie ertragen alles, sie gehen, sie gehen noch einmal und kommen wieder! Wo ein Amt leer ist, eine Kanzel frei, ein Beichtstuhl geöffnet, lassen wir den Vätern der Gesellschaft den Vortritt! Ob alle diese Dinge reifen sollen bis zu offener Gewalt, darüber sind die Meinungen geteilt. Die einen fürchten und suchen die Erhebung der massen zu verhüten, die andern fürchten sie nicht und wollen sie. In den Umgebungen des Kirchenfürsten herrscht die Meinung, dass offene Gewalt bisjetzt alles verderben würde. Denn auch darin spräche sich die durch und durch ghibellinisirte Welt aus, dass Handel und Gewerbe, sogenannte Volkswohlfahrt und geregelte Ordnung dem Jahrhunderte, wie es jetzt einmal ist, über alles gehe; denn von den Fleischtöpfen Aegyptens wollen sie nicht lassen und sollten sie auch ewig nur die Ziegel streichen zu den Ruhmessäulen ihrer Pharaonen! Im Gegenteil wünscht die Umgebung des Kirchenfürsten, dass wir alles, was nicht ein Mit-Uns ist, auch als ein Fürsten-Wider darstellen, d.h. eine Förderung der Revolution nennen. Das ist das schlagende Argumentum ad hominem der Zeit! Kämpfen wir gegen die Neuerungen des sich souverän dünkenden Menschenverstandes, so öffnen sich uns die Pforten der Tronsäle auch im jenseitigen Lager, wir werden eingeholt werden mit Triumphpforten als die Retter des Gesetzes und der Ordnung! Dieser Feldzug geht langsam, aber sicher. Halten wir am geist fest, fördern wir den vor allem! Denn "wer auf den Geist säet, wird von dem geist das ewige Leben ernten"!

Der Redner war schon bei seinem Gebet an die Kirche aufgestanden und alles, selbst den Dechanten nicht ausgenommen, seinem Beispiel gefolgt ...

Man schüttelte ihm die Hand, erteilte ihm die grössten Lobsprüche und raunte sich zu, dass nun wohl erklärlich wäre, wie dieser einfache Mönch plötzlich in der Residenz des Kirchenfürsten hätte zu so hohem Ansehen gelangen können. Man erklärte sich bereit, den Atanasiusverein zu verbreiten und dies zu wagen auch ohne Genehmigung der Behörden. Man