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, die er nun versäumte, über die Menschen, die er durch die Nichtbeachtung ihrer Angelegenheiten in die peinlichste Not versetzte, zuletzt so himmelangst wurde, dass ihm die Briefe in Gestalt händeringender Weiber und Kinder Nachts am Bette erschienen und er nicht mehr schlafen konnte, da schickte er sämmtliches aufgehäufte Material an den damaligen Kirchenfürsten der Provinz mit der Bitte, ihn vor dem hohen Gubernium zu entschuldigen oder ihm wenigstens für sein kurzgefasstes Mittel, sich nicht ärgern zu wollen, die möglichst lindeste Strafe zu erwirken. Der damalige Kirchenfürst war im Sinne der Regierung gestimmt, doch nicht ohne Wohlwollen für seine Angehörigen; so erfolgte eine friedliche Vermittelung. Die Dechanatsgeschäfte wurden dem Freiherrn Franz von Asselyn einfach abgenommen gegen eine Vergütung an seinen Stellvertreter.

Der nominelle Dechant war indessen bei alledem doch feinen freiern Anschauungen über die Stellung der Kirche zur Religion, Wissenschaft und zum vaterland nicht untreu geworden. Für die jetzt angebahnte mittelalterliche Reaction fehlte ihm alle verwandte Gemütsstimmung. Er sah sogar etwas in ihr, dem der Stolz und die dynastische Treue des deutschen Adels sich fern halten sollte. Er mochte nicht den Protestantismus, hätte aber gern eine katolische Kirche gehabt, in der Licht und Aufklärung, alle Künste und Wissenschaften, die den Menschengeist, vorzugsweise den deutschen, ehren, Platz behalten hätten. Diese Gesinnung mit Eifer zu verfolgen, für sie zu kämpfen, zu leiden, dazu fehlte ihm leider der Aufschwung. Er begnügte sich, seinerseits das zu sein und auch zu scheinen, was er war. Er liess sich die Minerva nicht von seinem Ofen wegnehmen, bis des Winters, wenn geheizt wurde. Dass es darüber Anfeindungen gab, verstand sich bei der zunehmenden Liebe zur Dunkelheit und Angeberei von selbst. Einstweilen versöhnte er die Gegner durch sein edles Herz. Seine Wohltätigkeit war grenzenlos und wenn man an seiner Rechtgläubigkeit zweifelte, konnte er sagen: Ich erzog euch ja einen Heiligen und wer weiss ob nicht ausserdem noch einen St.-Georg, wenigstens einen vorm Appell- und Cassationsgerichtshofe! Er meinte Bonaventura und Benno, die er beide hatte ausbilden lassen und wie seine Söhne liebte.

Diese Aeusserung hatte der Dechant auch noch heute wiederholt getan, als er bei seinem immer gewählten, heute sogar festlich gewesenen Tische mitten unter Donner, Blitz und Regen mehrere der tonangebenden Geistlichen der Umgegend zu gast hatte. Mit Einschluss der Frau von Gülpen, seiner nunmehr schon fast der "goldenen Hochzeit", wie er oft scherzte, sich nähernden Wirtschaftsführerin, hätte die Tafel beinahe aus dreizehn Personen bestanden. Sein alter Diener, der Sternseherer hiess Joseph Windhack und hatte einst bei einem tüchtigen Lehrer der Astronomie, einem österreichischen Exjesuiten in Wien, seine Carrière im Dienen und im Sternsehen begonnen –, hätte diese Herausforderung der Schicksalsmächte ebenso wenig geduldet wie Frau von Gülpen. Es waren an die immer offene Tafel des Gastfreiesten der Gastfreien heute statt neun elf geistliche Herren gekommen, unter ihnen sogar ein Mönch. Jetzt blieb der Oberst von Hülleshoven, der mürrische Sonderling, aus. Nun half nichts, Frau von Gülpen musste die zwölf Herren allein lassen und sich von der Tafel ganz zurückziehen, wodurch sie insofern einen Vorteil gewann, als sie desto umsichtiger erstens die Ordnung der verschiedenen Gänge dirigiren und zweitens die gerade zwischen einem pikanten Hors d'oeuvre und dem Rindfleisch ankommende Lucinde empfangen konnte.

Auf eine kurze Vorbereitung und erst einleitende Anweisung für ihre Stellung war Lucinde gleich in dem oben citirten Briefchen angewiesen gewesen. Dass diese so kurz ausfallen würde, hätte vielleicht Petronella von Gülpen selbst nicht geglaubt; denn Lucinde war über die Aehnlichkeit der Gesellschafterin des Dechanten mit ihrer alten verschollenen "Frau Hauptmännin" sogleich wie sprachlos geworden, hatte allem zugestimmt und sich nur erst auf ihrem Zimmer zu sammeln gesucht ...

Das Diner war vorüber. Der Dechant erschöpft von Tischgesprächen, wie er sie nicht liebte. Hatten diese Collegen sich heute nicht gerüstet zu der Conferenz, die Nachmittags beim Stadtpfarrer stattfinden sollte, als gält' es einen Wettkampf mit den Kriegsmanövern! Es waren nicht einmal die Zeloten, die der Dechant bei sich sah, aber alle standen unter dem Druck der Eiferer ... und der Mönch, ein Franciscaner, den einer der Herren mitgebracht hatte, war einer der berühmtesten unter den Drängern und Stürmern und ein geistvoller Mann dazu. Wie griff das alles den Dechanten an, ihn, der die Gewohnheit des alten Exjesuitenschülers, seines einst aus Wien mitgebrachten Dieners, Joseph Windhack, Abends auf einer Plateforme des Schlösschens sich um den Lauf und die Stellung der Gestirne zu bekümmern, so gern zum Anlass nahm, von ihnen beiden zu sagen, dass sie ja überhaupt mehr im Sirius lebten als auf dieser kleinen Erde, dieser Tellus, die nicht einmal ein eigenes Licht hätte, sondern das ihrige von der Sonne und dem armseligen mond borgen müsste, ja dass die Sonne wieder ein Fixstern untergeordneten Ranges wäre und mit dem Sirius in gar keine Vergleichung kommen könnte, welcher Sirius wiederum seinerseits ... Weiter ging er wenigstens in seinen Ketzereien heute an der Tafel nicht, wo das Gespräch auf den Sirius gekommen war und den Mönch veranlasst hatte, über die Kassiopeia und die Farbe der Sterne überhaupt zu sprechen, worüber sich Windhack beinahe vergessen und beim Serviren ins Gespräch gemischt hätte.

Bis zur Conferenz beim Stadtpfarrer, wo der Dechant nicht fehlen durfte, hatte es noch einige Zeit ... Nach dem Diner waren die Gäste entlassen worden, weil sie den Kaffee beim Stadtpfarrer nehmen sollten. Der Dechant hatte ein wenig in seinem