Dechanten zu übergebenden Weine vorher gründlichst durchkostet und kennerhaft geprüft waren, gehörte nächst der Haarwuchsbehandlung des Hauses und aller Freunde desselben zu den unbestrittenen langjährigen Vorrechten des alten Exjesuitenzöglings), wir sagen, unterstützten diese äussern Merkmale seine Kritik des, wie das ungeduldige Männlein sich äusserte, "überstandenen" Diners oder schmunzelte und lächelte er darum so behaglich, weil ja nun Frau von Gülpen's neueste "Nichte" angekommen wäre ... Genug, er begann sich bemerklich zu machen und wie ein guter Diener ganz leise, ganz nur zufällig, nicht etwa hereinplatzend und die Stille der Betrachtung seiner herrschaft störend. Er brachte eine Zeitung, griff dann nach einem an dem Porzellanofen hängenden eleganten roten Staubwischer und wedelte sanft über die Minerva hin, über den Guido Reni, über die Kupferstichmappen, mehrere nach hinten versteckte und jetzt erst sichtbare Carlo Dolces und einige noch etwas mehr versteckte und von freistehenden Bücherrepositorien verborgene Torsis alter heidnischer Erinnerungen, zu denen selbst die Venus von Milo gehörte.
Der Dechant wusste nun, dass Windhack etwas zu
melden hatte.
Hm! sagte er. Schon fünf? Zeit zur Conferenz?
Noch eine Viertelstunde, Herr Dechant!
Das Getrommel in der Stadt wird die ganze Nacht
dauern ...
Hier hören Sie's ja nicht!
Benno angekommen?
Doch wohl ...
Hedemann?
Gesund und munter! Auch der junge Tiebold de
Jonge –
Und –?
Assessor von Enckefuss ...
Armgart nicht? Nein, aber das fräulein ... Welches fräulein? Ah! besann sich der Dechant. Und? In diesem U n d lag viel, sehr viel, und wenn man will lag in dem lächelnd wiedergegebenen: Je nun! des alten Dieners fast noch mehr. Es lagen zwei Lebensgänge in diesen Worten. Einer durch die schönen Tage auf Schloss Neuhof unter den Tänzerinnen, Sängerinnen, Marquisinnen und Vicomtessen des Kronsyndikus bis nach Wien und Paris ... Der andere Lebensgang von da zurück in diese stille Klause hier zu Kocher am Fall, einer Stadt an einem Bergstrome, der wie von einem ungeheuern Sarge hierniederzugleiten schien. Und eben wollten beide ihr Und? und ihr Je nun! auf die ihnen geläufige Weise erläutern und ausführen, als eine leichte, unsichtbare und auch fast unhörbare Rollentür in der Tapete aufschnurrte und Frau von Gülpen eintrat. Auch Frau von Gülpen machte die Anzeige, dass fräulein Schwarz angekommen wäre und dem Dechanten ihre Aufwartung machen könnte ... Petronella von Gülpen war allerdings die jüngere Schwester Brigittens von Gülpen, der bereits im Jahre 1809 auf Schloss Neuhof enttronten Beherrscherin des Kronsyndikus. Beide Schwestern gehörten einem Familiensystem an, das sich durch Jahrhunderte in der Nähe geistlicher Sitze in einer Weise fortgepflanzt hat, die, wie man von einem Fahnenadel spricht, ebenso von einem Krummstabadel sprechen liesse. Es ist immer eine und dieselbe Familie, wenn auch die Namen wechseln. Die weiblichen Bestandteile dieser Familie sind diejenigen, auf welche es am meisten ankommt; die dazu nötigen Männer sind mehr zufällig und die Verbindungen schliessen sich oft geheimnissvoll und unerklärlich. Die Mutter der beiden Schwestern von Gülpen war die Wirtschafterin eines Fürstabts; ihr Vater war ein Unteroffizier Friedrich's des Grossen gewesen, der in der aus hundertzwanzig Mann bestehenden Armee des Fürstabts eine Stellung als Lieutenant gefunden hatte. über Witoborn, eine Priesterstadt, hinweg waren sie auf Schloss Neuhof gekommen, Brigitte als die Aelteste und eine ganz in der Schule eines ehemaligen Unteroffiziers Erzogene, Petronella um zehn Jahre jünger und allmählich zur Freundin des Dechanten erkoren und demzufolge von einem höhern Aufschwunge der Bildung, ja mit den Jahren sogar teilhaftig geworden aller Feinheiten eines in solchem Grade gewinnreichen Umgangs. Tyrannisirt von ihrer Schwester, war sie früh ebenso zum leidlich Guten geartet, wie es jene zum Schlechten war. Der schon 1803 säcularisirte Fürstabt, ihr Vater, wir meinen ihr Landesvater, hatte nichts für sie tun können und den ehemaligen Unteroffizier Friedrich's des Grossen hatte schon in der Reichsarmee, die 1793 gegen die Sansculotten zog, noch vor der Kugel eine zu volle Ladung jungen Weines in irgendeinem geistlichen oder weltlichen, jedenfalls neutralen Keller getödtet ... Seit Jahren waren beide Schwestern voneinander getrennt. Obgleich sie sich hassten und nichts voneinander wissen mochten und jetzt wohl auch kaum noch etwas wussten, hatten sie doch manches gemein. Petronella musste man nur in jenen nächtlichen Augenblicken sehen, wo sie, in der Kontusche, mit einer spitzenverzierten Dormeuse über die ganze Stirn und einer das Kinn fast einhüllenden weissen Tüllbandschleife, dem unsteten Lolo Worte der Liebe und' Beruhigung sprach; man musste sie sehen bei den vielen andern tagscheuen Gelegenheiten, z.B. da, wo sie, allerdings höchst liebevoll, den Schwächen aller geschaffenen Creatur zu hülfe kam ... Frau von Gülpen würde, das ist wahr, keine Barmherzige Schwester abgegeben haben für ein grosses Spital von allerlei wildfremden Schneidergesellen oder vom Gerüst gefallenen Maurern und Zimmerleuten; dazu hätte es ihrem jetzt so vornehmen Sinn und ihrer Neigung für Exclusives durchaus an Stimmung gefehlt ... sie begriff nie – und sagte das auch –, wie es jetzt wieder Gräfinnen und Personen von Distinction geben könnte, die ganz so wie im "Altertum" unter die Barmherzigen Schwestern träten und für allerlei "fremden, unsaubern Pövel" Kamillentee und Haferumschläge machten und, wenn "dergleichen Bagage" gestorben wäre, sogar deren Leichen wüschen ... aber – bei einem einzelnen Herrn, bei einer geliebten Persönlichkeit, und wäre diese an Bedürfnissen selber ein ganzes Spital, ein Sàcré