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! Was bleibt uns übrig? Gewalt gegen Gewalt!

Dies Wort lehnte man ab.

Ein Kaplan warf ein:

Unsere Gewalt ist nur das Wort!

Das Wort war bei Gott und Gott ist das Wort! rief Hunnius. Es ist der Geist, die Gesinnung und deren öffentliche Bewähr! Erheben wir uns aus unserer Schlaffheit! Ziehen wir den Harnisch des Glaubens an! Seien wir gerüstet und verschmähen wir selbst die kleinere Waffe nicht! Bedrängte Belagerte greifen zu allem, was helfen kann! Ich empfehle Ihnen jetzt die Vorschläge, die Pater Sebastus uns aus den nähern Umgebungen des Kirchenfürsten bringt!

Nur diejenigen beobachteten unausgesetzt den schweigsamen Franciscanermönch, die mit ihm heute noch nicht an der Tafel des Dechanten zusammengetroffen waren. Er ergriff auch jetzt noch nicht das Wort, sondern hielt den geschorenen rötlichen, wunderlich geformten, mit Schrammen und Narben bedeckten Kopf in die Hand gestützt und liess statt seiner seine eigentümlich hellen, fast schwimmenden Augen, dann einige Zettel sprechen, die herumgingen und die Mittel entielten, die man anwenden sollte, um den kirchlichen Oppositionsgeist zu mehren. Vorzugsweise wurde die schon vor Ankunft des Dechanten besprochene Stiftung einer neuen Bruder- und Schwesterschaft des Atanasiusvereins und gerade zur Erinnerung an einen um den Glauben bedrängten, flüchtigen, verfolgten, hier zu land liebevoll aufgenommenen Kirchenlehrer wieder aufgenommen ... Die Regierung hatte schon lange ein mistrauisches und abgeneigtes Auge gerichtet auf die grosse Zahl geistlicher Vereine, die scheinbar nur dem gottseligen Leben und einer gegenseitigen sittlichen Aufsicht gewidmet waren, mehr aber noch eine Organisation des Zusammenhangs auch für oppositionelle Zwecke wurden. Es liess sich voraussehen, dass dieser neue Atanasiusverein von obenher den entschiedensten Anstand finden musste.

Der Dechant hörte allem, was zur Durchsetzung dieser wichtigen Angelegenheit in hiesiger Gegend nun beschlossen werden sollte, nur seufzend zu und war um so mehr zerstreut, als er nur immer offen vor sich ausgebreitet seine Brieftasche liegen hatte, die er an solchen Conferenztagen schon frühmorgens mit Fünf- und Zehntalerscheinen zu füllen pflegte, um nur immer schnell durch seine Spenden zu den Gemeinzwecken sich vom Reden oder ausdrücklichen Beistimmen loszukaufen. Er hatte diese Klagen schon so oft gehört! Er hatte sie so oft gelesen! Er war auf zehn Exemplare des "Kirchenboten" abonnirt! Er kannte diese immer gleiche Rhetorik der Römlinge! Er kannte den Inhalt dieser verbotenen Broschüren und las sie nicht mehr. Von allem, was man an Tatsachen vorbrachte, gab er die Hälfte zu, aber die Erledigung der andern schien ihm ganz an einer andern Stelle zu liegen als im fernen Rom. Heute, wie man nun sogar von fehlenden katolischen Obersten sprach, musste er gar auflachen und sagen:

Aber ihr wunderlichen Leute! Ihr überlegt gar nicht, ob in unsern katolischen Adels- oder Bürgerfamilien überhaupt das Bedürfniss da ist nach einer öffentlichen Bewähr, das Bedürfniss des Emporsteigens nach Ehrenstellen und Auszeichnungen! Wo ich noch hinsah und ich habe die Jahre, hingesehen zu haben, haben wir hier zu land und drüben unsere eigene Art, uns das Leben zu gestalten! Am liebsten hocken wir auf unserer Hufe und suchen das nicht, was wir demgemäss auch nicht finden können.

Wenn ihn Hunnius widerlegen wollte, so störte diesen jetzt das allgemeine Aufstehen aller, um die Zeichnung zu sehen, nach der zehntausend zinnerne Medaillen gegossen werden sollten. Der Mönch hatte die Zeichnung mitgebracht: Maria mit dem kind öffnet ein Gitter, hinter welchem ein Bischof, es sollte Atanasius sein, gefangen sitzt ... Der Mönch war dabei aufgestanden und zeigte sich von einem langen, magern Wuchse. Die braune Kutte, von der weissen Gürtelschnur festgehalten, ging bis zu den nackten, nur von einer Sandale geschützten Füssen. Es war viel, dass der Mönch sich jetzt zu einigen Erläuterungen herbeiliess. Er hatte bisher ab und zu nur seinem Glase zugesprochen, hatte eine Cigarre nach der andern von einem vor ihm stehenden Teller, der deren eine Anzahl entielt, weggeraucht und immer geschwiegen. Sein Schweigen war gebieterisch. Es sagte zu denen, die da sprachen, fast soviel als: Entwickelt euch! Steckt getrost eure kleinen Lichter auf, bis Ich kommen werde!

Pater Sebastus mochte etwas mehr oder weniger als dreissig Jahre zählen. Je länger er sass, rauchte oder trank, desto blasser wurde er. Alle wussten, dass der Gast ein Convertit war, eine hohe Bildung genossen hatte, mit Feuer und Geist schriftstellerte und in der Residenz des Kirchenfürsten seit kurzem zu hoher Anerkennung gekommen war. Wenn die weissen länglichen Finger der magern, doch hübschen Hand zuweilen auf dem Tische leise trommelten, so war es, wie im Takt zu einem inwendigen Rhytmus seiner Gedanken, die laut gesprochen ohne Zweifel bedeutsam gewesen wären. Als er jetzt mit einer eigentümlich leisen, fast heisern, aber ausserordentlich sichern stimme zu sprechen anfing, bot Hunnius allgemeine Ruhe. Jeder setzte sich, und selbst der Dechant war gefesselt von einer Weise, die ihm heute an seiner Tafel bei der Redseligkeit seiner übrigen Gäste weniger aufgefallen war.

Einige Mitglieder unsers hochwürdigsten Domcapitels, begann fast silbenzählend Pater Sebastus, wohnten kürzlich einer Vorlesung bei, die von einem der auf der nahe gelegenen Universität angestellten und zu diesem Zweck herübergekommenen jüngern Professoren vor einem gemischten Kreise der Residenz des Kirchenfürsten gehalten wurde ...

Der Mönch pausirte. Er zerdrückte die Asche seiner Cigarre und legte diese fort.

Der Gegenstand derselbenfuhr er fort

Das zufällige rücken eines Stuhls schien ihn zu stören. Er sah nach der Gegend des Geräusches und wiederholte, während Hunnius ein scharfes St