1858_Gutzkow_031_131.txt

man Soldaten, Bauern, Viehtreiber, Hausirer, Geistliche, alles was der Regen nur hereinfegte. Lucinde hörte bald, dass der Vorfall mit dem grab in St.-Wolfgang schon allgemein bekannt geworden war ... Major Schulzendorf erörterte ihn draussen mit den eben Angekommenen und dem Landwehroffizier, dem Begleiter Tiebold's ... Hedemann war inzwischen verschwunden. Ohne Zweifel suchte er die nicht sichtbaren Italiener auf. Dass sie zugegen waren, sah Lucinde an ihrem ausgespannten Wagen vorm haus.

Angegriffen von der Fahrt, erregt von allen neuen Mitteilungen und Eindrücken, fast erstickend von der Schwüle des kleinen Saales und betäubt von den lärmenden Stimmen der vielen Menschen, stand sie am Fenster. Die Blitze warfen über die ganze Ebene hin ein magisches Licht. Seltsam glänzte und strahlte das graue Gestein der vulkanisch zerrissenen Gegend.

Ihre Begleiter kamen nicht in den Saal und sie selbst mochte sie nicht aufsuchen. Sie erfuhr, dass es bis Kocher nur noch eine halbe Stunde zu fahren war.

Schon nach kurzer Zeit hatte im Regen der Kutscher den Wagen draussen ganz geschlossen, wie sie am Fenster stehend beobachtete. Die Pferde wurden nicht ausgespannt und Lucinde konnte annehmen, dass ihre Begleiter sofort weiter zu fahren wünschten.

Doch kamen sie lange nicht zurück ...

Sie wartete und wartete ...

Es verging fast eine halbe Stunde.

Endlich liessen sich draussen schon die Italiener sehen.

Auch der Regen hörte auf. Die Wolken teilten sich. Die Italiener schienen an ihre Weiterreise zu denken.

Lucinde trat jetzt aus dem saal hinaus, wo sie so lange am Fenster sinnend und träumend gestanden hatte.

Sie suchte nach ihren Reisegefährten, die sie so auffallend vernachlässigten ...

Eben war sie im Begriff, den Alten, Napoleone Biancchi, zu grüssen, als sie, unter dem Torwege stehend, nach dem hof und Garten zu einen lauten Wortwechsel und plötzlich aufs allerheftigste eine stimme: Hedemann! rufen hörte.

Sie wandte sich. Mehrere andere folgten ihrem Beispiel. Einige der Hausirer sprangen hinzu nach der Gegend hin, wo der Ruf hergekommen war.

Das war ja Benno's stimme! sagte sich Lucinde.

Wie sie dem Beispiel der andern folgend sich wandte, um dem hof zuzueilen, kreuzte ihre Schritte, wie auf der Flucht, leichenblass und mit furchtentstellten Zügen, Porzia ... Ihr jüngerer Bruder Catone lief hinter ihr her und trug ihren Hut, der ihr entfallen gewesen schien.

Trug diese Begegnung schon den Charakter eines Momentsdenn ebenso schnell war Porzia verschwunden und auf dem Wagen bei ihrem staunenden Vater und ihrem ältern Bruder, der schon die Peitsche in der Hand hielt –, so war der Anblick, der sich allen nun schnell herbeigekommenen Beobachtern im hof darbot, wie die plötzliche Versteinerung der lebendigsten Scene.

Der Hof und Garten gingen in Eins ... Unter der Kegelbahn schienen die Italiener ein einfaches Mahl gehalten zu haben ... Auch vom haus aus konnte man in die Kegelbahn eintreten, wo man einen gedeckten Tisch sah ... Hedemann, Benno, Tiebold de Jonge und der Landwehroffizier bildeten eine charakteristische Gruppe ... Hedemann's breitkrämpiger Sommerhut lag auf dem nassen Boden im Garten draussen, er selbst stand wie wutschnaubend und wie zum Angriff ... Benno vor ihm, ohne ihn zu berühren, doch in der Geberde, die den gewaltigen Ruf: Hedemann! begleitet haben musste ... Tiebold de Jonge stand schützend vor dem Offizier, dem seinerseits die Mütze gleichfalls entfallen war und ein plötzlicher Schreck alle Farbe geraubt hatte ...

Wie die Menschen neugierig herzugelaufen kamen, riss Benno den in jeder Ader zu einem Angriff gerüsteten Hedemann in den hintern Garten. Er folgte gelassen jetzt wie ein Kind und willenlos und nur noch das eine Wort kam allen hörbar von seinen bebenden Lippen:

HerrvonEnckefuss!

Jede Silbe war betont ... in jeder Schwingung der wenigen Worte lag die Andeutung, als wollte er sagen: Wir beide kennen uns doch wohl?

Ein Aufentalt in der Beurteilung und Vermutung über alles das war nicht möglich, denn Tiebold de Jonge trällerte soeben laut eine Arie und zog den Lieutenant, wie wenn nichts vorgefallen wäre, gleichsam tänzelnd fort. Er führte den Erschrockenen, der seine Mütze aufhob, auf einem andern Wege gleichfalls in die grünen Gebüsche hinaus ...

Bald kam Benno, der Lucindens ansichtig geworden war, aus einem, wie man sah, mit den lebhaftesten Demonstrationen geführten Gespräch mit Hedemann nach vorn und sagte zu Lucinden:

Bestes fräulein! Sie werden guttun, lieber allein vorauszufahren! In der Dechanei kommen Sie gerade noch zu einem Mahle an, das heute zu Ehren der fremden Geistlichen stattfindet! Eilen Sie! Sie finden den Onkel und die Tante dann im besten Humor! Wir andernwir bleiben noch eine Weile zurückgelegenheit, sehen Sie, gibt es genug nach Kocher am Fall und mein Absteigequartier ist ohnehin nicht in der Dechanei, sondern seitwärts in einem kleinen Weinberge, den der Oberst bewohnt!

Aber Hedemann? ... fragte Lucinde forschend und um so teilnehmender, da sie der Name "von Enkkefuss" an die alten düstern Begegnungen ihres Lebens, an den Rittmeister, den "schönen Enckefuss", erinnerte ...

Fährt mit uns oder geht nach dem Regen lieber zu Fuss ... Sehen Sie nur, dieser Tonboden saugt eine Ueberschwemmung ein, so durstig ist er! Adieu, fräulein! heute Abend oder morgen in der Dechanei! Viel