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jedoch erst mit dem Pfarrer zu Drusenheim in dem der Insel Lindenwert gegenüberliegenden Enneper Tale, dann mit den beiden Englischen fräulein, dann mit Angelika Müller, dann vor allem mit ihren wahren älteren, Tante Benigna und Onkel Levinus, über einen so wichtigen Schritt Rücksprache nehmen müsste. Mit schwärmerisch andachtsvollem Emporblick hatte Armgart hinzugefügt: Auch meine arme Mutter hat Rechte auf meine Liebe und ich glaube nicht, dass meine Bitte für sie zur seligsten Jungfrau unerhört an der Gnadenreichen vorübergeht! ... Ihre Mutter, Monika von Hülleshoven, lebte zu Wien noch vor kurzem in einem Kloster, in das sie sich, aus Unmut, ermüdet vom Kampf mit ihrer Familie, entsagend selbst auf das eigene, aus Strafe ihr geraubte Kind, vor zwölf Jahren zu einer Freundin geflüchtet hatte ... Armgart begleitete bis an die Maximinuskapelle mit dem ganzen Institute den guten Hedemann (der Wunderdinge von den Wilden und den Wäldern und Wasserfällen Canadas, auch bei der Hinreise nicht oft genug eine grosse Rettungstat des Vaters, die einem jungen, im Institut durch Verwandte bekannt genug gewordenen Kaufmann aus der nahe gelegenen handelsreichen Residenz des Kirchenfürsten gegolten, wiederholen konnteauf der Rückreise war er schweigsamer geworden –); dort aber war sie freilich von ihrer löblichen Absicht, ganz und allein nur den fragen nach Vater und Mutter zu leben, abgekommen; denn am Ufer und schon am vielbesungenen Hüneneck sah sie Benno und den noch dazu zum ersten mal in Uniform! Benno war erst als Student dem kind bekannt geworden. Sieben Jahre später wurde er von Westerhof aus gebeten, sich um die nach Lindenwert zu den Englischen fräulein gegebene Armgart in sorgsamer Obhut zu bekümmern; er wohnte dafür nahe genug in der Stadt, wo er bei Dominicus Nück, dem grossen Rechtsgelehrten, arbeitete. Seit sechs Monaten sah er sie fast jeden Sonntag; heute aber zum ersten mal im bunten Rock, der alle Mitpensionärinnen an ihre Brüder und Vettern erinnerte. Da gab es Vergleiche, Erkundigungen, Erinnerungen für diese glückliche junge Welt und so viel wurde nach dem 40., 36., 22. Linieninfanterieregiment, nach den Jägern, Husaren, Premier-, Secondelieutenants und Fähnrichen und der Dauer der diesmaligen Uebungen und den in einfachen Gemeinenuniformen steckenden Assessoren, Referendaren, Doctoren und Kaufleuten gefragt, dass das eine der beiden Englischen fräulein, die das Institut dirigirten, den Verlust der Sammlung zur Andacht in der Kapelle befürchtete und dann nur noch Armgart gestattete, über ihre Familienangelegenheiten, dans ses affaires, wie sie sagtesie war eine Strasburgerin –, mit dem so ehrbaren oder doch seinen Humor unter Ernst versteckenden Freiwilligen sich zu necken und auszuscherzen. Diese Freiheit war dann auch vollständig von Armgart benutzt worden bis zum Abschiede, den Lucinde gestört hatte. Benno brauchte sich nicht zu stolz zu dünken auf Armgart's Vertraulichkeit. Sie liebte im grund nur ein Wesen, ihre für sie ganz seraphische, immer nur wie in Marienkränzen, die durch weisse und rote Wolken gingen, eingerahmte Paula. Benno sah das aufs neue an der augenblicklichen Erkennung eines Wesens, von dem ihr Paula nur erzählt hatte! Von ihrer eigenen Anwesenheit auf Schloss Neuhof wusste sie nichts mehrHühner und Tauben und Schwäne und türkische Enten konnten in Armgart's Seele nicht haften bleiben, das mochte geringere Naturen fesseln. Armgart hatte im Stift Heiligenkreuz eine fast klösterliche Erziehung genossen. Frühzeitig hatte diese auch sie zur Traumwandlerin gemacht; nicht so, wie man bei Gräfin Paula in Wirklichkeit gefürchtet, dass sie's bis zum Wandeln im Schlafe bringen könnteseitdem sie das Streckbett verlassen, waren der Hochschlaf und die Sehergabe entschwundennein, nur figürlich; Armgart sah auf jeder Wolke einen Heiligen ruhen, sah in jeder Blume einen Elfen schlummern, sprach mit dem mond, mit der Welle, mit dem Steine, womit nicht alles, ohne doch darum dem lachen und Necken abgeschworen zu haben! Es war ein Duft um Armgart her, soviel Unwiderstehlichkeit, dass Benno sie auch bis zum Erobernmüssen geliebt und angebetet haben würde, wenn ihn nicht zwei Mächte zurückgehalten hätten. Einmal die Freundschaft für den jungen reichen Kaufmann Tiebold de Jonge, dem in Canada Armgart's Vater und Hedemann das Leben gerettet hatten und der, jetzt in seine Vaterstadt, die Residenz des Kirchenfürsten, zurückgekehrt, zu Armgart von einer wahrhaft leidenschaftlichen Liebe verzehrt wurde. Dann aber zweitens die tiefste Verstimmung über sein eigenes Lebensschicksal selbst, die dunkeln Anfänge seines Daseins, mancherlei Erfahrungen von frühester Jugend her, das bittere Gefühl, immer nur durch Andere und Fremde erhalten worden zu sein und eine darauf sich gründende Welt- und Lebensauffassung, die eine völlig negative und alles, was bestand, in Nichts auflösende war. Auch die Religion war ihm Menschenwerk. Wenn Benno gegen Grützmachern opponirt zu haben schien und von den Vorkommnissen innerhalb seiner Kirche mit warmer Teilnahme sprach, so war es nur aus politischen Gründen und um der Abneigung gegen das ganze damals herrschende Regierungssystem willen.

Während Benno schon von der lieblichen Armgart

träumte, noch ehe er entschlief, glaubte Hedemann nach ihm rufen zu hören.

Er richtete sich auf und sagte:

Hedemann! Wünschen Sie noch etwas?

Hedemann murmelte nur ...

Wieder drückte Benno seinen militärisch kurzge

schorenen, "ihm selbst wie nicht angehörenden" Kopf in die Kissen. Waren aber auch seine Augen bald geschlossen, so gaukelte doch Armgart vor ihnen, wie wenn sie wachten. Armgart hatte die Elasticität des Rehes und schelmisch standen ihr vorzugsweise drei Dinge. Am Kinn ein Grübchen