1858_Gutzkow_031_122.txt

Stadt, wo Bonaventura's älteren lebten, in Garnison stand und ihr den Hof machte, wie ihre Schönheit und ihr Geist verdienten. Diese Naturen erkannten sich aber erst nach geschlossener Ehe. Sie stiessen sich unheilvoll ab und als Monika eines Kindes, jener Armgart, genesen und Ulrich gerade versetzt worden war, erklärte die Gattin, ihm nicht folgen zu wollen. Sie selbst hatte eine Schwester, ihr Gatte einen Bruder. Jene hiess Benigna, dieser Levinus. Auch diese gaben ein Paar, eines vielleicht mit klügerm Instincte. Sie liebten sich schon lange, schon zehn Jahre vor dem Zeitpunkt, wo sie Schwäger wurden durch die Verheiratung Monika's mit Ulrich, heirateten sich aber nicht. Levinus, ohne Vermögen, verwaltete die grossen Güter des Grafen Joseph, des letzten der Dorste-Camphausen, während Benigna, die Schwester Monika's, die intimste Freundin der verstorbenen Gräfin und Mutter Paula's, der Schwester des Kronsyndikus, und die zehnjährige Verlobte des Onkel Levinus in dem Stift Heiligenkreuz, dicht bei Westerhof und Witoborn, lebte. Beide Schwäger, empört über das Benehmen des jungen Ehepaars, rissen wie nach einem Spruch des Femgerichts der roten Erde das Kind desselben, ihre Nichte, an sich und straften mit der Vorentaltung desselben den "unwürdigen" Vater wie die "unwürdige" Mutter. Sie versteckten die kleine Armgart in Wälder und Schluchten, in Keller und auf Heuböden und vorentielten sie den beiden Ehegatten, denen sie es nur zurückzugeben erklärten, wenn sie beide kämen Arm in Arm, in Liebe und Treue und Einigkeit, frei von der Schmach einer ganzen Familie, frei von der Verletzung der Sitte des ehrbarsten Landes und tugendhaftesten Volksstammes. Diese standesmässige, gleichsam altsächsische Bedingung erfüllten die Ehegatten nicht. Beseelt von gleichem Trotze, suchten sie einer dem andern Armgart abzugewinnen, offen zu erobern, geheim zu stehlen sogar ... vergebens, Onkel Levinus und Tante Benigna hatten das ganze Furioso, den ganzen Sturm, der über diese sonst so stillen, ruhigen, massvollen Menschen kommen kann, wenn eine überzeugung sie ergreift. Ihre Massregeln waren so sicher, dass sie in der Jagd auf Armgart Sieger blieben und der Mutter, die nicht zu ihrem mann wollte, dem Vater, der sich der Gattin verschloss, ein Kind vorentielten, mit dem sie "nicht in die weite Welt gehen sollten". Levinus und Benigna gedachten sich jetzt noch weniger zu verheiraten. In der Liebe zu dem Geschwisterkinde, das sie erzogen, waren sie bereits wie ehelich verbunden. Ulrich und Monika gingen verdüstert und verbittert ohne das ihnen vorentaltene Kind wirklich in die weite Welt. zwölf Jahre war Ulrich von Hülleshoven teils in England, teils in Britisch-Canada Soldat gewesen, ihm zur Seite Remigius Hedemann, einst in dem Regiment, in dem Ulrich exerciren gelernt, sein Unteroffizier, dann ein tüchtiger Landwirt, der einen Versuch machte, die letzten Besitztümer der verarmten Familie derer von Asselyn, die sich vor mehr als hundert Jahren aus dem Friesischen ins Land geheiratet, zu heben und dem dritten von drei Brüdern (die ältern waren Franz von Asselyn, der Dechant, Friedrich von Asselyn, der Vater Bonaventura's), Max von Asselyn, Benno's Adoptivvater, in der Bewirtschaftung derselben beizustehen. Letzter Versuch war nicht geglückt. Max von Asselyn starb bald nach dem unglücklichen Ende, das Friedrich von Asselyn auf einer Schweizerreise in den Alpen fand. Hedemann, geschätzt in allen diesen so eng verbündeten Familien, folgte seinem militärischen Zögling, Ulrich von Hülleshoven, der als Premierlieutenant seinen Abschied nahm, trug zwar nicht selbst die englische Uniform in Quebec und am Lorenzostrom, war aber dem bis zum Obersten Emporsteigenden immer zur Seite und kehrte, mehr als sein Freund, denn als sein Diener, mit ihm nach Europa zurück. Zu Kocher am Fall, in der Nähe des gutmütigen, alle schroffen Gegensätze dieser Familie mit unendlicher Güte und Milde ausgleichenden Dechanten zu St.Zeno, einem alten, reich dotirten Stifte, einem der wenigen, die in ihrem alten Glanze durch die neuen Zeitläufe deshalb unberührt geblieben waren, weil der Kaiser von Oesterreich einen teil der Patronatsrechte besass, siedelte sich der Oberst Ulrich von Hülleshoven zunächst an und man versuchte nun von dort aus, soweit es der schroffe, düstere und der Aussöhnung wenig geneigte Sinn desselben gestattete, die so gewaltsam zerrissenen Familienbande wieder anzuknüpfen. Hedemann war nach Westerhof und dem Institut der Englischen fräulein entsendet gewesen, um den Onkel Levinus und die Tante Benigna zur Aussöhnung, Armgart aber zu einem Besuch des Vaters, den sie nie gesehen und der seinerseits aufgesucht sein wollte, zu bewegen. Statt der Aussöhnung und statt Armgart's brachte Hedemann, der mit Benno von Asselyn, dem von ihm fast erzogenen Adoptivsohn des verstorbenen Max von Asselyn, in der Residenz des Kirchenfürsten zusammengetroffen und von diesem nach Kocher am Fall auf dem Dampfboot und zu Fuss begleitet worden war, einen Brief der Lehrerin Angelika Müller an den Dechanten. Was er entielt, wussten Hedemann und Benno nicht, der ihn für die Dechanei an sich nahm. Als jener dem jungen kind gesagt hatte, der Vater nähme Anstand, sie in Lindenwert selbst zu besuchen, so sehnsüchtig er nach ihr verlangte, er wünsche und hoffe aber, dass sie, wenn nicht ihn, doch den Onkel Dechanten, wie Franz von Asselyn in allen diesen Familien hiess, besuche; da hatte Armgart nichts erwidert als dass sie zwar von namenlosester sehnsucht zu ihrem nie gesehenen Vater erfüllt wäre,