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das Breve muss uns erst durch die Regierung zukommen! erwiderte der factische Verwalter der Dechanatsgeschäfte von St.-Zeno.

Das ist es eben! ertönte von mehr als einem Drittel der Anwesenden.

Auch Ruhigere klagten, dass die Seelsorge in der bittersten Bedrängniss wäre. Der Staat verböte die Weigerung der Einsegnung ohne Vorbehalt der Religion der Kinder und Rom wolle doch diese Weigerung ...

Schon erhoben sich einzelne und drückten in ihren Mienen den Schmerz aus, dass man nicht zweien Herren zugleich dienen könne.

Hunnius ermahnte zum Sitzenbleiben.

Dass diese Protestanten, sprach und las er weiter, nicht einsehen, was es denn eigentlich mit unserm Glauben ist! Herr Gott im Himmel! Es ist ja nicht die Unduldsamkeit, es ist ja nicht die Proselytenmacherei, die uns gebietet, eine Ehe zwischen Rechtgläubigen und Heterodoxen nur dann einzusegnen, wenn ein Versprechen vorangegangen ist, dass die Kinder, gleichviel welchen Geschlechts, katolisch werden! Fühlt ihr uns denn die tiefe Verpflichtung nicht nach, die wir haben, gleichsam aus dem katolischen Dasein erst das wirkliche menschliche Leben überhaupt zu machen und das bloss natürliche, tierische, irdische, unerlöste, durch Christi und der Märtyrer Blut nicht erkaufte Leben aufzuheben! Menschen, was ist denn die Weihe! Fühlt ihr denn nicht, dass in unsern heiligen Handlungen Consequenzen liegen, die, gleichviel ob berechtigt oder nicht, matematische Beweiskraft für uns haben! Für uns! Gerade für uns! ... Da unser College Bennrat, unterbrach er sich, hat einem Protestanten das Begräbniss auf dem Friedhof von Nennhofen verweigert und ihn hierher auf den protestantischen schaffen lassen ...

Zu meinem äussersten Entsetzen! warf der Dechanatsverweser dazwischen.

Es war aber eine Tat! rief Hunnius. Eine Tat, die Bennrat von Nennhofen in das Buch der Bekenner schreibt! Wo ist gesagt, dass eine Ausweisung von der geweihten Erde unserer Kirche nur vom Standpunkte des reinen Menschentums zu fassen ist? Menschentum! Seid ihr Christen? Nicht einmal Juden sprechen vom Menschentum! Mensch ist dem Juden Goim, Heide! Auch die Juden leben nur in der Ordnung und Harmonie geoffenbarter Zustände! Ein Gottesacker hat nach unserer Lehre eine Segnung empfangen, die ihn zu einer Gemeinde macht, wo sogar die toten den Herrn lobpreisen, sogar die toten im Chore stehen und, wenn nicht früher, doch am Auferstehungstage um einen dann errichteten Altar wandeln werden, an dem ein anderes Bekenntniss nicht teilhaben kann und mag es selbst ein solches sein, dem nicht die ewige Verdammniss zuzusprechen ist. Wie ist das so leicht gesagt: Intoleranz! Werdet ihr auf euern Bällen Gäste haben wollen, die ihr nicht einludet? Werdet ihr an euern eigenen Altartischen Andersgläubige dulden? Die katolische Kirche will ja nur bei den toten wie bei den Lebenden "unter sich" sein! Oder hört euch die Religion mit dem Begräbniss auf?

Sprecht! donnerte Hunnius hinterher, gerade wie in

seiner Kirche, wo er natürlich Schweigen voraussetzte.

Bennrat von Nennhofen griff den Faden auf und

führte ihn weiter.

Was erleben wir nicht alles in unserer nächsten

Nähe! sagte er mit gemässigterm Tone, aber nicht minder sicher und spitz und scharf. Ich will davon nicht sprechen, dass nun draussen wieder unsere eigenen Landeskinder und Mitbrüder mit dem bunten Rock, den sie eben tragen, ganz das Kleid ihrer Heimat, ihrer Familie, ihres Glaubens ausziehen und in die Gemeinschaft des grossen protestantischen Ganzen treten müssen, ich möchte sagen, wie die Polen, die russisch commandirt werden! Ich sehe diese Offiziere wieder, diese Enckefuss und andere uns wohlbekannte Söhne von Beamten oder Offizieren! Es wird noch die Zeit kommen, wo diese armen Seelen in die ketzerischen Garnisonskirchen commandirt werden, zunächst nur anstandshalber, weil ein Austreten aus Reih und Glied militärisch zu auffallend wäre! Ich sehe sie auf den Bänken, wo ihnen die Divisionsprediger das Licht ihres sogenannten Evangeliums aufstecken werden, dies Lichtstümpfchen, das die in Goldschnitt gebundene neue Agende des Landesvaters beleuchtet! Wo man hinblickt, irgendein Schmerz für unsere liebevolle Mutter, die Kirche! In unserer ganzen Armee gibt es keinen einzigen General unsers Glaubens; ich kenne nur einen einzigen katolischen Obersten, es ist ein englischer hier in unserer, Nähe! Zu höhern militärischen Graden gelangen unsere Brüder und Verwandte nicht! Nicht minder in der Bureaukratie! Und welche Macchiavellismen! Weil sie auf unsere menschliche Schwäche rechnen, werden überall gleichsam Preise ausgestellt für die, welche sich gefügig zeigen! Ist eine Pfründe einträglicherer Art erledigt, so lässt man ihre Besetzung monate-, ja jahrelang anstehen, um den Wetteifer dafür zu entzünden, dass man sie sich durch die Gesinnung erobere! Ist es dann wohl ein Wunder, dass wir ganz durchwühlt sind von der wie die bunten Adern durch ein Marmelgestein sich hinziehenden Protestantisirung? Die Beamten heiraten unsere Schwestern, Nichten, die Töchter unserer Angehörigen! Wo eine reiche Hand zu vergeben ist, gewinnt sie sich einer von drüben. Selbst in der Residenz des Kirchenfürsten ist der Schwager unsers hochherzigen, scharfsinnigen kanonischen Streiters, des Herrn Dominicus Nück, ein Protestant und wird, wie Pater Sebastus dort uns berichtet, infolge seiner gemischten Ehe demnächst eine Tochter im hochmögenden Piter Kattendyk'schen haus bestimmen, protestantisch taufen zu lassen! Ja selbst von dem heiligen land Oesterreich, einem land, das mehr als Würtemberg verdient sich Gottes Augapfel zu nennen, muss unserer rechtgläubigsten Provinz drüben das Geschick drohen, die reichsten Länder, die Besitzungen der Dorste-Camphausen, an die protestantische Linie der Salem-Camphausen übergehen zu sehen