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Gedankenverbindung um so mehr Trübsinn in dem reinen und kindlichen Gemüte Bonaventura's wecken musste, als sich dieser seit einiger Zeit die Meinung gebildet hatte, sein Vater lebe noch. Bonaventura hatte sich diese Meinung mit um so ängstlicherer Ungeduld gebildet, als er sogar voraussetzte, der Vater wäre freiwillig aus der Reihe der Lebenden geschieden, nur um seiner Mutter möglich zu machen, seinen jetzigen Stiefvater, Herrn von Wittekind-Neuhof zu heiraten. Wenn er dann gedachte, dass die Kirche die Ehe, auch die unglücklichste, auch die seit Jahren auf einer gegenseitigen Unfähigkeit, die Leidenschaften zu unterdrücken, beruhende und unmöglich gewordene in keiner Weise freigäbe und löste, so hatte schon Bonaventura geglaubt, sein Vater hätte sich den Schein des Todes gegeben, nur um zwei Menschen glücklich zu machen, die auf eigentümliche Art und, wie er aus den Erzählungen der alten Renate sich entnehmen zu müssen glaubte, keine mehr zu vermeidende Weise in die engste Beziehung gekommen waren. Sieben Jahre waren seitdem vergangen. Jetzt erst kamen ihm diese Zweifel, jetzt in verstärkterer Gewalt. Benno kannte sie und mochte sie um so weniger wecken, als sie mit den wichtigsten und zartesten Lebensfragen im Gemüt des seinem Berufe so begeistert hingegebenen Priesters zusammenhingen und schon oft Gegenstand von Differenzen zwischen ihnen beiden gewesen waren. In der sichern Hoffnung, ihn vielleicht schon am Abend beruhigter in der Dechanei wiederzusehen, nahm er Abschied, setzte sich in den Wagen, mit dem Hedemann auf den Friedhof nachgekommen war, und fuhr, um Lucinden abzuholen, nach dem Stern.

Auch diese war von der Meldung des in der Nacht Vorgefallenen nicht wenig überrascht gewesen.

Sogleich fragte sie nach dem Gensdarmenwachtmeister. Dieser war schon unmittelbar nach dem Lärm, der beim ersten Morgendienst des Messners entstanden war und das Frühläuten zum Sturmläuten gemacht hatte, auf die Landstrasse hinausgesprengt, dem Knechte nach, der sie gestern gefahren hatte. Man behauptete, dass der Knecht die Nacht im Stall geschlafen, lange Licht gehabt hätte und sich eines Spatens aus dem Garten des Wirtshauses bedient haben müsste, den man nicht finden konnte. Die herkulische Kraft, die zu der Ausführung des Frevels gehörte, liess sich ihm zutrauen.

Nun gab das einen Schwung der Spannung und Erregung! Lucinde wusch und erfrischte sich so schnell, als könnte sie einen Auflauf versäumen. Ehe noch die Mägde ihre Oberkleider, Hut und Schleier gelüftet und entstäubt hatten, war sie schon mit dem schnell geordneten kopf aus dem Fenster. Der Zweispänner, eine stattliche Chaise, stand schon vor dem haus, ein Kutscher klatschte, Hedemann und der Freiwillige grüssten.

So zeitig schon? rief sie zum Fenster hinaus und zog ihre stehen gebliebene kleine Taschenuhr auf, stellte sie nach dem glänzenden Zifferblatt des Kirchturms, hing ihr Kreuz um und drängte zur Eile. Nur Milch trank sie, etwas schwarzes Brot ass sie dazu und nach einigen Minuten, obgleich Benno von Asselyn einmal um das andere hinaufrief: Uebereilen Sie sich nicht! stand sie unten am Wagen.

Nachdem sie vor der Haustür ihre Zeche berichtigt hatte, stieg sie an der Hand Benno's ein. Hedemann sass auf dem Bock neben dem Kutscher, der dem Stern angehörte. Für fremde Herrschaften war er ein Postillon, für diejenigen, die unter der Taxe reisten, blieb er in seinen gewöhnlichen Kleidern; heute aber hatte er sein Horn zu sich gesteckt und blies lustig mit hinein in das allgemeine Juchhe. Es kostete das Strafe, hörten es die Gensdarmen. Grützmacher aber und Müller jagten dem Leichenräuber nach.

Nein! rief jetzt Lucinde, an die Erzählung der Vorfälle sogleich anknüpfend. Mein Kutscher wär' es gewesen! Ich glaube' es nicht! Ich wette, der Täter war Herr Grützmacher selbst! Er hat dem Pfarrer zeigen wollen, dass die Polizei nicht an Phantasieen leidet!

So gefällig auch Benno war, ihr den Vorfall in aller Ausführlichkeit mitzuteilen, verschwieg er doch seines Vetters persönliche Aufregung durch die gefundenen Erinnerungen an dessen Vater.

Lucinde warf dem dorf und dem Pfarrhause einen langen hoffnungsvoll seligen Abschiedsblick zu ...

Hedemann schaute unverwandt in die Ferne. Wie wenig er auch glauben konnte, dass die Italiener an dem Frevel beteiligt waren, bekümmerte ihn doch die Belästigung, der die friedlichen Passagiere ausgesetzt sein konnten.

allmählich gab sich auch der Postillon sowohl mit dem Blasen zufrieden, wie mit seinen Mitteilungen über den neu erst im Weissen Ross eingetretenen Knecht, den Vorfall mit der Stallaterne und dem Spaten, der fehlte ...

Lucinde schlug, da der Staub zunahm, ihren Schleier über und forderte Benno auf, seinen Cigarren zuzusprechen. Sie war in ihrem Leben von Jérôme, vom Kronsyndikus, Klingsohrn, Serlo genug "eingeräuchert" worden.

Benno folgte ihrer erlaubnis, indem er sagte:

Mein Onkel, der Dechant, ist galanter! Sie werden bei ihm von Tabackrauch nie belästigt werden!

Wie alt ist der Dechant? fing sie nach einer Weile an.

Ah, ah! erwiderte Benno. Wie alt! fragen Sie das nie in der Dechanei! So alt wie Metusalem ist er nicht, aber so jung auch nicht, wievon der guten Frau von Gülpen, die nun schon dreissig Jahre seine Wirtschaft führt, seine Geburtstage numerirt werden!

Dreissig Jahre? unterbrach Lucinde.

Eher mehr als weniger! erwiderte Benno.

Und zu Hedemann hinaufrufend, fuhr er fort:

Nicht wahr, Hedemann, als Sie vor zehn Jahren nach Amerika gingen, schwankte der Onkel um das Ende der Sechziger herum? Er müsste demzufolge