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Coeur oder eine lebendige Charité gewesen, da konnte sie sich den schwierigsten Pflegen des menschlichen Leichnams unterziehen. Da gab es kein Seitenstechen, für das sie nicht eine passende Flanellreibung gehabt hätte, kein Magendrükken, dem sie nicht Erleichterung durch irgendeinen Tee verschaffte, keinen Frostballen, dem sie bei verschlossener Tür und die Brille auf der Nase nicht sogar eigenhändig mit einem scharfen Messer, wenigstens an der sterblichen Hülle des Dechanten, zu leib gegangen wäre. Nur mussten die Menschen, denen sie die edlen Liebesratschläge widmetedie Liebeswerke gehörten lediglich nur dem Dechantenzu dem Kreise ihrer nächsten Beziehungen gehören. Sie mussten durch Distinction und Namen in der Gesellschaft eine Stellung einnehmen. Es war das schöne Lebensprincip der Frau von Gülpen, dass Natürliches niemanden schände und um so weniger schände, als es einmal im Plane der Schöpfung gelegen hat, den Menschen aus einem höchst erbärmiglichen Stoffe zu bilden, einem Stoffe, der bei jedem schönen Abendspaziergang sich eine Erkältung und von der wohlschmeckendsten Trutahnpastete eine Indigestion zuziehen kann. Den Lebensberuf der Frauen fand diese Dame darin, dass sie für die Männer, die sie lieben, in einem ewigen Kampfe gegen die Unzulänglichkeit von "Kraft und Stoff" liegen sollten. Ihre Waffen waren dabei ein Arsenal von Leibbinden, Wärmsteinen, Fusssäcken, Kräuterkissen, Senfteigen, Teevorräten aller Art, sowohl schweisstreibender, wie beruhigender, luftfördernder und luftemmender Art, nicht eingerechnet die vielen Pillen, Pulver, Tropfen und noch unausgeführten Recepte, die sie zu häuslichen Vorkommnissen sich aus guten gemeinnützigen Schriften oder aus bewährten klösterlichen oder Familientraditionen niederzuschreiben pflegte, selbst für Fälle, die nur in der Möglichkeit lagen, z.B. die Hundswut. Aber die erschaffene Creatur auch in ihrem behaglichen Befinden hatte in Frau von Gülpen ihre treueste Beförderin. Man musste sie sehen an jedem Montag bei der grossen Revision der alten und neuen Wäsche; an jedem Dienstag unter den Nähterinnen, die sie, ein liebes Mädchen, Treudchen Lei, an der Spitze, flicken und stopfen liess; an jedem Mittwoch auf dem wichtigen Mittwochmarkte zu Kocher, wo sie mit der prüfenden Uebersicht eines Feldherrn die vorhandenen Vorräte an wild und Geflügel musterte; an jedem Donnerstag, wo es regelmässig in der Dechanei ein Diner gab; an jedem Freitag, wo die heilige Fastenordnung und ihre specielle intimste Vertrauteit mit der Kunst des Backens und der höhern Fischsaucen sie fast selbst zur Köchin machte; an jedem Sonnabend, wo sie dafür zu sorgen hatte, dass sie nur selbst obenauf blieb und nicht krank wurde, aus Angst, dass es der Dechant werden könnte, der an diesem Tage früh die schulen zu inspiciren hatte und dann oft von drei Uhr Nachmittags bis spät Abends im Beichtstuhl festgehalten wurde und trotz aller Vorsichtsmassregeln, trotz Fusssack, Pelz und Kohlentopf im Winter, nach haus immer so ermüdet kam, so geistig durchschüttert, so von der hochwichtigen Function des Anhörens fremder Seelenbekenntnisse um alle eigene Lebensstärke gebracht, dass er erklärte, nur die schönste, seelenvollste Musik in einem Nebenzimmer, eine Musik wie von Seraphshänden gespielt, könnte ihn wieder in den Zusammenhang mit Gottes harmonischer Weltordnung bringen! Essen konnte der Dechant Sonnabend Abends nichts. Denn, sagte er, von dem, was ein katolischer Priester alles in der beichte zu Gehör bekommen muss, würde wenigstens ihm immer so weh und schlecht ums Herz, so tief jämmerlich um Seele und Magen herum, so vollständig und unendlich satt zu Mute, dass er dann nur Appetit nach Himmelsspeise haben könnte, nach Eliaskost, von Raben oder geradezu Engeln oder sonstigen Boten Gottes credenzt ... Glücklicherweise kam darauf immer der stolze, feierliche, hochherrliche katolische Sonntag mit seinen brennenden Lichtern, mit seinen gestickten Messgewändern, mit seinem duftenden Weihrauch, mit seinem erhebenden Orgelton, seiner sichern jahrtausendjährigen Regelmässigkeit ... Der hob, der tröstete, der erquickte ihn dann wieder ... Wenn er auch durch vierzigjährige Gewohnheit das Heiligste verrichtete, ohne davon eine andere Vorstellung zu haben, als die eines Traumes, geträumt mit wachem Auge, so fing er denn doch am Sonntag Abend wieder an sich Mensch und von dem Ernst des Lebens minder schmerzhaft berührt zu fühlen.

Jene Sphärenmusik aber, jene Lücke am sonnabendlichen Tee, die die gute Frau von Gülpen nicht ausfüllen konnte, jenes Bedürfniss nach Eliaskost war die Veranlassung, dass seine treue Freundin in fernen Gegenden eine so weit verbreitete Verwandtschaft hatte. Seit dreissig Jahren sagte man zu Kocher am Fall, dass die nie schöne, aber immer wohlgesinnt gewesene "Seitenverwandte der Asselyns" für die Ihrigen doch auch das mildeste Herz von der Welt hätte. Eine Nichte nach der andern zog sie an sich, sorgte, wenn sie nicht gleich beim ersten Eindruck misfiel und oft schon nach vierundzwanzig Stunden abreiste, für deren Ausbildung, liess sie in der Dechanei wohnen und verschaffte ihr den Schutz und den Beistand des wohlwollenden und gütigen Herrn, dessen Pflege sie ohne höhere Ansprüche für sich selbst und mit einer in der Tat klösterlichen Entsagung seit so langen Jahren schon übernommen hatte. Nur böse Zungen waren es, die da behaupteten, dass die Familie der Frau von Gülpen merkwürdigerweise einen höchst unbestimmten Typus hätte. Denn bald wären die Nichten aus einer blonden, bald aus einer braunen Seitenlinie, bald hätten sie schwarze, bald blaue Augen, bald gehörten die Nasen dem griechischen Profil an, bald sässen sie mit zierlichem Trotz stumpf auf Gesichtern, die indessen alle, das blieb unbestritten, hübsch waren. Mesalliancen gab es in dieser weitverbreiteten Familie der Gülpens leider sehr viele, denn einige "