im Augenblick nur nicht gegenwärtig war. Beda Hunnius, den er vor sich sah, und der, den er gedruckt kannte, der, auf den er, wie er sagte, abonnirt war, waren zwei ganz unvereinbare Gegensätze. Der Dechant wusste, dass bei seinen Amtsbrüdern das Schriftstellern sowohl überhaupt aus der Leichtigkeit entsteht, Erbauungsbücher zu schreiben, die immer gut verkauft werden, wie im besonderen aus einer heftigen Mitteilungslust, die durch den polemischen Eifer geschürt wird. Auch das Gefühl der Einsamkeit liess Franz von Asselyn als die Muse des katolischen Geistlichen gelten. Obgleich ihn sein Amt mehr in Anspruch nimmt als den protestantischen Pfarrer, fehlt doch die Familie, ihre Zerstreuung, ihre sorge. Einsamkeit ertragen können ist eine hohe Lebenskunst! Sie ist der wonnevollste Genuss, ja der Luxus des Denkers! Eine Qual ist sie für den mässigen Kopf. In diesen trüben Winterabenden, wo der katolische Geistliche auf dem dorf niemand zum nähern Umgang hat, unterhält ihn die Feder, die Druckerschwärze, die Beziehung zur Literatur, der Anteil an ihren Händeln. Schreiben darf er nichts, was nicht im Sinne seines grossen Ganzen ist, und so hilft sich die trübe Laune durch Abfassung von Predigten, Gebeten, polemischen Ausfällen; sie schreibt und eifert sich in allerlei mehr oder minder wohltuenden Lärm hinein. Der Dechant wusste, dass, wenn die niedere Geistlichkeit aus dem Bauernstande hervorgeht, das geistliche Convict ihm eine abschleifende Berührung mit der Welt nicht gewährt. Beda Hunnius, von Geburt ein Bauernsohn, unterstützt durch Stipendien, auf besondere Empfehlung in dem Convict jener Stadt gebildet, wo er mit Bonaventura die Weihen empfing, hätte immerhin nach seiner Meinung stürmen und lärmen mögen, soviel er wollte; aber er dichtete auch! Er dichtete in einer überschwenglichen Manier, die dem Schauspielerstande gleicht, der eben hinter den Coulissen ein Seidel Bier getrunken haben kann und dann hinaustritt und von dem Duft der Palmen spricht, von der "Götter altem Heiligtume", "der ewigen Roma Majestät und Capitole" ... "Jerichorosen" hiessen Beda Hunnius' poetische Erstlinge, "Lacrymae Christi" seine zweite Sammlung. Es folgte eine dritte und vierte und immer wurde der Dechant an sich selbst irre, wenn er seinen Collegen sah, wie der mit pfundschweren Stiefeln durch die Strassen von Kocher schritt, oder ihn hörte, wie er mit der gewaltigen Hand auf das Kanzelpult schlug, sich an seine Zuhörer z.B. mit den Worten wendend: "Um ein für allemal euer Nasenschneuzen während meiner Worte abzuschaffen, behaltet ihr euer Sacktuch so lange in der tasche, bis ich sage: Putzt jetzt eure Nasen!" ... und dann von derselben Hand, von demselben mund eine zarte "Purpurviole" auf das Grab eines Märtyrers niedergelegt in Tönen und in Weisen der Ueberschwenglichkeit! Beda Hunnius waren ihm zwei Menschen.
Dennoch würde der Dechant, eingedenk seiner Siriusreligion, auch das ertragen und gelächelt haben, selbst über die unablässige geheime Polemik im "Kirchenboten" gegen ihn selbst, gegen seine gesinnungslose und weltverdorbene Richtung – vor allzu bösen Umtrieben schützten ihn die reichen Geldspenden, die man in der Dechanei für alles und jedes, selbst "zum Ankauf von Kohlen zu Scheiterhaufen", wie er sagte, zu jeder Zeit erhalten konnte – aber bei den Conferenzen, die Hunnius eingeführt hatte, konnte er oft gar verdriesslich werden über die vielen Erdenschlacken des Himmlischen, über den Sauerkrautsduft auch sogar der Seraphskost und noch auf der letzten Conferenz vor sechs Wochen hatte er wie ein Zelot gesprochen:
Wo ist euch je das Rauchen gestattet worden? Auf welchem Concil? Durch welchen Apostel, Märtyrer oder Bekenner?
Es war nicht Scherz, wenn er auch heute wieder beim Eintreten in die schon mit dichten Dünsten und Nebeln gefüllte Schulstube den sich teilweise Erhebenden entgegenrief:
Meine Herren! Der Geist heisst doch, wie Sie wissen, auf hebräisch R u a c h und Sie machen regelmässig, wenn Sie zusammensitzen, R a u c h daraus!
Auf den Schulbänken und die Schulsitze entlang lächelten zwar über zwanzig Geistliche, aber sie blieben bei ihren langen und kurzen Pfeifen und die jüngern sogar bei ihren Cigarren ...
Völker und Geistliche, die den Wein geniessen dürfen, fuhr der Dechant sich setzend und brummend fort, sollten den Taback den türkischen Derwischen überlassen!
Er suchte sich einen Platz am Fenster und lehnte den Wein ab. Jeder der Herren hatte vor sich ein Glas mit funkelndem Rebengolde stehen.
Beda Hunnius nahm die schon im vollen Gange befindliche Debatte des Tages wieder auf.
Er billigte eines Redners Vorsicht, die eben angeraten hatte, nicht blind in das Messer der Bureaukratie zu laufen. Aber, setzte er auf den Tisch schlagend hinzu, die Zeit rückt immer näher, wo wir mit allem, und wär's mit Freiheit und Leben, für unsere Mutter, die Kirche, werden einstehen müssen! Da – er zeigte auf den Franciscaner –, der ehrwürdige Pater Sebastus dort berichtet uns, dass in der Residenz des hochwürdigsten Kirchenfürsten die Dinge immermehr auf die Spitze getrieben werden – auf die Spitze der Bajonnete!
Von draussen hörte man das Klingeln der Ladestökke; der Dechant öffnete sich das Fenster, an dem er sass.
Ihr junges Volk! sprach er murmelnd vor sich hin und drückte ein Sammetkäppchen auf sein Silberhaar. Wer in zeiten gelebt hat, wo wirklich die Bajonnete herrschten –!
Beda Hunnius liess sich nicht stören. Er gab die damals allbeliebte Schilderung der geistlichen Zustände des unter protestantischen Sceptern schmachtenden katolischen