, der ja so lange unten, wie zufällig, bei einer glänzenden Carrosse, die am haus stand, warten konnte ...
Da das ganze Haus nur allein von dem Kaufmann bewohnt wurde und oft der Verkehr in den obern Räumen mit dem Magazin, das zwei Stockwerke einnahm, der lebhafteste war, so konnte es Lucinden nicht wunder nehmen, den Eingang der wohnung offen zu finden. Auch stand auf der Treppe ein Bedienter in Livree, der auf seine herrschaft zu warten schien und nicht unmöglich der unten harrenden Carrosse, die ein Wappenschild schmückte, angehörte.
Aber noch mehr Türen standen offen, und augenscheinlich herrschte in der wohnung die grösste Verwirrung, wie sie wohl nach aufregenden Entdeckungen stattzufinden pflegt.
In dem hintern Zimmer glaubte Lucinde einen Wortwechsel zu hören. Niemand war zugegen, ausser einigen Kindern des Kaufmanns, die sorglos umherrannten. Ist der Vater da? fragte Lucinde. In seinem Bureau! hiess es. Die Bedienung schien ausgeschickt zu sein; auch die Mutter war nicht anwesend.
Lucinde kommt näher; die Teppiche dämpfen ihren Tritt, und schon übersieht sie im Geist, was drinnen vor sich geht. Sie zieht die Türen hinter sich zu und steht unentschlossen, ob sie klopfen soll oder nicht ...
Nein! ruft der Kaufmann. Sie wieder, Frau Baronin! Sie sind es jetzt fünfmal gewesen! Ich schwöre Ihnen, dass ich keine Rücksicht mehr kenne! Eine Dame Ihres Standes! Schämen Sie sich! Aber ich schone Sie nicht mehr, mögen Sie auf ewig gebrandmarkt sein! Nicht fünf Minuten noch, so werden Sie vor dem Richter stehen! Einen Kaufmann systematisch zu bestehlen, wie Sie es jetzt schon seit Jahren tun! Pfui der Schande!
Inzwischen hört man eine weibliche stimme Beschwörungen und Beteuerungen ausrufen, die von Tränen erstickt werden ...
Lassen Sie! Ich habe kein Mitleid mehr! ruft der Kaufmann. Seit Monaten beobachte ich Sie! Seit Monaten bemerk' ich, dass jedesmal nach Ihrem Besuch im Magazin ein Packet Spitzen, eine Lage gestickter Taschentücher oder Seidenzeuge oder Foulards fehlen. Ich habe die Discretion gehabt, den Verdacht meiner Leute von Ihnen abzuwenden! Nur allein ich habe mit Ihnen verkehren wollen, so oft Sie das Magazin betraten! Heute endlich sehe' ich die rasche Handbewegung, als Sie eben einen Ihrer maskirten Käufe abschliessen! Ich folge Ihnen, Sie verlassen den Laden, ich begleite Sie und am Wagen entdeck' ich, was Sie inzwischen unter Ihrem Mantel verbargen! Pfui der Schände! Aber ich kenne keine Schonung mehr!
Lucinde hörte, dass der ungeduldige Kaufmann sich näherte, um zu sehen, ob nicht endlich der requirirte Stadtamtmann kam. Jetzt aber auch vernahm sie plötzlich ein heftiges Fallen und die herzzerreissende Klage einer Schluchzenden:
Auf meinen Knieen beschwör' ich Sie, Herr Gutmann! Ich werde alles erstatten! Machen Sie mich nicht unglücklich!
Es währte der Auftritt noch eine Weile fort, bis sich die Vorwürfe und Drohungen milderten, das laute Schluchzen der Dame sich legte, zuletzt alles still wurde ... Es wurde sogar so still, so unheimlich still, dass es Lucinden vor Schreck kalt überrieselte. Sie konnte nicht ganz den Vorgängen mehr folgen und dachte sich irgendeine Gewalttat. Leise, atemlos, unsicher auftretend zieht sie sich an die Tür, klinkt sie wieder leise auf und schleicht sich durch die Zimmer nach vorn auf den Vorplatz zurück, wo der galonirte Bediente wartet.
Eine so anziehende Erscheinung wie Lucinde brauchte hier nicht zweimal zu fragen, um den Namen seiner herrschaft zu erfahren. Der Diener nannte eine der ersten Damen der Stadt.
Nicht lange dann währte es, so kam der Kaufmann mit der herrschaft des Bedienten aus seinem Bureau zurück. Es war eine schlanke, magere, noch junge Dame, die Lucinde schon oft im Teater gesehen hatte, eine Frau, noch von Jugendreiz und Anmut überstrahlt. Sie lächelte verlegen ... Auch der Kaufmann lächelte ... Sie schienen etwas verabredet zu haben, etwas besprochen, was vielleicht nicht ganz erledigt war. Die Dame zögert ... Der Kaufmann beruhigt sie mit einem süssen Bitte! Bitte! ... Dann steigt die Dame die Stufen nieder. Lucinde wird jetzt kurz und barsch befragt, was sie wolle? Der Kaufmann kennt sie doch sonst, sah sie oft, war immer sehr artig gegen sie ... in diesem Augenblicke ist er wie abwesend.
Als Lucinde in stotternder Unsicherheit die Meldung macht, dass der Stadtamtmann nicht zugegen gewesen wäre, dass sie aber vom amt jemand mitgebracht hätte, der unten warte, entschuldigte sich Herr Gutmann mit sich findender Artigkeit wegen "vergeblicher Bemühung". Mit einem auszurichtenden Grusse an ihre herrschaft und dem Auftrag, einen stattgehabten "Irrtum" anzudeuten, steigt Lucinde die Treppe nieder. Unten rollt eben die prächtige Carrosse ab. Den mitgebrachten Gensdarmen muss Lucinde gehen heissen.
Diese Scene veranlasste in ihr Aufregungen, die sie kaum beherrschen konnte. So hatte ihr noch nie das Herz geschlagen, so war ihr noch nie das Blut durch die Adern gerollt!
Sie verschloss das Erlebte in sich. Nicht Schonung oder vielleicht eine angeborene Discretion war es, was sie zu dieser Verschwiegenheit bestimmte. Entweder fürchtete sie, zu verraten, dass sie schon trotz ihrer Jugend eine solche Scene verstanden hatte, oder man darf glauben, dass sie einen Genuss darin fand, ein so wunderbares Erlebniss ganz allein für sich zu besitzen, ganz allein für sich zu geniessen und überhaupt Dinge zu kennen,