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die Veranlassung dieser chiround einfach romantischen Deutungen und Ahnungen erkannte.

In anonymen Briefen liegt, wenn sie uns nicht aus feigem Versteck mit Grobheiten regaliren oder die Ansicht eines einzelnen Dummkopfs zu einem "Es geht das Gerücht" aufblasen, ein eigener Reiz, zumal wenn sie, wie dieser, ein verschwiegenes Abenteuer provociren, ein Stelldichein, das freilich in dem vorliegenden Briefe aus dem Canton Tessin in der Schweiz (so gern der Dechant alle drei Jahre an die Ufer der Donau reiste und sich in seinen "St.-ZenoAngelegenheiten" einige Monate lang von den Wirbeln und Strudeln des wiener Lebens wie der Jüngsten einer und dann ohne alles Uebergewicht treiben liessFrau von Gülden blieb daheim –) etwas beschwerlich war und über das ohnehin im Dunkeln gehaltene Alter des Dechanten hinauslag.

Der anonyme Brief hatte gelautet und lautete immer noch, wie er ihn auch kopfschüttelnd betrachtete:

Sub sigillo confessionis.

Fiat lux in perpetuis! Quando quis tibi occurrit fidei romanae sacerdos, qui ... Oder geben wir die Uebertragung:

Unter dem Siegel der beichte. Es werde Licht in

Ewigkeit! Sollte Ihnen ein römischer Priester be

kannt sein, der nicht den Tod eines Huss, Savonaro

la, Arnold von Brescia scheuen würde, um unsere

Kirche von ihren Fehlern zu reinigen, so teilen Sie

ihm unter dem Siegel der beichte mit, dass sich am

20. August 18** unter den sogenannten Eichen von

Castellungo zwischen Coni und Robillante am Fuss

des Col de Tende aus allen Teilen der Welt eine

Versammlung gleichgesinnter Freunde und Wettei

ferer um die Ehre unsers neuen Martyriums einzu

finden gedenkt. Es werde Licht in Ewigkeit!

Als schon vor längerer Zeit der Dechant diese rätselhaften Zeilen erhalten hatte, war seine erste Regung keine wie über einen Scherz gewesen. Er hatte wirklich eine Religion, den Aberglauben. Es gab ganz wichtige Dinge, deren Ausführung er von der geraden oder ungeraden Zahl seiner Rockknöpfe abhängen liess. Die Ferne, die Zumutung an sich, ein mit so vielen Stempeln versehener Brief, alles das machte lag etwas, was ihn im ersten Augenblick erschreckte. Nicht gerade die Züge der Handschrift erinnerten ihn an seinen teuern Bruder Friedrich, doch der schwärmerische Geist des Inhalts. Später legte sich der erste Reiz dieser Zuschrift. Die gewohnte Bequemlichkeit sagte ihm: Dieser Briefschreiber ist entweder ein Narr oder es liegt dem Ganzen eine Fopperei zum grund! Man weiss sehr gut, dass ich am wenigsten Lust habe, einen Scheiterhaufen zu besteigen, selbst wenn ich bis zu dem Versammlungstage neunzig Jahre zählen würde, wo ich mir vielleicht aus der Krankheit nichts mehr machen würde, an der ich stürbe! "Aus allen Teilen der Welt!" Auch aus dem Sirius? ... Der Dechant besass von allen irdischen Dingen die Meinung, dass sie sich ganz von selbst machen müssten, wie die Gletscher, die sich seit Jahrtausenden aus kleinen Zufälligkeiten der Lokalität und Atmosphäre bilden und still und unhörbar von Jahrhundert zu Jahrhundert fortschieben und die Gestalt verändern ... Er nahm dann später an, dass sich's, der Briefschreiber ein schreckliches Geld hatte kosten lassen, diesen oder ähnlich abgefasste Briefe an hundert andere zu schikken ... Er schonte das geheimnis, er nahm an, dass es ihm in der beichte mitgeteilt war, und horchte, hierhin und dortin, ob nicht aus den Gesprächen seiner Amtsbrüder Anklänge an diese auch an sie ergangene Einladung sich heraushören liessen; indessen war ihm nichts aufgestossen. Das hatte ihn dann wieder aufs neue erschreckt und zu der Nachforschung bei dem Freunde veranlasst, den er die Handschrift aus einigen auf dünnem Papier nachgepausten Worten beurteilen liess ... Erst heute war ihm aber doch wieder die Ahnung gekommen, als wüssten wohl auch andere um den Brief. Zufällig war der 20. August erwähnt worden, der Tag des heiligen Bernhard von Clairvaux, – einige Fanatiker, unter ihnen der Franciscanermönch, tadelten an diesem gelehrten und gottseligen Teologen sein g e g e n das unbefleckte Geborenwordensein auch der Mutter Gottes abgegebenes Votum, – er sah bedeutungsvoll im Kreise um, er forschte auf den Mienen; aber selbst als während des Gewitters und vor dem Essen der Speisesaal zu dunkel wurde und der alte Windhack an den Fenstern die Vorhänge höher hinaufzog mit den harmlosen Worten: Fiat lux in perpetuis! achtete von den Anwesenden niemand der von Windhack's Seite nur zufällig gegebenen Anspielung weiter, als die Anerkennung der übrigens schon bekannten Bildung des alten Bedienten mit sich brachte. So fiel denn wieder die Frage schwer auf sein Inneres: Wer hat nun gerade dich erkoren, einen solchen Märtyrer aufzusuchen? Kennt man die Hoffnungen, die wir alle auf Bonaventura setzen? ... Dann musste er sich freilich sagen, dass Bonaventura zu einer Richtung gehörte, die an Rom irgendetwas ändern zu wollen für leere Freigeisterei hielt.

Wie der Greis so sann und sann, gesellte sich allmählich zu dem Zwitschern der Vögel noch das Geräusch eines über die Teppiche des Fussbodens im Zimmer selbst still hin und wieder Wandelnden.

Es war Windhack, der vor einigen Stunden das fräulein Lucinde Schwarz empfangen hatte.

Wollte das kleine graue Männlein, dem eine spitze Nase und eine stark gewölbte Stirn das unverkennbare Gepräge eines ins Detail gehenden Forschers gaben, sich lieber mit der Tatsache beschäftigen, dass in diesen gegenwärtigen Augustnächten die reichste Ausbeute von Sternschnuppen zu erwarten war, oder unterstützten sein stark gerötetes Antlitz und gewisse klare, glückselige Augen, die auf einen gründlichen Verwahrer der übrig gebliebenen Weinreste des Diners schliessen liessen (dass die dem Keller des