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Matematik! Lieber Gott, sie war selbst wie 'ne gerade Linie! Hm! Berenice! Hatte die Berenice nicht ein schönes, berühmtes Haar? Das Haar der Berenice! Blond, lichtblond, wie der Name andeutet, Lucinde? Nicht?

Mit diesen Worten schritt der Dechant schon die steinernen Treppen hinunter.

Windhack begleitete ihn und sagte:

Im Gegenteil, Herr Dechant! Schwarz wie die No

vembernacht! ... Ein Regenschirm ist nicht nötig, Frau von Gülpen!

Frau von Gülpen war bis zur Hälfte der Treppe mit

hinuntergegangen. Sie blieb da stehen, wo sich eine Tür zu einem Wirtschaftsentresol befand. Dort wollte sie noch einen Regenschirm mitgeben, den der Dechant auch ruhig genommen haben würde. Er hätte auch einen Sonnenschirm genommen, wenn man ihm einen in die Hand gesteckt hätte; er würde höchstens gefragt haben: Sind jetzt so kleine Regenschirme Mode?

Windhack begleitete ihn bis an das hohe Hausport

al.

Als er zurückkehrte, rief ihn Frau von Gülpen in

die Wäschkammer und wollte wissen, was da die zweideutigen Anspielungen mit "Berenice" hätten sagen wollen? Die Vertraulichkeiten des Dechanten mit seinem alten Diener gingen zuweilen auf ihre Kosten. Beim "Haar der Berenice" hatte der Dechant einen so scharfen blick auf ihre Frisur geworfen ... behauptete sie wenigstens ...

Windhack erzählte mit Harmlosigkeit, dass es einst

einen berühmten alten Astronomen, Namens Kanon, und eine ägyptische Königin, Namens Berenice, gegeben hätte und letztere hätte ihren Mann in die Schlacht schicken müssen, hätte aber gelobt, käme er gesund heim, so würde sie den Götternder Venus, Frau von Gülpen, sagte Windhackihre Haare opfern, d.h. in ihren Tempel stiften, wie wir Wachskerzen stiften oder silberne Herzchen; und nun, fuhr Windhack fort, hatte der Astronom Kanon das Haar der Berenice zwar vielleicht abgeschnitten, aber nicht in den Venustempel abgeliefert, sondern gleich gesagt: die Götter hätten es in die Sterne versetzt, dicht an die Mähne des Löwenauch halt ein Sternbild, Frau von Gülpen! – Nun wisse man nicht recht, mit wem der Kanon unter einer Decke gesteckt hätte, vielleicht mit der Königin selbst, die ihr schönes Haar, zuletzt nicht gern hergegeben hätte und dann so lange vielleicht die Hauben erfand, bis es ihr wieder hätte gewachsen erscheinen können, oder mit den Venuspriestern, die diese Haare vielleicht zu ihren Perrüken verwandten und keine Rechenschaft hätten darüber ablegen wollen ... Kurz, wenn man den Kanon nach dem Haar der Berenice fragte, Frau von Gülpen, so zeigte er halt immer auf die Sterne, woher auch vielleicht mit der Zeit die Redensart: "Mondschein" entstanden sein mag für einen ausgegangenen oder dünnen oder halt sehr kahlen

Genug! Genug! unterbrach Frau von Gülpen mit Entschiedenheit.

Windhack verstand sich aufs Frisiren wohl noch sicherer als auf das Angeben bevorstehender Mondfinsternisse. Er besorgte nicht nur die matematisch richtige Form der Tonsur des Dechanten, sondern auch die gewellten künstlichen und so schön kastanienbraunen Scheitel der Frau von Gülpen; jedoch so umständlich überhaupt von Haaren zu sprechen, widersprach aller Conduite und "feinen Lebensart" ...

Sie suchte für Lucinden, deren grösserer Koffer erst mit Fuhrgelegenheit nachkommen sollte und die sich etwas von dem Regen durchnässt gefühlt hatte und von der Wäsche der Frau von Gülpen einiges bis auf weiteres in Anspruch nahm, allerlei Frauenzimmerliches aus, von dem sie dann gleichfalls sagte, dass auch das ihn nichts anginge ...

Gehen Sie! Gehen Sie! sagte sie, Sie mit Ihrem Kanon! Heute bei Tische ist so viel von Kanonen gesprochen worden, dass ich jeden Augenblick erschrekke, von der Stadt schiessen zu hören!

Das rauschendste Trommeln hörte man jetzt allerdings ...

Windhack liess Frau von Gülpen zu der in der Weisszeugkammer arbeitenden Nähterin, Treudchen Lei, eintreten, er selbst verfügte sich, um für die Auguststernschnuppen seine Gläser zu prüfen, auf die Sternwarte.

Der Dechant schritt inzwischen zur Stadt ...

Er hatte die Gewohnheit, auf den gekieselten Wegen, die unmittelbar um die Dechanei her durch den kleinen Park sich schlängelten, und auch noch auf den Stufen, die zum Dom emporführten, ganz besonders freundlich zu grüssen. Ernster aber wurde er schon oben um den Dom selbst herum. Vollends vornehm und etwas kalt sogar war seine Art, wenn er die Stufen niederwärts zu Kocher am Fall selbst hinunterschritt.

Man sagte, er entblösste nicht gern sein Haupt. Die einen meinten, weil er die Schwäche besass, seine Tonsur zu verbergen, andere, weil er die Zugluft fürchtete, und wieder andere, weil ihn ein ewiges Grüssenmüssen von Kreti und Pleti bei aller Freundlichkeit des Herzens verdross.

Heute aber wurde er kaum beachtet; denn es wimmelte von Soldaten und vor Aufregung in der ganzen Stadt ...

Unter den einfachsten bunten Röcken steckten aus der Gegend ringsum achtbare Bürger, Hausbesitzer, Handwerker, junge Oekonomen, Förster, Studirte ... Und nun rannten die Frauen und die Kinder und wollten auf dem Marktplatz die "Parade" sehen und die Handwerker hatten ihre Arbeit eingestellt und standen in den Haustüren, viele gewärtig auch der Einquartierung, die sie auf drei Tage bekommen konnten; auf dem Marktplatz nach dem Appell und der Revue wurden dazu die Billets ausgeteilt ... Und an Ausspannungen und Gastäusern waren Laubpforten errichtet, Fahnen wehten aus den Fenstern ... Teppiche hingen sogar nieder, wie bei einem Kirchenfest ... Und dazwischen spielten