Nichten" trugen adelige, andere nur bürgerliche Namen. Darin aber waren sich alle gleich, dass sie erstens, wenn sie länger als einige Wochen blieben, sämmtlich anmutig, zweitens gebildet, drittens musikalisch sein mussten, viertens dass keine länger bei der Tante blieb als zwei Jahre. über letzteren Umstand gingen verschiedene Gerüchte ... Die einen behaupteten, für ein geistliches Haus hätte ein längeres Verweilen, da alle ohnehin mit der Absicht kamen, nur die Tante auf einige Zeit zu besuchen, anstössig erscheinen müssen. Die andern sagten, Frau von Gülpen hätte mit dem Dechanten die feierliche Abrede getroffen, dass sich keine von ihren Nichten jemals dürfte einfallen lassen, irgendwie in ihre Rechte einzutreten, was allerdings bei einem zu langen Verweilen in der Nähe des für alles Schöne so lebhaft empfindenden Mannes zu besorgen war. Man sagte ferner, dass diese Trennungen oft schmerzliche Scenen herbeigeführt hätten, deren Nachklänge der Dechant nur durch seine jeweiligen wiener Reisen vergessen zu können vermochte ... Lucinde war etwa die zwanzigste Nichte, die schon nach Kocher am Fall gekommen war. Ihre Vorgängerin war Angelika Müller gewesen, jene Lehrerin, in deren Persönlichkeit entweder eine arge Verwechselung stattgefunden hatte oder die dem, der sie empfohlen – es war nicht der Philosoph Doctor Laurenz Püttmeier selbst gewesen –, zu sehr verklärt erschienen gewesen sein mochte durch die Schönheit ihres Geistes und Herzens. Dennoch war Angelika Müller bei der "Tante" sechs Wochen gewesen.
Der Dechant verstand den eigentümlich aufgeregten und freudvoll-leidvoll gemischten blick seiner langjährigen Freundin, mit dem auch sie jetzt, aber tief aufseufzend, die "neue Acquisition" ankündigte. Geschah dies doch regelmässig mit demselben unheilverheissenden Tone, demselben Unkenruf des Mistrauens und der Furcht vor einer solchen "wildfremden person" wieder, der "niemand ins Herz blicken könne", und die sogleich bei erster Begrüssung für das scharfe Auge der Kennerin gewöhnlich irgendeinen bedenklichen Fehler hatte. Die eine sprach ihr gleich zu rasch, die andere zu rauh, die dritte hatte keine Lebensart, die vierte zu viel, die fünfte war naseweis, die sechste simpel ... und schon an der Toilette, an der Wäsche, an der Frisur konnte sie unterscheiden, wess Geistes Kind die von aussenher, durch allerhand Vermittelungen empfohlene "person" war ... und wenn auch eine allen Kennzeichen, die nur der Dechant verlangte, noch so vollkommen entsprach, für Frau von Gülpen konnte sie irgendetwas, vielleicht einen "Odeur" haben, der ihr einen "Horreur" verursachte ... kurz, der Dechant und Windhack, beide waren die erste Verurteilung schon gewohnt.
Regelmässig aber fanden beide hintennach bei eigener Anschauung, dass die so verfehlt geschilderte Acquisition im grund "gar nicht so übel war" ... Nur heute bedauerte der Dechant, dass er jetzt sich eilen müsste in die Conferenz zu kommen. Ja da der neue Ankömmling nicht sogleich mit Frau von Gülpen schon eintrat, da man erst nach Lucinde Schwarz klingeln musste, da des gefallenen Regens wegen Frau von Gülpen auch noch auf eine warme Fussbekleidung für den Dechanten drängte, so wurde beschlossen, die Vorstellung zu lassen bis zur Zurückkunft. fand sie dann auch, da sich zum Tee jeden Abend Gesellschaft auf der Dechanei einstellte, vielleicht vor Zeugen statt, so konnte man ja dann gerade am ehesten beweisen, dass der Besuch nur der Gesellschafterin des Dechanten galt, nicht ihm selbst.
Indem Windhack seinem Herrn jetzt behülflich wurde, sich zum Ausgange wärmer anzukleiden, begleitete er die Aeusserung der Frau von Gülpen, Windhack hätte sie ja auch schon gesehen! in seinem sanften Redeton, der ihn dem Dechanten besonders wert machte, mit den Worten:
Ja, halt ganz wie die Berenice!
Der Dechant wusste, dass Windhack mit dieser Vergleichung nur die Figur eines Sternbildes meinen konnte.
Wie so? Berenice? fragte er, eine weisse Halsbinde unter die schwarze legend, während Frau von Gülpen aufhorchte.
Wenn Sie sich die fünf Sterne der Berenice durch Linien verbunden denken und den obern sozusagen als den Kopf, so kommt halt ungefähr das neue fräulein heraus!
Hoffentlich, bemerkte der an solche Schilderungen gewöhnte Dechant, heisst das nicht, dass die Dame einen Buckel hat?
Frau von Gülpen meinte schon.
Sie geht etwas sehr übergebeugt!
Frau von Gülpen dachte an ihren eigenen geraden Wuchs und dass man bei etwas Tournure selbst als Sechzigerin immer noch etwas vor der Jugend voraushaben, könne ... Sie wusste nicht, dass die Vergleichungen mit ihrer alten Hauptmännin Lucinden sogleich mehr als sonst in Furcht und Nachdenken versetzt hatten.
Sonst sehr anmutig! fuhr Windhack fort. Sehr freundlich! Mit jedem schon so, als wenn sie jahrelang mit ihm bekannt wäre! Mich hat sie gleich gefragt, was es für Menschen im mond gäbe? Sie arrangirt sich jetzt halt oben ihre kammer!
Der Dechant verfolgte diese Andeutungen nach der Richtung hin, wie ein derartiges neues Wesen in dem nicht immer ganz stillen Frieden der Dechanei sich künftig wieder bewähren würde. Er erschrak, als Frau von Gülpen bereits daran erinnerte, die Nichte wisse, dass sie nur vorläufig auf drei Tage "zum Besuch", d.h. zur probe da wäre.
Hm! Hm! sagte er, Menschen im mond! Sie kennt also schon unsere Schwächen – wollt' ich sagen – ja – ei – Windhack, eine Nichte, die Astronomie verstand, die hatten wir ja wohl noch nicht? Richtig! Die Müller'n! Aber die trieb mehr