nach erstem Bekämpfen des Schwindels sich wieder zurückgelehnt und nur mit dem kopf genickt, als könnte schon der Schall der Worte die Kraft haben, die schmalen Steine, auf denen sie sich hielten, loszubröckeln. Mit Lebensgefahr wäre man emporgeklommen und nun hätte der Oberst berichtet, dass ein junger Mann dicht am rand des tosenden Sturzes anscheinend tot läge. Er wäre dann gerettet worden ...
Was? Wie? fuhr Benno auf. Wer erzählt so!
Zerschmettert vom Niedersturz, fuhr er mit patetischer stimme fort; zerschmettert vom Niedersturz konnte der Verunglückte nicht gewesen sein, denn der Fall war dicht an der Felswand entlang; ein Beweis, dass der Gefallene anfangs die Besinnung behalten hatte und an der Felswand niedergeglitten war. Unten aber konnte die Erschöpfung, ja schon der Luftdruck des niederstürzenden Flusses, der bereits an dem kleinen Pavillon zu Lauffen beim Rheinfall den Atem benehmen kann, ihn vielleicht nicht mehr zur Besinnung kommen lassen –
Sie mussten wohl, fragte Lucinde zu Hedemann, wie zu einer autentischem Quelle hinauf, nach jener Colonie, wo die Holzschläger wohnten?
Sehr richtig, mein fräulein! sagte Benno. Eine halbe Meile, und des beschwerlichsten Weges! Es vergingen drei Stunden, bis man an der einzigen Stelle, wo die Rettung möglich war, mit Stricken, Leitern und Stangen ankam. Der Schrecken war nicht gering in der Colonie. Der junge respectable Herr Tiebold de Jonge hatte diesen Spaziergang auf eigene Hand gemacht, während zwei Commis, ein Diener und einer der besten Holzmesser des Geschäfts, der die jungen Leute auf dieser Gewinn versprechenden Unternehmung begleitet hatte, in der Niederlassung zum Studium canadischen Gin-Punsches zurückgeblieben waren. Die Verzweiflung derselben verdreifachte die Anstrengungen, die man zur Rettung machte, und doch würde sie nicht gelungen sein, wenn das schwierige Anbringen der Leitern, der Stricke und Stangen nicht von den beiden tapfern Soldaten geleitet worden wäre. Der Oberst war der erste unten. Der Verunglückte lebte noch. Er war allmählich von einer Betäubung erwacht, um mit Schaudern zu gedenken, dass er, wenn ihn niemand hier aufsuchte, des elendesten Todes hätte sterben müssen. Eine Stunde verging in dieser grauenvollen Vorstellung. Sein Rufen verhallte im Wassersturze. Endlich kam Rettung. Sie war schwierig, aber sie gelang, wie Sie heute noch an meinem Freund de Jonge sehen werden. Sie gelang auf folgende Art. Erstens...
Genug! Genug! sagte Lucinde und wandte sich an Hedemann: Das gab gewiss eine glückliche Scene!
Des Dankes? Der Rührung? Im Gegenteil! antwortete patetisch für diesen Benno. Unsere zwei Söhne der Moorheide entüllten nur oberflächlich ihr Incognito, nahmen vor zwei Jahren den gleichgültigsten Abschied von ihrem ewigen Schuldner, nicht einmal einen schönen Gruss bestellten sie durch ihn nach Borkenhagen oder Westerhof oder Kocher am Fall. In Quebec erfuhr der Gerettete die Namen des deutschen Obersten und seines nicht im activen Dienste stehenden gefährten; er wollte ihre Rückkehr in Garnison abwarten, aber sein Schiff war "klar", er reiste ab mit Hinterlassung einer Menge von Danksagungen und Geschenken. Erst hier in Europa sahen sie sich zufällig in der Residenz des Kirchenfürsten wieder. Heute in Kocher am Fall bei diesem Wolkenbruch werden sie sich an die Strudel des St.-Moritzflusses zurückversetzt fühlen!
In der Tat brach jetzt das Wetter auch über die Reisenden mit furchtbarer Gewalt aus.
Man bot Hedemann an, dass auch das Vorderverdeck aufgeschlagen würde und er schleunigst hereinkäme.
Hedemann öffnete aber nur den Soldatenmantel Benno's und lehnte einen Aufentalt um so mehr ab, als ein in der Nähe liegendes Wirtshaus bei schnellem Zufahren sofort erreicht sein konnte. Dort wollte man Rast halten und den Wagen vollends verschliessen.
Das Wirtshaus lag an einem Kreuzpunkte mehrerer Landstrassen.
Immer grösser wurde die Zahl der sich eilenden soldatischen Kameraden, die in Blusen und Kitteln gegen Kocher zogen. Manche Bekanntschaft gab es in der jähen Flucht der sich Bergenden mit winkender Hand zu grüssen. Auch der Major der Gensdarmen, unter dem Grützmacher stand, wurde auf einem Gaule dahinjagend ersichtlich... Von der nördlichen Strasse kam ein geschmackvolles Reisecoupé herangesprengt... Zwei Uniformen sassen darin, die aus dem Wagen sich vorbeugten, eine, die einem Offizier, eine andere, die, wie Benno, einem Gemeinen angehörte....
Letzterer sprang in dem Gedräng an dem wirtshaus noch vor dem Offizier heraus.... Und wie fast zu gleicher Zeit auch das Gefährt aus St.-Wolfgang anhielt und der Soldat den im triefenden Mantel sitzenden Hedemann erkannt hatte, kam er zu diesem herangesprungen, ihm die Hand zu schütteln und ihn fast zu umarmen. Jetzt hielt ein Diener in Livree einen Regenschirm über dem Soldaten – ein wunderlicher Contrast zu seiner Jacke als Gemeiner. In dem Durcheinander des Erkennens, dessen Reihe nun auch an Benno kam, des Verfahrens, der Begrüssungen da und dort, des aus dem herabgelassenen Schlage Hinausspringens und unter das schützende niedere Dach Eilens auch von Seiten Lucindens war ihr vernehmbar und ersichtlich geworden, dass der neue Ankömmling Herr Tiebold de Jonge war.
So eilig sie in die dumpfe, von Menschen überfüllte Wirtsstube lief, sah sie doch, dass der am Wasserfall von St.-Moritz Gerettete eine schlanke Gestalt von lebhafter Beweglichkeit und dreisten und gefälligen Formen war. Er trug helle Glacéhandschuhe, Firnissstiefel, eine Piquéweste unter der nur am obern Knopf geschlossenen Uniform vom feinsten Tuche und eine carrirte Reisemütze, wie sie mehr einem reisenden Engländer als einem Landwehrmann angehören konnte.
In der Wirtsstube sah