1858_Gutzkow_031_127.txt

Würdenträger, ja der Kirchenfürst der Provinz selbst eiferte ihm nach.

In einem Dörfchen wurde gefüttert.

Als man gegen zehn Uhr weiter fuhr, fiel es auf, dass die Reisewagen mit höhern Geistlichen sich mehrten ...

Benno erinnerte wiederholt daran, dass in Kocher eine geheime Verabredung sollte getroffen werden, der selbst Dominicus Nück, sein Principal, nicht fremd war.

Er meinte jenes Rütli, auf dem Bonaventura als Tell fehlen durfte, ob Lucinde gleich, zur Mehrung ihrer Erregung, allmählich vernommen hatte, dass der Pfarrer vielleicht doch noch diesen Abend gleichfalls in der Dechanei eintreffen und so sich schon sobald ihr seliges Hoffen erfüllen könnte, wie oftwie oft Ihm nahe zu sein! ...

Mit dem Steigen der Sonne wurde es schwüler und schwüler. Gegen elf Uhr kündigte sich ein Gewitter an. In der Gegend von Kocher her lagerten sich schon dunkle, tief graublaue Wolken ...

Benno fing allmählich an in seiner schroffen Beurteilung Lucindens nachzulassen. Einzelne ihrer Redewendungen, das Mitleid mit den Italienern, die vor einigen Stunden fast mit Rührung gesprochenen Goete'schen Verse hoben ihm immermehr ihre Erscheinung. Da sie die schwüle Luft bestimmte, den Schleier zurückzulegen, so musterte er mit geringerer Abneigung auch ihren heute fast vornehm sich gebenden äussern Eindruck. Lässig und wie hingegossen lag sie in der Ecke des Wagens. Der schottische Mantel war ihr von den Schultern geglitten und so krampfhaft auch der jetzt eingeschlagene kleine Sonnenschirm von ihr auf die grauen Zeugstiefelchen, die den kleinen Fuss bedeckten, gestemmt wurde, der Eindruck war der der Ruhe und fast einer höhern Ergebung. Gestern hatte sie von der Anstrengung und Ermüdung der Reise älter ausgesehen als sie war. Heute gab ihr eine geringere Röte des Antlitzes, ja ein wachsbleicher Teint etwas Vergeistigtes. Die langen schwarzen Wimpern bedeckten die unruhigen Augen. Die Atemzüge wurden ersichtlich aus der hoch sich hebenden Brust. Es war wie ein Hauch über ihr ganzes Wesen gekommen, der ihre Formen anschwellen und sie in plastischerer Vollkommenheit erscheinen liess.

Benno spielte mit seiner Cigarre den Gleichgültigen und war es schon lange nicht mehr. Er sah hierhin und dortin und gab sich, wie absichtlich, den Schein der Gewöhnlichkeit und prosaischsten Nüchternheit; dennoch hielt er bei alledem den Gedanken fest: Wenn sie sich nur nicht rührt! Wenn sie nur in dieser Stellung verharrt, die Augen, die kalten, nicht aufschlägt, nicht redet, ganz so bleibt, wie sie dasitzt, fast liegt, träumerisch, ohne Berechnung, ohne Koketterie und Bewusstsein von ihrem sich mehrenden Reize!

Lucinde merkte aber schon das Interesse, das sie einflösste. Leise blitzte unter den Wimpern ihr Auge. Fast seitwärts schielend sah sie auf. Die Magie des Eindrucks war zerstört.

Woran dachten Sie eben, fräulein? fragte Benno erschreckend vor einem so immer in Tätigkeit verbleibenden verstand.

Lucinde blieb in ihrer hingegossenen Stellung, rückte und rührte sich nicht, senkte die Augen und sagte:

Ich sehe Bilder vor mir, die mir Mignon und der Harfner weckten ... katolische Bilder ...

Malen Sie sie aus!

Benno blies den Dampf seiner Cigarre fort.

Ich sehe ein Schloss und sehe Menschen ... die ganz wie in Mondschein getaucht sind ... Ein schöner Park umgibt das altmodische Gebäude ... Es hat epheubewachsene Türme und Galerieen ... Kleine Buchsbaum- und Taxushecken ziehen sich unter den Fenstern hin ... Springbrunnen rieseln ... Pfauen schlagen ihre schönen Räder .... Bildsäulen lauschen versteckt aus Jasmin- und Geisblattbüschen ... Dazu ertönt vom Söller die Mandoline ... Ein Pilger schlägt sie ... Auf der Altane werden von einer Dame Lieder gesungen aus einem alten Pergamentbuch ... ein Mönch, der Liebling und Erzieher des Hauses, steht hinter ihr und schlägt die Noten um ... Und wenn dann fernher die Glocken klingen oder ein Jäger im wald ein Ritornell verhallen lässt, geht alles zur Ruhe ... Nun steigen die lieben Englein nieder ... Die kleinen bausbackigen Jungen schleppen Violinen und grosse Contrabässe herbei ... sie musiciren und das so, dass die Frösche mit jubel einfallen, die Heimchen mitschrillen ... Alles neckt sich ... Blume und Käfer ... bis endlich die Sonne am fernen Horizont mit rosigen Streifen sich ankündigt ... Willkommen o seliger Morgen ... Alles blitzt im Tau ... es läutet zur Messe ... dann Wagengerassel ... es kommen vornehme Abbates und Prälaten ... die Kinder des Hauses spielen mit ihnen nach der Andacht, spielen selbst mit dem Strick des Franciscaners, der am Abend die Noten umschlug, und lassen ihn Pferdchens springen ... dazu summen die Bienen, schwirren die Käfer ... und wenn bei Tisch auch noch soviel Wein aus schönen hochgespitzten bunten Gläsern getrunken wird und braunglänzende Braten hoch aufgetragen werden, wie in den Bildern des Paul Veronese ... es geht doch heilig und weltlich immer in eins ... die Reste des Mahls und Wein, diesen in einer hohen strohumwundenen Flasche, schickt man dem frommen Eremiten Federigo unter den Eichen von Castellungo, der dafür die Kinder mit Bildchen beschenkt, die er in seiner einsamen Hütte malt ... oder sie das schwere, wie Steine rasselnde Deutsch lehrt, wenn es zufällig Kinder eines italienischen Conte sind ... oder ihnen in seinen hohlen Eichen Rendezvous vermittelt, wenn sie grösser werden und verliebt sind ..