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Deutschland. Er sah das Volk Gottes in der babylonischen Gefangenschaft. Er sah vollends auf dem Trone, unter dessen Gewalt sie durch eine "Laune der geschichte" hier leben müssten, einen assyrischen König.

Ist es nicht, rief er und sah dabei zuweilen auf ein Papier, als wenn wir die Worte Actorum 7,43 hörten: "Ich will euch wegwerfen j e n s e i t Babylonien!" Meine Freunde, noch ü b e r Babylonien hinaus! Ist das nicht das schwerste Elend unsers Fluches! Noch ü b e r Babylonien hinaus! Denkt das Herz nicht mit Schaudern an Russland? Wie in Russland steht es schon mit unserm Glauben, mit unserm Cultus, unserer Selbstregierung! Nicht genug, dass die Kirche ihres jahrtausendjährigen Schmuckes beraubt worden ist, dass man die Pfründen und Stifte einzog, die Bistümer plünderte, die Klöster aufhob, den schulen, unsern niedern und höhern, die alte Form nicht nur, sondern die ganze Existenz nahm: selbst bis in das innerste Leben unsers Glaubens dringt die Tyrannei des weltlichen Armes! Wo ist noch irgend, ausser im Beichtstuhl, ein freier Verkehr des Seelenhirten mit seiner Gemeinde! Wo ein ungehinderter Verkehr des Unterhirten mit dem Oberhirten! Wo kann sich ein Wunsch, eine Bitte, eine Mahnung aussprechen innerhalb unserer eigenen Angelegenheiten, ohne dass nicht die weltlichen Räte, deren Mehrzahl unserer Kirche nicht angehört, ihr Ohr hinhalten und die letzte Entscheidung geben! Wir sind Fremdlinge im eigenen land, Parias, die der Botmässigkeit herrschender Rajahs unterworfen sind! Und womit herrschen sie? Mit unserm eigenen Gut und Blut, mit den Besitztümern der Kirche, die sie säcularisirten, mit dem Schweiss unserer Arbeit, mit dem Erwerb unserer hände, mit den Steuern, die wir reichlicher zu zahlen haben als die Provinzen, die man im Osten bevorzugt! Darf es mitten in unsern Landen eine Universität geben, in der nicht alle Wissenschaften, die sie lehrt, in unserm Glauben wurzeln? Darf eine Philosophie gelehrt werden, die Rom verworfen hat? Darf noch länger ein hundert Meilen von uns entlegenes Ministerium, in dem nur ein einziger, mit Titeln und Orden verführter Rat unsers Glaubens sitzt, unsere Lebensfragen ordnen und entscheiden? Soll für die Besetzung der Stellen der Bischof kaum ein Vorschlagsrecht ausüben und die Bureaukratie den Ausschlag geben? Soll jedes schadhafte Dach, das über dem Hochheiligsten auszubessern ist, jedes notwendige neue Messgewand, jeder aussergewöhnliche Schmuck eines mit besonderer Vorliebe gerade an diesem Orte und gerade auf jene heilige Erinnerung gerichteten Festes einer weltlichen Bewilligung bedürfen? Soll sich keine Fahne mehr mit dem hochheiligsten Bilde der gnadenreichen Gottgebärerin zu einer Procession entfalten dürfen, ohne dass diese Gensdarmen dem Priester, der mit seinen frommen Seelen über die tauigen Wiesen dahin zu einem Gnadenorte wallfahrtet, seinen Erlaubnissschein abverlangen, wie einem reisenden Handwerksburschen sein Wanderbuch? Sollen diese ehernen Zungen, die in den Lüften die Lebenden rufen, die toten beklagen, den Blitzen Halt gebieten, nicht reden dürfen, wenn die Lust und Wonne unsers hochheiligsten Kirchenjahrs, die weihevolle Erinnerungsfreude, der heilige Bussdrang, die Märtyrerandacht und das Bittgebet gläubiger Seelen Gleichgestimmte in die heiligen Kirchenhallen ruft? Soll uns der Wein zugemessen werden und geaicht die heilige Kanne, soll das Brot des ewigen Lebens halbirt und zerschnitten werden wie das Brot in den Kasernen? Soll das von dem Hochheiligsten tröpfelnde Wachs gesammelt werden, wie von den Bedienten geiziger Herrschaften das Wachs gesammelt werden muss nach den Orgien, die sie mit Tanz und Musik feiern? O dass das Mass unserer Leiden noch immer nicht voll ist zum Ueberfliessen für die Feigheit und Mutlosigkeit dieser zeiten! Wir haben als Kirchenfürsten einen Geharnischten des Herrn, einen Michael im Panzerkleide unter dem Pallium der höchsten Kirchenwürde, einen Streiter, der die Mitra trägt wie den dreimal umbuschten Helm eines Gottfried von Bouillon! Und mehr! Rom, das endlich den Mut wiedergewonnen, sich von einer langen Ohnmacht und aus dem stand der Erniedrigung aufzuringen zu seiner grossen Stellung, wieder mitzureden im Rat der Grossen mit blitzendem Bannstrahl und donnernder Bulle, Rom hat ihn gesegnet, diesen Streiter des Herrn, hat ihm das rote Kreuz des Gotteskampfes auf die Schulter geheftet ... Und doch –! Wie zaghaft ist bei alledem der Beistand, den er sogar unter uns selbst findet! Wie angstvoll noch unser Umblick auf diesen Heerbann der Hof- und Land- und Steuer- und krieges- und Staatsund Regierungs- und Kirchenräte! O dass die Stunde uns gerüstet finden möge, die Stunde der Entscheidung! Sie wird hereinbrechen wie ein Dieb in der Nacht, wie ein Weib die Wehmutter ruft, wie die zum Tod Erkrankte den Priester, ungeahnt, unerwartet! Unser frommer Bruder da berichtet, dass die Frage der gemischten Ehen für unsern gottseligen Kirchenfürsten an Ketten und Banden streift!

Die brennende Frage des Tages war ausgesprochen.

Mehrere der Pfeifen gingen aus, andere wurden beiseite gelegt. Der Gegenstand wurde zu ernst. Eine drückende allgemeine Stille war die Folge dieser zuletzt ganz abgelesenen Anrede. Der Sprecher, der sich somit offen als Mitverfasser so vieler damals in Würzburg und Augsburg zuerst auftauchender Schriften entüllte, sah sich im Kreise rundum. Seine Augen funkelten, die starken Züge des Antlitzes waren gerötet; die rechte Hand, zur Faust geballt, hatte mehrmals auf den Tisch gedonnert ...

Man kann wirklich nichts sehnlicher wünschen, als dass dieser schwierige Gegenstand seine endliche Erledigung finden möge ... sprach eine schüchterne stimme ...

Rom hat gesprochen! riefen andere ...

Aber