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jetzt siebzig sein! Aber ich will nicht gut dafür sagen, dass nicht Frau von Gülpen seine nächste Geburtsoder Namenstagstorte nur mit sechzig kleinen Wachsendchen besteckt!

Lucinden machte der Name "Gülpen" in Verbindung mit einer Geburtstagstorte einen fast märchenhaften und in der Wirklichkeit kaum möglichen Eindruck.

Hat Frau von Gülpen, fragte sie, nicht eine Verwandte, die sich Frau von Buschbeck nennt?

Benno versicherte, diesen Namen nie gehört zu haben.

Hedemann! rief er; hat die Tante eine Verwandte, die sich Frau von Buschbeck nennt?

Lucinde ergänzte: Eine Schwester vielleicht?

Hedemann oben zuckte die Achseln.

Das Jahr 1809, wo ihre ehemalige Peinigerin von ihrer Lebenshöhe gestürzt sein sollte, lag über die Erinnerungen der sie umgebenden Generation hinaus.

Benno drückte am Wagenschlag die Asche seiner Cigarre ab und sagte ironisch:

Wir sind vielleicht an eine zu grosse Anzahl von Verwandten unserer verehrten Frau von Gülpen gewöhnt! ... Ihre Nichten wenigstens ... Nicht wahr, Hedemann, die Nichten der Tante

Erstes Kennzeichen Ihres Onkels, schnitt Lucinde die zweideutige Anspielung auf den Deckmantel für die weibliche Bewohnerschaft einer geistlichen wohnung abErstes Kennzeichen also Eitelkeit!

Eitelkeit? sagte Benno. Vielleicht auf seine weissen hände! Und doch nicht! Diese Selbsttäuschung über den Geburtstag gehört zu des Onkels Philosophie!

Zweites Kennzeichen: Philosophie! Welche Philosophie? Die, welche dem Dr. Laurenz Püttmeier zu Eschede noch immer nicht den Hegel'schen Lehrstuhl und fräulein Angelika Müller einen Mann verschafft hat?

Sie sind unterrichtet! lachte Benno. Nein, keine von unsern Haarrauch-Philosophieen, die die Dogmatik trigonometrisch beweisen wollen und zuletzt doch an einem Breve des Papstes zu grund gehen, wie die da, die seit ein Paar Tagen auf unserer Universität drüben zu leben aufgehört hat! Allerliebst, wie in unsere schöne deutsche Kunst und Wissenschaft hinein ein solches römisches Kapitel sein "Kannichverstan" hineinsprechen und sogleich so in ihr herumwühlen und aufräumen darf, wie hoffentlich jetzt die Bauern von St.-Wolfgang nicht unter den Götterbildern des guten Napoleone aufräumen ... Sehen Sie nichts, Hedemann?

Nichts! ... war die Antwort des zuweilen seine zusammengelegte Hand wie ein Perspectiv gebrauchenden gefährten.

Napoleone erzählte mir, der Dechant liebe die Antike! fuhr Lucinde fort. Ein Sohn Ihrer Heimat und ein Liebhaber der Kunst? ...

Indem rief Hedemann einige Bauern an, die eilends des Weges kamen.

Sie waren aus St.-Wolfgang und sagten aus, dass bei den Italienern nichts gefunden wurde, was auf ihren Anteil an dem nächtlichen Verbrechen hätte schliessen lassen können.

Wie mag man die Armen belästigt haben! sagte Lucinde nach einer Weile und summte, da Benno über die von ihr angedeutete Unvereinbarkeit seiner zweiten Heimat mit dem Schönen in Nachdenken verfiel, vor sich hin die Worte Mignon's:

Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach,

Und Marmorbilder stehen und sehen mich an:

Was hat man dir, du armes Kind, getan!

Für den da oben scheint allerdings Porzia zur Mignon geworden! flüsterte Benno und deutete auf Hedemann, der über die Unschuld der Italiener Zeichen der grössten Genugtuung gab.

Die Gegend gewann inzwischen einen bestimmter ausgeprägten Charakter. Man befand sich auf der Absenkung eines grossen Talbeckens, das viele Meilen weit sich in wellenförmigen Senkungen und Erhöhungen hinzog bis zu den Gebirgen, die Deutschland von Frankreich trennen. Der Naturforscher kennt diese Gegend als eine, die ihre urweltlichen Bildungsformen nicht verleugnet. Graue Basaltkegel stehen oft in der Mitte dieses Hügellandes als Reste vulkanischer Ausbrüche. Einsam ragen die abgestumpften Felsgestalten, von dünnem Zwergholz überwachsen. Oft steigen sie schroff bis zu den schärfsten und dann und wann mit einem Kreuz gezierten Spitzen hinan. Von einem höhern Punkte gesehen ist der Fernblick meilenweit, aber er ist nicht mehr wohltuend durch Saatengrün und lichtelle Waldungen, das Land wird unfruchtbar und wie von Steinen überstreut. Vulkane glühenden inneren der Erde geschleudert haben. Bei einzelnen etwas grünen Stellen, aus denen ein Kirchturm hervorragt, kann man immer annehmen, dass sich dort das stete unterirdische Sieden und Kochen auch an einer wohltätigen Quelle verkündigt, deren wasser an Ort und Stelle zum Baden dient, erkaltet in Krügen weiter ins Land geführt wird. Kleine Seen finden sich viele; desto weniger Bäche. Der einzige grössere ist jener "Fall", an welchem Kocher liegt, eine von jenen uralten, schon in die Römerzeit zurückreichenden Städten der sagen- und erinnerungsreichen Gegend.

Hatte man weniger den zuletzt vom Hundsrück und den Ardennen begrenzten düstern Höhenblick, so fehlte es abwärts in den Kesseltälern nicht an Abwechselung. Die kultur hatte dem steinigen Boden abgerungen, was diese nur an Fruchtbarkeit, wenn auch nur für Gerste und Hafer, irgend hergeben wollte. Und belebt war bei alledem die Gegend doch. Selbst auf der Landstrasse begegnete man, ausser Landbewohnern, Soldaten, die wie Benno sich beim Stabe einstellen mussten, manchem Geistlichen zu Fuss, manchem im Wagen; des Verbeugens vor Heiligenbildern und vor offenen Kirchtüren wurde fast kein Ende und selbst vor einer Procession musste der Wagen halten. Jetzt nach der Ernte begannen die Wallfahrten zu manchem wundertätigen Gottes- oder Heiligenbilde. Auch war man ziemlich nahe schon jener hochbegnadeten Stadt, die den heiligen Rock des Herrn selbst besitzen will und allerdings die ältesten Märtyrer und Heiligen aufzuweisen hat, ja die den heiligen Atanasius einst beherbergte, als er aus Aegypten vor den Arianern floh. Die Zeit war herangekommen, wo gerade des Atanasius' Andenken lebhaft erneuert werden sollte; mancher hohe