gar zu oft kamen oder zu umständlich sich ausplauderten oder die in ihrer "Sündhaftigkeit sich so ausserordentlich wichtig machten", hierher an diese stille Stätte ... In neuerer Zeit freilich kamen wenige. Die Dechanei stand nie im Geruch der Heiligkeit, jetzt vollends nicht, seitdem Beda Hunnius, Bonaventura's damaliger Mitgeweihter, nach mancherlei anderweitiger Verpflanzung in Kocher Stadtpfarrer geworden war und überhaupt in vielen Kirchen rings in der Provinz täglich die Posaune Zions mächtiglicher geblasen wurde, als "zu seiner Zeit" hier Sitte war. Manche jetzt predigten doch, als wollten sie die Trommeln übertönen, die da eben jetzt auf dem Marktplatz drinnen zu Kocher am Fall gerührt wurden zum Appell des 35. Landwehrregiments. Sie lärmten, als sollt' es an eine neue Bartolomäusnacht gehen, an ein Pour l'amour de dieu mit geschwungenem Schwerte, falls nur der Herr Kirchenfürst im Kampf mit der Regierung, mit der Philosophie und den gemischten Ehen die Parole dazu geben wollte ... Der gute Onkel Bonaventura's und Benno's von Asselyn nahm die Sache der Religion von einer milden Seite. Auch hier an seinem Lindenbaum Pflegte er jedesmal schnell mit dem selbstgeschilderten tiefen Verderben seiner Beichtkinder fertig zu werden, zog dann gern sein goldnes Döschen, ging auf Krieg und Frieden in der Türkei, auf Kunst, natur, Menschenleben in Rom, Griechenland und Kocher am Fall über und endete gewöhnlich mit den besten Zusprüchen zum Entschluss, auf Gottes Gnade zu vertrauen, und mit den zuversichtlichsten Hoffnungen auf das nach Leibniz ja prästabilirte Glück und die Heiterkeit des ganzen Universums.
Dabei entbehrt jedoch der Greis, der, zurückgelehnt in einen bequemen saffianenen Voltaire, ein violettes Sammtkäppchen auf dem mit weissen Löckchen umwallten haupt trägt, keineswegs einer gewissen Schärfe. Etwas Schlaues sogar, wenigstens Markirtes, fehlte dem Dechanten keineswegs. Seine Nase war lang und habichtartig, das Auge dunkel und sogar listig. Und stochert er sich eben die wenigen Zähne, die ihm noch geblieben sind, so ist es mit jener feinen Miene, die mehr einem Diplomaten hätte angehören können, allerdings einem Diplomaten aus der alten Schule, jener, die noch am Wiener Congress um ein Bonmot vom Fürsten de Ligne sich ebenso exaltiren konnte, wie unsere jetzige Diplomatie sich nur um eine neuconstruirte Jagdflinte exaltirt. Auch des Dechanten Kinn war ausdrucksvoll schön geschweift und länglich, die ganze Erscheinung, auch in den weissen wohlgepflegten Händen, entschieden vornehm und aristokratisch; ja, statt des kleinen weissen Streifens unter der schwarzen Halsbinde hätte ebenso gut ein blaues oder rotes Band irgendeines Comturkreuzes hervorschimmern können. An den schöngeformten Schläfen, an der Stirn und dem Scheitel konnte man Geist und Phantasie erkennen. Nur ein etwas zu weicher, ja schlaffer Zug am mund verriet Bequemlichkeitsliebe, ein bekanntes Erbübel alter Garçons, vornehmlich derer von der langen Robe.
Seiner geistigen Richtung nach gehörte Franz von Asselyn zu den wenigen noch Ueberlebenden aus der Zeit Wessenberg's, der sich damals, als das gesammte Vaterland für alle seine Lebensbezüge eine Vereinigung träumte und sich diese ehrlich verdient hatte durch die Jahre der Napoleonischen Knechtschaft, verdient durch den Aufschwung der Befreiungsjahre, auch für die katolische Kirche "Reformen" möglich gedacht hatte. In jener Zeit hätte Franz von Asselyn rasch emporsteigen können zu einem Bistum; er hätte jetzt Erzbischof sein können; denn waren auch die drei Brüder von Asselyn, Franz, Friedrich und Max, an Gütern nicht gesegnet, hatte jener den Priesterstand, Friedrich die Beamtencarrière und Max die Bewirtschaftung der wenigen und nach seinem frühen tod ganz veräusserten Besitztümer der Familie gewählt und traten sie dabei ohne andere Ausstattung als die ihres Herzens und ihrer Bildung in die Welt, so fehlte es doch an Verbindungen nicht. Franz liess sich, nach einer lebhaften Anteilnahme an der "westfälischen" Zeit und einem damals häufigen Einspruch auch auf Schloss Neuhof, wo er in der Tat Frau von Gülpen kennen gelernt hatte, in der Friedenszeit eine gute Pfründe genügen, das Dechanat zu St.-Zeno. Obgleich in einer wenig freundlichen Gegend gelegen, war sie doch die einträglichste und reichstdotirte auf fünfzig Meilen im Umkreise. Man würde sie, wie alle diese Stifter, wenn nicht nach dem Wiener Congress säcularisirt, doch in ihren Einkünften beschnitten haben, wenn nicht von alten Tagen her die deutschen Kaiser auf die alte Katedrale ein Patronatsrecht gehabt hätten, das infolge eines damals von Franz von Asselyn entwickelten ausserordentlichen Eifers auf das Haus Oesterreich übertragen wurde. So erhielt sich die Dechanei zu Kocher am Fall in ihren alten Einkünften, während die Amtsverpflichtungen sich nur auf den Kirchendienst beschränkten; denn zum wirklichen, der Bureaukratie verantwortlichen Dechanten machte man später den Stadtpfarrer eines benachbarten Ortes, nachdem eine kurze Zeit hindurch Franz von Asselyn die wirkliche Superintendentur verwaltet und über Geburten, Hochzeiten, Sterbefälle, Disciplinarvergehen, Kirchenbauten und Reparaturen, Verbrauch von Wein, Brot, Oel, Wachs u.s.w. an die Regierung seine Berichte gemacht hatte. Es war freilich nur ein kurzer hitziger Anlauf gewesen. Franz von Asselyn war seiner Unfähigkeit zu solchen Relationen schon damals inne geworden, als ihn der kurze, befehlende Ton der Regierungsbescheide verletzte. sowohl sein "freiherrlicher" Sinn wie der dem Priester mit der ersten Weihe eingepflanzte Stolz, der bei manchem bekanntlich in Hochmut übergehen kann, konnte sich in diese Erlasse, in die Form dieser fragen und Antworten nicht finden. Als er im Unmut über den officiellen Regierungsstil einmal fast gegen ein Viertelhundert Briefe im Zeitraum von zwei Monaten gar nicht geöffnet hatte und ihm doch über die Dinge