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die die Nacht mit Grauen bedeckt.

5.

In jedem Leben ist der Augenblick entscheidend, wo uns die Dinge anfangen objectiv zu werden.

Unsere Kraft fängt von dem Augenblick an, wo wir etwas wissen, was endlich einmal feststeht, endlich einmal fixirt ist wie der Schmetterling unter der Nadel, nicht mehr auffliegen, nicht mehr wieder lebendig werden, uns widerlegen, irren, wieder zu Anfängern machen und in alle Weiten treiben kann.

Die Leute nannten Lucinden allmählich stolz. Ihr Stolz bestand darin, dass sie sich selber emporhob, es versuchte mit ihrer mangelhaften Bildung ihrer immer reichern Erfahrung gleichzukommen. Sie wusste so vieles mehr und besser als viele andere, und da sie doch an formeller Bildung zurückstand, auch zu träge und zu unstet war, vielerlei noch zu lernen und nachzuholenihre herrschaft würde ihr dazu, wenn sie's begehrt hätte, die Mittel geboten haben –, so trug sie geistig den Kopf mit Bewusstsein ihrer Lücken hoch und erfand sich allerlei Ersatzmittel und Beschönigungen für das, was ihr fehlte.

In diesen Erfindungen war sie so glücklich, dass man sie bald das poetische "Hessenmädchen" nannte und sie bewunderte. Sie war naiv mit Bewusstsein. Sie konnte den blick so senken, wie die Andacht selbst. Sie konnte ihn aber auch wieder aufschlagen, wie jene Medusen, die gerade darum so grausam mit ihren Blicken tödten, weil sie so anziehend sind, so regelrecht in ihrem Antlitz alle Linien der Anmut haben. Lucindens Kopf wurde immer mehr ein Gemmenkopf, den ebenso der blumendurchflochtene Aehrenkranz der Ceres wie das Schlangengeringel einer Phorkyde schmücken kann. Der Stadtamtmann, der zu den eigentümlichen Naturen gehörte, die eine wahre Cerberusbissigkeit im amt mit einer häuslichen träumerisch weichen und fast lyrischen Art verbinden können, erklärte es für einen "radicalen Unsinn", als auf dem Casino davon die Rede war, sein vielbesprochenes schönes Kindermädchen sollte er die Tracht annehmen lassen, in der Van Embden seine berühmten blumenzupfenden Dorfmädchen gemalt hat. Er hätte sie, wenn's nach ihm gegangen wäre, in eine Pension schicken mögen, soviel Respect hatte er vor ihren Gaben. Nur seine Frau teilte den Entusiasmus nicht. Sie hörte seit lange nur auf die vielen Klagen, die über Lucinden einliefen. Alle jungen Mädchen der Bekanntschaft oder Verwandtschaft des Stadtamtmanns waren eine Zeit lang von ihr entzückt; kaum aber hatten sie einen Vertrauensbund mit ihr geschlossen, so nannte man sie treulos, verräterisch und warnte vor ihr die, die sie empfohlen hatten, und die, die sie noch beschützten. Die einen hoben sie zwar dann in den Himmel, die andern verwünschten sie aber schon. Sie war oft in dem Grade der Gegenstand der allgemeinen Discussion, dass sich der Stadtamtmann die Ohren zuhielt, seine Gattin aber, "um dem Dinge ein Ende zu machen", ihre Entlassung beantragte.

Nichts ist so verderblich für die Jugend, als ungestraft böses Beispiel hingehen sehen.

Lucinde sah die vornehme Dame, die eine Diebin war, sehr oft wieder. Sie sah sie auf der Promenade, im offenen Wagen, sie sah sie, von Cavalieren umgeben, im Teater; ja, eines Tages, eine halbe Meile von der Stadt entfernt, sah sie in einem öffentlichen Lustgarten des Fürsten, nach dem man Partieen zu machen pflegt, die schöne Frau in der Begleitung eben desselben Kaufmanns, der sie hätte vernichten können. Sie bedauerte damals, das seltsame, die dunkeln Alleen suchende Paar nicht genauer beobachten zu können, denn der, der sie selbst begleitete, war gerade ein junger Mann aus dem Geschäftspersonal des Herrn Gutmann und schien gerade seinen Principal hier am meisten vermeiden zu wollen. Kaum hatte der junge Mann die vornehme Dame mit dem in den Formen höchst gewandten Herrn Gutmann durch die grünen Laubgänge des Parkes daherkommen sehen, als er auch Lucinden sofort in eine Nebenallee zog und den Tag über vermied, sich draussen im Freien zu zeigen. Oskar Binder wusste nichts von den Ursachen dieser so auffallend intimen Annäherung, und Lucinde errötete noch, wenn sie darüber nachdachte, wie sie es anstellen sollte, zu verraten, was sie belauscht hatte, und den Preis zu nennen, um den die Baronin ihre äussere Ehre gerettet hatte ...

Der schöne Oskar Binder selbst aber gehörte einer achtbaren Familie an und war, wie man behauptete, der zuverlässigste und anstelligste unter sämmtlichen Commis im Bazar Gutmann. Das Vertrauen seines Principals überliess ihm die Verwaltung der Kasse. Durch sein Aeusseres ebenso empfohlen wie durch Namen und Herkunft, kam er in die Kreise des Stadtamtmanns, und viele der jungen Mädchen, Töchter von Räten und angesehenen Beamten, zeichneten ihn aus. Dennoch warf er sein Auge nur auf die halb schon als Pflegekind im haus des Stadtamtmanns befindliche "Henriette". Dass sie eine Schwester hatte, die noch diente, hatte schon aufgehört; Lucinde verschaffte ihrer Schwester eine Stelle in einer grossen, von einem Verein unterstützten Nähanstalt; ihre Geschwister im Waisenhause sollten zum Militär gebildet werden. So den Uebrigen fast schon ebenbürtig, ergänzte sie, was ihrer Stellung mangelte, durch die Geltendmachung ihrer Persönlichkeit. Der junge Buchhalter hörte, was allmählich alle jungen Männer von den andern Mädchen über Lucinden hörten, dass sie die Störerin des allgemeinen Friedens, eine gefährliche, zu jedem Mittel greifende Kokette wäre. Da sie aber den Reiz des Eindrucks für sich hatte und überdies im Gegenteil kein wasser zu trüben schien, zog sie alle an. Sie hatte eine Art, bei gemeinschaftlichen Spaziergängen allein zu bleiben, irgend nach